Bus-Fahrer Oliver Wyss (25) über seinen brutalen Job-Alltag «Die Ausraster der Passagiere sind kaum zu ertragen»

OBERWIL BL - Beleidigungen, Schimpftiraden, Faustschläge: Die Palette von Gewalt und Übergriffen, denen Busfahrer ausgesetzt sind, ist lang. Oliver Wyss (25) aus Aesch BL hat genug.

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Für seinen einstigen Lieblingsberuf findet Busfahrer Oliver Wyss (25) nur noch bittere Worte. «Die Ausraster der Passagiere sind kaum mehr zu ertragen. Langsam nehmen sie mir die Freude am Busfahren», sagt der Baselbieter, der seit zwei Jahren für die BLT Baselland Transport AG unterwegs ist. Nach einer Lehre im Detailhandel erfüllte er sich vor drei Jahren seinen Kindertraum und wurde Busfahrer. Der Traumjob wird für ihn zunehmend zur Belastung. «Wir werden beschimpft, bespuckt, getreten oder als Vollidioten hingestellt», sagt er. Und: «An manchen Tagen fühle ich mich schlicht verschaukelt!»  

So auch am vergangenen Samstag auf der Linie 59 zwischen Oberwil BL und Bottmingen. Wyss ist mit seinem Sprinter pünktlich unterwegs. An der Haltestelle Dreilinden wartet eine ältere Frau mit ihrem Rollator. Ohne Hilfe schafft die Rentnerin die Stufen in den Bus nicht. Wyss steigt aus und hilft ihr hinein. Als sie zwei Stationen später aussteigt, ist der Busfahrer erneut zur Stelle.

Passagiere maulen über Hilfsbereitschaft

Für den Chauffeur eine Selbstverständlichkeit, für manche Passagiere pure Schikane. Kaum zurück am Steuer beschimpfen sie den Busfahrer übel. «Ich sei ein Arschloch und solle endlich losfahren und die verlorene Zeit einholen, maulte ein Gast und wurde immer aggressiver», so Wyss. Für ihn noch schlimmer: «Weder der Frau noch mir haben die Gäste geholfen. Alle anderen Passagiere haben beschämt zur Seite geguckt oder in ihren Smartphones rumgetippt.»

Das Beispiel ist laut Wyss kein Einzelfall. Mittlerweile werden Buschauffeure täglich beleidigt. «Die Leute motzen, wenn ich abrupt bremsen muss, wenn andere hupen und wir im Stau stehen», sagt Wyss. «Es ist eine Frage der Zeit, bis mich einer angreift und ernsthaft verletzt.» Erst im Juli starb einer seiner Kollegen im Waadtland an den Folgen einer Attacke im Führerstand (siehe Box). 

Zielscheibe im Strassenverkehr

Rücksichtslos geht es auch im Verkehr zu. Drängelnde Autofahrer, die mit dem Bus um jeden Meter kämpfen. Velofahrer, die den Vortritt missachten. Fussgänger, die bei Rot über die Strasse laufen. Der junge Busfahrer fürchtet zunehmend um die Sicherheit seiner Fahrgäste. «Ich trage die Verantwortung für über 100 Personen. Muss ich eine Vollbremsung machen, prallen die Passagiere an die Scheiben.»  

Trotz Gefahren, Beschimpfungen und Beleidigungen – bislang schaffte es Wyss, immer ruhig zu bleiben. Er liess sich nicht provozieren. «Ich habe den Spass an meinem Job noch nicht verloren.» Doch das Abschalten nach Feierabend werde zunehmend schwieriger. «Manche Beleidigungen tun einfach weh!»

Publiziert am 08.11.2016 | Aktualisiert am 17.11.2016
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64 Kommentare
  • Marion  Jost aus Schönenwerd
    09.11.2016
    Vielleicht noch ein Tipp an den Fahrer: wenn man die Menschen freundlich begrüsst, ein ehrliches Lächeln zeigt, vielleicht ein nettes Wort durch den Bus schickt, nimmt es vielen schon die Grundlage für schlechtes Benehmen. Also einfach ein herzliches guten Tag und Willkommen, kann schon Unfreundlichkeit im Keim ersticken! In Olten schickt der Busfahrer oft ein nettes Danke mit Smiley über die Anzeige, wenn man ihn vorgelassen hat. Auch diese Geste finde ich schon toll.
  • Thomas  Flückiger , via Facebook 08.11.2016
    Ich habe mich heute ein wenig gewundert. Ich bin seit über 4 Jahren als Postautochauffeur tätig. Heute habe ich von 2 Fahrgästen ein Kompliment für meine Fahrweise und Geduld bekommen. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Das ist bisher noch nie vorgekommen. Ich denke das hängt mit diesem Artikel zusammen. Ich würde mich freuen wenn sowas Öfter vorkäme. Ich hatte danach ein positives Gefühl und bin trotz viel Verkehr und Stress und Verspätung mit einem guten Gefühl in den Feierabend gegangen.
  • Charly  aus Belp
    08.11.2016
    Wundert mich nicht, es ist regelrecht eine Heze der Linken an alle Strassenverkehr Teilnehmer/Innen, da wird schikaniert, abgezockt und gebüsst wie es gefällt, dabei machen alle die Chauffeure und vile andern nur ihren Job, zum teil unter schlechter Bedingungen und unter Zeitdruck, wo ist dan da noch die Logik , von Freundlichkeit kan schon lange keine Rede mehr sein
  • Beat  Kalberer aus Wangs
    08.11.2016
    Hat der Linienbus tatsächlich Vortritt, wenn sein Chauffeur bei der Bushaltestelleden Blinker setzt und wegfahren will?
    Die Antwort auf Ihre Frage finden Sie in derVerkehrsrechtsverordnung VRV unter Punkt 17, Absatz 5. Da ist folgendes dazu festgehalten: Kündigt der eines Busses im Linienverkehr innerorts bei einer gekennzeichneten Haltestelle an, dass er wegfahren
    will, so müssen die von hinten herannahenden Fahrzeugführer nötigenfalls die Geschwindigkeit mässigen oder halten.
    • Marion  Jost aus Schönenwerd
      09.11.2016
      Das kommt von dieser unsäglichen Einstellung dass Regeln die ein gutes Miteinander gewährleisten sollen, bei vielen einfach ignoriert werden und diese Leute haben das Gefühl dass Gesetzte für sie nicht gelten! Das hat mit dem Egoismus zu tun der immer mehr zum Vorschein kommt. Es wird noch schlimmer werden, befürchte ich, Anarchie wird herrschen und vielleicht bald auch das Chaos!
  • Thomas  Merki aus Effretikon
    08.11.2016
    Vor nicht langer Zeit gab ich meinen gut bezahlten Job auf um mein Traum als Busfahrer zu realisieren. Das Vorurteil unfreundliche Busfahrer kannte ich. Mittlerweilen verstehe ich das vollkommmen. Wenn man die Leute begrüsst die an der Türe 1 einsteigen grüsst nur jeder dritte. Respektlos wird im Winter die Türe 1 benutzt von nicht gehbehinderten Personen. Als Busfahrer muss man mit dem Motto gehen: man kann es nicht allen recht machen!