Wegen der steigenden Anzahl von Asylbewerbern braucht die Schweiz mehr Asylzentren. Das treibt Bürger auf die Barrikaden. SonntagsBlick war vor Ort.
Es brodelt im Land. In Bettwil AG probt ein 560-Seelen-Dorf den Aufstand, weil in einer Kaserne 140 Asylbewerber einziehen sollen. In Zug meutern die Anwohner, weil im Villenviertel mit Seeblick ein Asylzentrum geplant ist. In manchen Orten, in denen bereits Asylzentren stehen, beschweren sich Menschen über Diebstähle, Einbrüche, Belästigungen.
Die Stimmung in der Schweiz ist aufgeheizt. Der Grund: Immer mehr Asylbewerber kommen in die Schweiz (siehe Seite 5). Allein die Zahl der Tunesier hat sich verdreifacht. Besonders die Konflikte im arabischen Raum haben zu einem Flüchtlingsstrom geführt.
Weil die vorhandenen Asylzentren aus allen Nähten platzen, müssen die Kantone für neue Unterkünfte sorgen. Das ist nicht einfach. Keine Gemeinde reisst sich um ein Asylzentrum. Doch weil die Not gross sei, so klagen Politiker, könne man sich die Orte selten aussuchen.
Viele Menschen in der Schweiz reagieren mit Angst, Wut oder Unverständnis. Der Blick in Kriminalitätsstatistiken sorgt für Unruhe. SonntagsBlick hat sich auf den Weg gemacht, um der Stimmung im Land nachzuspüren. Wir trafen auf Orte, an denen die Lage zu eskalieren droht, hörten die tragischen Geschichten von Flüchtlingen und trafen vor allem auf eines: viele verunsicherte Menschen. Doch es gibt auch Positives zu berichten: dass ein Asylzentrum nicht unbedingt Schwierigkeiten mit sich bringen muss, wie das Beispiel Rapperswil zeigt.
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Fischbach LU: Empörung über das neue Zentrum
Im Saal des Gasthofs Krone liegt Spannung in der Luft: Sieben Mitglieder des «Komitees gegen ein Asylzentrum Fischbach» machen ihrem Unmut Luft. Der Kanton will in dem 700-Seelen-Dorf ein Asylzentrum errichten.
55 Asylsuchende sollen im ehemaligen Bürgerheim am Ortsrand unterkommen.
«Die Angelegenheit muss begraben werden», fordern die 30 Komitee-Mitglieder. Sie fürchten sich vor Kriminalität und fühlen sich vom Kanton übergangen. Auch der Gemeinderat lehnt das Zentrum ab. «Das Verhältnis zwischen Einwohner- und Asylbewerberzahl stimmt nicht», sagt Sprecher Benjamin Steinmann, «und der nächste Polizeiposten ist 12 Kilometer entfernt.» Jetzt hat das Komitee eine Unterschriften-Petition an den Kanton geschickt und im Ort Banner aufgehängt.
Der Luzerner Regierungsrat Guido Graf zeigt Verständnis für die Ängste der Bürger – gibt sich aber machtlos. «Weil der Bund uns immer mehr Asylsuchende schickt, können wir uns die Gebäude nicht mehr aussuchen», sagt er. Morgen Montag will Graf bekannt geben, ob das Zentrum tatsächlich kommt. Die Wut seiner Mitbürger – bis hin zu Drohungen – bekommt nun auch Beat Ottiger (52) zu spüren. Der Landwirt ist der Besitzer des Bürgerheims. Dabei wollte er nur Gutes tun. «Meine Familie und ich haben früher neben einem Asylzentrum gewohnt. Das war für mich und meine Kinder eine positive Erfahrung», sagt er.
Und eine Fischbacher Landwirtin (47) versteht die Aufregung ihrer Mitbürger ebenfalls nicht. «Ich habe nichts gegen ein Asylzentrum», sagt sie. Doch aus Angst vor Repressalien will sie anonym bleiben. «Eine sachliche Diskussion ist gar nicht mehr möglich.»
Birmensdorf ZH: Streit um die «Asylantengasse»
Armut und Polizeibrutalität vertrieben Anis B. (29) aus Tunesien. Ein Boot brachte ihn nach Europa. Seit zwei Wochen lebt er im Asylzentrum Birmens-dorf. In Italien musste er am Bahnhof schlafen. «Ich bin froh, ein Dach über dem Kopf zu haben», sagt er.
Jetzt bekommt er 80 Franken pro Woche und wartet auf seinen Asylentscheid. Von seinem Zimmer blickt er auf einen Kiesweg, der Birmensdorf in die Schlagzeilen gebracht hat. Er führt zum Bahnhof und wurde vor kurzem saniert.
