Sein neustes Rezept gegen die Kostenexplosion Couchepin will uns Telefon-Doktor verschreiben

  • Aktualisiert am 19.01.2012
  • Von Henry Habegger

Gratis-Telefondoktor für alle: Mit dieser neuen Idee will Gesundheitsminister Pascal Couchepin die Zahl der Arztbesuche reduzieren und die Prämienexplosion bremsen. Aber Couchepin will uns so auch die umstrittene Praxisgebühr von 30 Franken schmackhaft machen.

Mit der Idee «Telefondoktor für alle» geht Gesundheitsminister Pascal Couchepin laut BLICK-Recherchen heute in den Bundesrat. Der Vorschlag ist ein Teil des dringlichen Pakets, mit dem Couchepin die Kostensteigerung im Gesundheitswesen dämpfen will. Was auch dringend nötig wäre: Um bis zu 14 Prozent sollen die Krankenkassenprämien laut Prognosen nächstes Jahr steigen.

Ein Hauptgrund für die Prämienexplosion sind die steigenden Arztkosten. Darum will Couchepin einerseits die umstrittene Praxisgebühr einführen: 30 Franken soll künftig zahlen, wer einen Arzt aufsucht. Ausnahmen gibt es beispielsweise für Schwangere, Kinder oder Prävention (auf Blick.ch).

Mit dem Telefondoktor will der Gesundheitsminister diese Praxisgebühr jetzt noch weiter abfedern und mehrheitsfähig machen. Wer sich die 30 Franken sparen will, soll sich künftig gratis am Telefon von Fachpersonal darüber beraten lassen können, wie er weiter vorgehen muss. Ob er wirklich einen Arzt aufsuchen muss oder ob es eine andere Lösung für das Problem gibt. Denn Telefondoktoren können beispielsweise auch Rezepte ausstellen. England oder skandinavische Länder machten mit der Telefonberatung gute Erfahrungen.

Die Dienstleistung Telefonarzt, so Couchepins Vorschlag, sollen künftig alle Krankenkassen ihren Versicherten kostenlos zur Verfügung stellen müssen. Über eine Gratis-Telefonnummer, mit medizinisch ausgebildetem Fachpersonal. Die Kassen dürften den Telefondoktor nicht über die Prämien finanzieren, sondern müssten ihn über ihre Verwaltungskosten berappen.

Der Zoff mit den Kassen ist programmiert. Couchepin verspricht sich von seinem Vorschlag aber kostendämpfende Effekte und Entlastung an der Prämienfront: Weil Telefonberatung weniger Kosten verursacht als der Besuch einer Arztpraxis oder der Notfallstation eines Spitals. 2008 kostete ein durchschnittlicher Arztbesuch 159 Franken, wovon 36 Franken für Medikamente anfielen. Spitäler verrechneten im Schnitt gar 375 Franken, wovon 50 Franken für Medis.

Aber auch Vorteile für die Versicherten soll der Service haben – nämlich einfacher Zugang zur Medizinversorgung. Per Telefon ist der Zugang zum Arzt einfacher und schneller zu haben. Schon darum, weil fast jeder ein Mobiltelefon mit sich herumträgt. Lange Anfahrtswege und Wartezeiten fallen weg.

Das System der telefonischen ärztlichen Beratung gibt es schon heute. Viele Krankenkassen verkaufen es als vergünstigtes Versicherungsmodell. Die meisten Kassen arbeiten bei diesen Telmed-Modellen mit Firmen wie Medgate oder Medi24 zusammen. Das sind Unternehmen, die rund um die Uhr Gesundheitsberatung anbieten und dafür ganze Teams von Ärzten und anderen Fachleuten beschäftigen. Medgate betreibt derzeit für das Bundesamt für Gesundheit beispielsweise die Schweinegrippe-Hotline.

Das letzte Wort zu Couchepins umstrittener Telefonarzt-Idee wird in der Sommersession das Parlament haben. Es muss über die dringlichen Massnahmen zur Kostendämpfung entscheiden.

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Kommentar

Später Tropfen auf den heissen Stein

Ein zweistelliger Prämienschub droht, und das in der Wirtschaftskrise, wo wir sowieso weniger Arbeit und Geld haben. Bundesrat Pascal Couchepin versucht mit allen möglichen Mitteln und Mittelchen, den Prämienschock zu dämpfen. Jetzt schlägt er auch noch den Telefon-Doktor vor.

Es stimmt, Couchepins Medizin ist nicht mehr als ein später Tropfen auf den heissen Stein. Die Prämien werden trotzdem steigen.

Trotzdem machen Mittel wie Praxispauschale oder Telefon-Doktor Sinn. Ganz einfach, weil sie verlangen, dass wir alle unsere Eigenverantwortung verstärken. Dass wir uns immer fragen, ob es nötig ist, zum Arzt zu laufen oder andere teure medizinische Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Sicher, das ist viel verlangt, denn die Gesundheit ist für alle und zu Recht das höchste Gut.

Aber gerade diese Eigenverantwortung wird in Zukunft immer wichtiger, wenn wir weiterhin ein qualitativ hochstehendes Gesundheitssystem mit freiem Zugang für alle haben wollen. Der Fortschritt mit all seinen positiven Folgen – wie etwa die immer höhere Lebenserwartung – führt dazu, dass Gesundheit immer mehr kostet.

Wohl wären noch viele schmerzlose Sparmassnahmen möglich: Bei Medikamentenpreisen, Tarifen, Hilfsmitteln, durch bessere Organisation. Aber dauerhaft stagnierende, geschweige denn tiefere Prämien sind damit nicht zu haben. Die kriegen wir nur um den Preis des Leistungsabbaus und letztlich der Zweiklassenmedizin.

Und das ist das Letzte, was wir wollen.

Von Henry Habegger, Redaktor

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