BLICK-Kommentar
Alte Wunden sind am Verheilen
Didier Burkhalter sagte nach seiner Wahl gestern Bemerkenswertes: Ebenso wichtig wie der Name des Siegers sei die Art und Weise, wie der Sieg zustande kam.
Tatsächlich: Nach vielen Bundesratswahlen mit wüsten Begleiterscheinungen verlief die gestrige Ausmarchung würdevoll und geprägt von gegenseitigem Respekt. Dank der CVP und Urs Schwaller, die ihre Niederlage mit Grösse akzeptiert haben. Aber auch dank allen anderen Akteuren.
Das Besondere gestern: Erstmals seit langem deutet sich an, dass alte Wunden verheilen, die von den heftigen Kämpfen um Christoph Blocher herrühren.
Erstmals seit Blochers richtigerweise erfolgten, aber heimlich eingeleiteten Abwahl sieht sich die SVP von der Linken wieder offen und ehrlich behandelt und damit respektiert. Darum, weil der FDP-Kandidat, der auch der SVP-Kandidat war, rund 30 Stimmen von Rot-Grün erhielt. Erstaunt nahmen es SVP-Vertreter zur Kenntnis. Nicht wenige waren vorher zutiefst überzeugt: «Die SP spielt wieder mit verdeckten Karten und verhilft Schwaller zum Sieg. Dass Burkhalter viele linke Stimmen erhalte, ist eine Lüge.»
Es war keine Lüge, sonst wäre Burkhalter nicht Bundesrat. So könnte die gestrige Wahl ein erster Schritt sein zum Abbau von Misstrauen, ja Hass. Und dazu, dass auch die SVP bald nicht mehr stur als Block wählt.
Wenn das so ist, dann war gestern ein guter Tag. Für das Land, dem weder Blöcke und Blockaden noch Misstrauen und Hass weiterhelfen.
Henry Habegger, Bundeshaus-Redaktor