Böse Zungen behaupten, man habe die «Asylantengasse» ausgebaut, um Ausländer vom Ortskern fernzuhalten. Das glauben auch Asylbewerber. Gemeindepräsident Werner Steiner (62) wehrt sich: «Wir wollten keine Ausländer ausgrenzen», sagt er. «Wir haben nur einen bestehenden Fussweg saniert, damit die Asylsuchenden, Quartierbewohner und die Soldaten der angrenzenden Kaserne schneller zum Bahnhof kommen.» Anis B. interessiert das nicht. Er will nur eines: «Asyl bekommen und dann arbeiten.»
Bettwil AG: Ein Dorf will sich wehren «bis zum bitteren Ende»
Erst seit einem Monat ist Gemeindeammann Wolfgang Schibler (62) im Amt, schon schaut die ganze Schweiz auf ihn. Er soll verhindern, dass in der Kaserne am Ortsrand 140 Asylbewerber für ein halbes Jahr einquartiert werden. Sogar ein Drohschreiben hat er schon bekommen.
«So viele Asylbewerber in einem Dorf mit 560 Einwohnern – das ist zu viel», findet Schibler: «Wir hätten vorher informiert und in die Entscheidung des Kantons miteinbezogen werden müssen.»
Noch will der Aargau an seinen Plänen festhalten, doch Bettwil befürchtet Überfremdung und Kriminalität und probt den Aufstand. In Windeseile entstand ein Komitee, 400 Bürger schlossen sich an. Sie hängten Banner auf, pinselten Parolen auf die Strassen und entfachten ein Mahnfeuer. An der Spitze des Aufstands: Roger Burri (50). «Der Kanton muss uns wegtragen, wenn er das Vorhaben realisieren will», so der Unternehmer. «Wir kämpfen bis zum bitteren Ende.»
Basel: «Vier Jahre Warten machen krank»
Ein Jahr dauerte die Flucht von Hamid F. (28) aus dem Iran. Weil er dort, wie er sagt, als Afghane diskriminiert und bedroht wurde, machte er sich auf den Weg nach Europa: «Dort haben die Menschen Rechte.»
Hamid überquerte die Berge, paddelte übers Meer und schmuggelte sich am Boden eines Lastwagens bis nach Italien. Vor zwei Jahren kam er im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel an. Dort bleiben Asylsuchende, bis sie an die kantonalen Zentren «verteilt» werden. Weil das EVZ wegen des Zustroms aus Nordafrika mit 400 Asylbewerbern überlastet ist, wurde die nahegelegene Zivilschutzanlage geöffnet.
Privatsphäre gibt es im Mehrbettzimmer des EVZ nicht, dafür viel Zeit und Ungewissheit. Morgens um 7 Uhr kommt der Sicherheitsdienst zum Wecken. Pro Tag gibt es drei Franken. Hamid lebt mittlerweile in einem Wohnheim, hat Deutsch gelernt und wartet noch auf seinen Asyl-entscheid.
«Bern ist überlastet, deshalb müssen manche Asylbewerber bis zu vier Jahre warten», sagt Michel Meier (59), Leiter der Basler Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende. «Das ist unzumutbar und macht krank.»
Rapperswil SG: «Wir hatten noch nie Schwierigkeiten»
Am Ortsrand von Rapperswil-Jona wird eine Jugendherberge zum Asylzentrum – und es gibt weder Mahnfeuer noch Spruchbänder, keiner protestiert. Gegenüber der «Jugi» , in der bis März rund 60 Asylbewerber leben, liegt das Katzenheim «Arche». Auch das Asylzentrum, welches schon seit Jahren neben der Herberge besteht, akzeptieren die Anwohner.
«Ich lebe seit elf Jahren hier und wir haben noch nie Schwierigkeiten gehabt», sagt Yvonne Kunz (64), Leiterin des Katzenheims. «Wir gehen freundlich miteinander um.»
Stadträtin Marianne Aguilera (60) freut sich über die hohe Akzeptanz. «Vielleicht liegt es an der Grösse der Stadt», sagt sie. In kleineren Gemeinden sei die Situation schwieriger. Man dürfe keine Stadt überbelasten.
«Die Menschen hier haben sich an die Asylbewerber gewöhnt. Der Kanton fragt bei besonderem Bedarf oft bei uns an.» Dass die Schweiz Asylbewerber beherbergt, findet Aguilera selbstverständlich. «Als Rechtsstaat haben wir die Verpflichtung, Menschen in Not aufzunehmen.»
Welle aus Nordafrika
Anzahl der Asylgesuche aus den jeweiligen Ländern von Januar bis Oktober.
Aegypten
2010: 28 ♦ 2011: 90
Algerien
2010: 321 ♦ 2011: 489
Libyen
2010: 29 ♦ 2011: 225
Marokki
2010: 87 ♦ 2011: 362
Syrien
2010: 362 ♦ 2011: 653
Tunesien
2010: 268 ♦ 2011: 1971
Total
2010: 1095 ♦ 2011: 3790