Das Care Team der Armee «Da wurden uns Grenzen aufgezeigt»

  • Aktualisiert am 09.01.2012
  • VON <a href="mailto:snx@ringier.ch">MICHAEL SCHARENBERG</a>

ZÜRICH – Beim schrecklichen Unfall an der Jungfrau kam auch das Care Team der Armee zum Einsatz. Im Interview mit Blick Online sprach Andreas Blaser von seinen Erfahrungen bei dieser wichtigen Arbeit. Und von den Grenzen des Helfens.

Wenn Medien über Verbrechen oder Katastrophen berichten, ist meist irgendwo noch zu lesen: «Die Betroffenen werden von einem Care Team unterstützt.» So zum Beispiel beim Swissair-Absturz vor Halifax 1998, beim Amoklauf in Zug 2001, bei der Flugzeugkollision über Überlingen 2002, beim Amok in der Zürcher Kantonalbank 2004.

Und auch jetzt, bei dem schrecklichen Bergunfall, bei dem sechs Rekruten ihr junges Leben verloren.

Was macht aber ein Care Team eigentlich? Wie helfen diese Spezialisten Menschen, die unter Schock stehen? Im konkreten Fall also den acht Überlebenden, die mit ansehen mussten, wie ihre Kollegen in die Tiefe gerissen wurden.

Blick Online fragte Fachoffizier Andreas Blaser. Der gelernte Psychologe gehört zum Team des Psychologisch-Pädagogischen Diensts (PPD) der Armee. Dessen Chef ist Oberst Peter Bolliger.

Blick Online: Herr Blaser, wie erfuhren Sie von dem Unglück? Und was haben Sie unternommen?
Andreas Blaser: Ich wurde am Telefon informiert. Und dann stellte ich sofort mein Team zusammen. Dabei konnte ich auf Mitarbeiter zurückgreifen, die permanent innerhalb von Stunden zur Verfügung stehen. So stiessen zum Team Spezialisten aus Lauterbrunnen und aus Grindelwald: Psychologen mit einer Zusatzausbildung Notfallpsychologie und auch ein Feldprediger.

Welches waren Ihre ersten Massnahmen?
Wir trafen die acht Männer in einem Restaurant in Grindelwald. Dann wurde rasch klar, dass es das Beste wäre, sie nach Andermatt zu begleiten, wo sie mit dem Rest ihrer Kompanie zusammensein wollten.

Die Soldaten haben dann lange miteinander geredet . Das ging ganz spontan, die kannten sich ja alle sehr gut.

Was war Ihre Rolle dabei?
Wir haben erst nicht viel gemacht. Diese Männer brauchten keine Aufforderung zum Reden. Aber dann haben wir allmählich interveniert. Behutsam. Wir haben versucht, die jungen Leute auf die Gefühle vorzubereiten, die auf sie zukommen würden.

Welche denn?
Schuld.

Wie ging dieser schreckliche Tag weiter?
Um 19 Uhr 30 wollten die Männer die Tagesschau schauen. Sie wollten sehen, welche Bilder es gab.

Und dann?
Dann hatten einige das Bedürfnis sich zurückziehen und allein zu sein, andere wollten weiter mit ihren Kollegen reden. Das ging bis zur Sendung «10vor10». Um halb elf dann gingen die Männer schlafen.

War Ihr Einsatz damit abgeschlossen?
Noch nicht. Einige Teammitglieder blieben auch am Freitagvormittag noch bei den Männern. Der Feldprediger organisierte ein Ritual mit ihnen. Am Mittag wurden die Soldaten dann entlassen. Erst damit war unser Einsatz abgeschlossen. Ich selbst bekam dann aber noch das Aufgebot, eine Familie psychologisch zu unterstützen. Das war aber nicht nötig, es waren sehr viele Familienmitglieder beisammen.

Herr Blaser, was bleibt Ihnen jetzt von diesem Einsatz, wenige Tage danach?
Wenn Eltern ihren Sohn verlieren, dann gibt es nicht einfach Trost. Da wurden uns die Grenzen unserer Arbeit aufgezeigt.

Care Teams

Heute haben sehr viele Firmen und Kommunen ein Care Team. Richtig bekannt wurde diese Einrichtung aber erst durch das Care Team der damaligen Swissair, das beim Absturz von Flug SR111vor Halifax so wertvolle Arbeit leistete und zu einem Vorbild für Care Teams wurde. Daraus hervorgegangen ist CareLink, eine Organisation zur emotionalen und praktischen Betreuung von Menschen, die von einem Unfall oder einer Katastrophe betroffen werden. CareLink erbringt unter ihrem Chef Franz Bucher im Auftrag ihrer Kunden Betreuungsleistungen bei belastenden Ereignissen in der Schweiz oder mit starkem Bezug zur Schweiz.
Der PPD der Armee dient vor allem der Prävention und der Stressbewältigung. Es soll verhindert werden, dass Menschen im ungewohnten Umfeld des Militärdienstes krank werden, sagt Oberst Peter Bolliger, Chef des PPD.
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