Streit um Juden-Friedhöfe Darbellay entschuldigt sich in offenem Brief

  • Publiziert: 04.12.2009, Aktualisiert: 16.01.2012
  • Von Georg Nopper

BERN – Der Durchmarsch des Minarett-Verbots hat den CVP-Chef offenbar so beeindruckt, dass er einen Stopp muslimischer und jüdischer Friedhöfe forderte. In einem offenen Brief gibt er jetzt klein bei.

Es sah ganz nach einem Versuch aus, im rechten Lager nach Wählerstimmen zu fischen. In einem Interview mit dem Aargauer Lokalsender «Tele M1» sagte CVP-Parteipräsident Christophe Darbellay, man sollte bei der Friedhofs-Frage «keine Ausnahmen mehr» für muslimische Friedhöfe schaffen.Auch nicht für jüdische Friedhöfe? «Die, die es gibt, soll man behalten», so der Christdemokrat. Seine Begründung: «Wir müssen eine Religion so behandeln wie die andere.» Bei einem allfälligen Kopftuchverbot, für das er sich schon seit längerer Zeit einsetzt, will er einzig bei christlichen Nonnen eine Ausnahme machen.Juden empört Die Reaktionen auf Darbellays Offensive waren heftig: Was dieser herausposaune, sei «ein Rückschritt hinter die Aufklärung und völlig unchristlich», sagte der Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins «Tacheles». Der Generalsekretär der israelischen Cultusgemeinde Zürich, Frédéric P. Weil, äusserte seine Hoffnung, dass die Anti-Minarett-Initiative nicht der «Startschuss gewesen war, die Religionsfreiheit in diesem Land einzuschränken» (Blick.ch berichtete).Eiskalt erwischt mit Juden-FrageDarbellay war es plötzlich nicht mehr geheuer, denn er geriet mit seinem Vorpreschen nicht zuletzt auch in der eigenen Partei unter Beschuss. Heute nun übt er sich in Schadensbegrenzung und bittet in einem offenen Brief um Entschuldigung. «Es tut mir leid, wenn ich damit Gefühle verletzt habe», schreibt er.«Meine Äusserungen waren persönlicher Art. Ich hatte sie auch in der Hitze des Gefechts in diesem Fernsehinterview zuwenig differenziert ausführen können und wurde von der Frage bezüglich jüdischer Friedhöfe überrascht», so Darbellay weiter. Er habe sich nicht gegen jüdische Friedhöfe aussprechen wollen.«Wahre Probleme» lösen Dann macht der CVP-Präsident die offizielle Haltung seiner Partei geltend: Er wolle festhalten, dass er gemäss den Grundlagenpapieren der Christdemokraten «zum guten Zusammenleben der verschiedenen Kulturen in der Schweiz verbindliche Regelungen für alle Glaubensgemeinschaften» fordere sowie die Bereitschaft zur «Integration von allen Seiten, auch von der unsrigen».Und um seine aufgeklärte Haltung zu untermauern, weist er nochmals auf die offizielle Parole der CVP in Sachen Minarett-Initiative hin und bezeichnet die Diskussion um die Gebetstürme als «Stellvertreterdebatte». «Selbst die Befürworter der Initiative geben heute zu, dass es gar nicht um die Minarette ging», schreibt er. Vielmehr gehe es der Partei darum, die «wahren Probleme» zu lösen.
play CVP-Präsident Christophe Darbellay: Hat er der Partei mit seinem Vorpreschen einen Bärendienst erwiesen? (Reuters)

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