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Vernichtete Atombomben-Akten: Bundesrat hilft CIA

BERN – Der Bundesrat gab gestern zu: Er liess Atombomben-Akten vernichten. Begründung: weil sie sonst in falsche Hände hätten kommen können. Was der Bundesrat einmal mehr verschwieg: die zentrale, aber undurchsichtige Rolle der CIA.

Von Henry Habegger | Aktualisiert um 10:05 | 24.05.2008
Bundesrat Pascal Couchepin heute an der Medienkonfernz in Bern: Akten vernichtet, damit sie nicht in falsche Hände geraten. (Reuters)
Bundesrat Pascal Couchepin heute an der Medienkonfernz in Bern: Akten vernichtet, damit sie nicht in falsche Hände geraten. (Reuters)
Pascal Couchepin (66) scheut sonst keine Fragen. Gestern aber beliess er es bei einer Lesung. Diszipliniert las er eine Regierungserklärung vom Blatt. Fragen beantwortete der Walliser danach vorsätzlich keine.

Wen wunderts. Die Sache ist heiss. Eingebrockt hat sie vor allem einer, der nicht mehr dabei ist: Ex-Justizminister Christoph Blocher (67), der die Schredderei anregte.

So war es an Couchepin, gestern für die Regierung erstmals zu bestätigen, was BLICK schon im Februar aufdeckte: dass sie im Atomschmuggelverfahren gegen drei Mitglieder der St. Galler Ingenieursfamilie Tinner Beweise vernichten liess. Den Tinners wird vorgeworfen, im Netzwerk des Pakistanis Abdul Qader Khan mitgewirkt zu haben, der
verschiedenen muslimischen Staaten die Atombombe zu verkaufen versuchte.

Couchepin bestätigte, dass der Bundesrat den geheimen Vernichtungsbeschluss am 14. November 2007 fällte. Laut Couchepin ging es um Akten, die die Bundesanwaltschaft bei den Tinners sichergestellt habe. Sie hätten ein «erhebliches Sicherheitsrisiko für die Schweiz und die Staatengemeinschaft» beinhaltet. «Es handelte sich inbesondere um detaillierte Baupläne für Nuk­learwaffen, für Gasultrazentrifugen zur Anreicherung von waffenfähi­gem Uran sowie für Lenkwaffen­trägersysteme.»

Die Regierung begründete die Vernichtung auch mit dem internationalen Vertrag über Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen. Die Vernichtung sei «unter Aufsicht» der Internationalen Atomenergieagentur (IAEO) in Wien erfolgt.

So weit, so gut. Leider blieben gestern viele Fragen offen:

  • Sind wir ein Schurkenstaat? Oder warum muss ein stabiles Land wie die Schweiz, das atombomben­sichere Bunker hat, Dokumente vernichten? FDP-Ständerat und CIA-Ermittler Dick Marty spottet: «Das Land, das 40 Prozent der Privat­vermögen dieser Welt verwaltet, soll nicht sicher sein?»
  • Ist es etwa so, dass die Herkunft der Bombenpläne verschleiert werden muss? In den USA gibt es Berichte, dass solche Pläne aus dortigen Nuklearzentren gestohlen und etwa an Pakistan verkauft wurden. Anderen US-Berichten zufolge hat die CIA selbst etwa dem Iran gezielt Atom-Pläne zugespielt. Zwar habe sie dabei Fehler eingebaut. Was Experten aber sofort merkten.

    Warum deckte der Bundesrat immer wieder den US-Geheimdienst CIA? In ihrer Erklärung gab die Regierung gestern zu, dass auf Antrag Blochers im August 2007 die Eröffnung eines Spionageverfahrens gegen die Tinners und ihren Auftraggeber CIA abgelehnt wurde. Warum? Immerhin soll die CIA bei uns eine illegale Haussuchung gemacht haben.

    Von der IAEO wollte BLICK gestern wissen, wie, wann und mit wie viel Personal die Aktenvernichtung in der Schweiz beaufsichtigt worden sei. Die höfliche Antwort aus Wien: «Wir haben der Erklärung des Präsidenten nichts hinzuzufügen.»

    Fragen, aber keine Antworten. Da sagt Dick Marty: «Ich habe ein sehr ungutes Gefühl. Wenn diese Akten das wären, wofür man sie ausgibt, müsste man sie in einem Land wie der Schweiz nicht ver­nichten.»
  • Darum gehts

    BLICK hatte im Februar enthüllt, dass der Bundesrat besagte Akten, die den CIA belasteten, vernichtet hatte. Der Entscheid wurde auf Antrag das damaligen Justizministers Christoph Blocher (SVP) und auf Druck des US-Geheimdienstes CIA gefällt. Die Amerikaner haben einiges zu verstecken, weil die Ingenieure Tinner zuletzt auch als bezahlte CIA-Informanten arbeiteten. Dann wurde bekannt: Der Geheimdienstausschuss des Parlaments (GPDel) wurde vom Bundesrat über die Vernichtung informiert (Blick.ch berichtete).
    Abdul Qader Khan, der sich «Vater der pakistanischen Atombombe» nennt, versorgte diverse muslimische Länder mit Atombombentechnologie. Die CIA liess das Netzwerk 2003 auffliegen, als ein Schiff voll von Atomtechnologie auf dem Weg nach Libyen war. Die Brüder Tinner sitzen immer noch in Schweizer Untersuchungshaft. Sie könnten aber demnächst auf Kaution freigelassen werden.

    Kommentar

    Henry Habegger, Bundeshausredaktor
    Henry Habegger, Bundeshausredaktor

    Sind wir denn ein Schurkenstaat?

    Von Henry Habegger

    Der Bundespräsident hat heute endlich hochoffiziell bestätigt, was BLICK im Februar aufdeckte: Die Regierung hat per Geheimbefehl angeordnet, dass brisante Akten in Atomverfahren Tinner vernichtet werden müssen. Es sei um gefährliche Anleitungen zum Bombenbau gegangen. Darum habe man sie damals auf Antrag des damaligen Bundesrat Blocher beseitigt.

    Diese Begründung für die Schredderaktion ist erstens eine Zumutung, zweitens nur die halbe Wahrheit und drittens torpediert sie den Rechtsstaat.

    Erstens: Sie stellt die Schweiz auf eine Stufe mit einem Schurkenstaat. Als ob wir mit den Plänen eine Atombombe basteln wollten. Als ob wir nicht fähig wären, solche Pläne sicher wegzuschliessen.

    Zweitens: Es ging nicht nur um die Bombenpläne. Mit geschreddert wurden auch Belege, die zeigten, dass die CIA im Fall Tinner in der Schweiz illegal aktiv war. Etwa mit einer heimlichen Hausdurchsuchung. Dort haben sich die Amis übrigens frühzeitig Kopien der Dokumente und Pläne beschafft, die jetzt in der Schweiz geschreddert wurden. Aber die werden ihre Kopien sicher nicht schreddern!

    Drittens: Gegen die Tinners läuft in der Schweiz ein Strafverfahren. Weil jetzt grosse Teile der Beweisakten fehlen, wird es zur Farce. Viele Vorwürfe gegen die Beschuldigten, die übrigens auch für die CIA arbeiteten, sind jetzt gar nicht mehr zu belegen.

    Man kann es drehen und wenden wie man will. Die Schweiz kuscht vor den USA.

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