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Familiendrama im Zürcher Oberland: Blochers Neffe erschiesst sich mit dem Sturmgewehr

Der Tod von Pascal (25) löst Bestürzung und Trauer aus. Auch bei Christoph Blocher. Dennoch, findet der alt Bundesrat, sollen Soldaten ihre Waffen zu Hause behalten dürfen.

Von Benno Kälin und Marcel Odermatt | Aktualisiert um 01:27 | 30.11.2008
Kommentar von Chefredaktor Hannes Britschgi
Freitagnachmittag, 14. November, ein kleiner Ort im Zürcher Oberland: Auf dem Friedhof versammelt sich eine beeindruckende Trauergemeinde. Mitten unter vielen jungen Leuten stehen SVP-Vizepräsident Christoph Blocher (68) und seine Frau Silvia (63). Sie sind gekommen, um von ihrem Neffen Pascal Abschied zu nehmen. Sie legen einen Kranz mit Schleife nieder – «Wir sind traurig. Silvia und Christoph mit Familie.» Pascal ist der Sohn von Silvia Blochers Schwester, Blocher ist also sein Onkel. Der junge Mann richtete sich in seiner Wohnung mit dem Sturmgewehr 90, wie eine Amtsperson SonntagsBlick bestätigte.

Pascals Tod hat in der Umgebung seines Wohnorts Bestürzung ausgelöst. Nicht einmal engste Freunde können den Selbstmord verstehen, noch viel weniger waren sie darauf vorbereitet. Nur Stunden vor seinem Tod spielte Pascal noch in der 4. Liga Fussball. Aus seinem Club heisst es: «Die Nachricht traf uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wir sind tieftraurig. Pascal war ein richtig flotter Typ.» Am besten kannte ihn sein Trainer, der anonym bleiben möchte: «Wir werden es nie wissen. Aber vielleicht wäre Pascal noch am Leben, hätte er in diesem Moment keine Waffe zu Hause gehabt.»

Dass Familiendramen verhindert werden können, wenn Armeewaffen weggesperrt würden, glauben fast zwei Drittel der Bevölkerung aber nicht. Das ergab eine SonntagsBlick-Umfrage vom letzten Jahr. Hingegen ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Abbau der Verfügbarkeit von Schusswaffen die Suizidrate senkt.

Als Justizminister bekämpfte Blocher, wie die SVP, jede Verschärfung des Waffengesetzes: «Es ist sehr umstritten, ob ein restriktiveres Waffengesetz überhaupt den Waffengebrauch verhindert oder nicht», sagte der damalige Bundesrat 2006 vor dem Ständerat.

Auch das Volksbegehren «Schutz vor Waffengewalt» (Armeewaffe ins Zeughaus) lehnt Blocher ab (siehe Box): «Die Initiative bedeutet einen Angriff auf den Bürger-Soldaten, der sein Gewehr zu Hause hat. Das ist Vertrauensentzug: Man traut ihm die Waffe nicht mehr zu», so Blocher im «Tages-Anzeiger» vom Frühjahr.

SonntagsBlick traf Christoph Blocher gestern an der SVP-Delegiertenversammlung in Dietikon ZH. Pascals Tod habe ihn mitgenommen, sagt er. «Es plagt einen sehr, wenn sich ein junger Mensch das Leben nimmt.» Dennoch hält der SVP-Politiker an seiner Meinung zum umstrittenen Thema fest. «Die Waffen müssen beim Soldaten sein. Wer sich umbringen will, findet auch andere Möglichkeiten.»
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Christoph Blocher und seine Frau Silvia legten einen Kranz nieder. (Sabine Wunderlin)
Christoph Blocher und seine Frau Silvia legten einen Kranz nieder. (Sabine Wunderlin)

170 Suizide pro Jahr mit Armeewaffen

Das Verteidigungsdepartement schätzt, dass in der Schweiz jährlich etwa 170 Suizide mit einer Armeewaffe verübt werden. Gemäss der neusten Untersuchung des VBS spielen Schusswaffen bei männlichen Selbstmördern eine wichtige Rolle: 32 Prozent verwenden bei der Selbsttötung eine Waffe. Im übrigen Europa dagegen und in Japan ist Erhängen die meistgewählte Suizidart, gefolgt vom Sprung in die Tiefe. Im Alter von 15 bis 24 Jahren nehmen sich in der Schweiz pro Jahr im Durchschnitt 8 Männer auf 100´000 Einwohner mit einer Schusswaffe das Leben. Das sind mehr als in allen anderen europäischen Ländern.

Das Waffenland Schweiz im Visier

Die Schweiz ist bis auf die Zähne bewaffnet. Laut Armeeauszählung vom vergangenen Jahr lagern hierzulande 235000 Waffen in Privatwohnungen von aktiven Soldaten und Offizieren. Zusätzlich behielten in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele Armee­angehörige ihre Sturm­gewehre, Karabiner und Pistolen auch nach Dienstende.

Wie viele es genau sind, weiss niemand. Das Verteidigungsdepartement schätzt, dass mehr als eine halbe Million Waffen in Privat­eigentum übergegangen sind.

2007 gaben laut VBS 23 Prozent der aus dem Dienst entlassenen Armeeangehörigen an, ihre Waffen behalten zu wollen. So kamen weitere 4470 Sturmgewehre und 2364 Pistolen in die Haushalte.
Ein Volksbegehren «Für den Schutz vor Waffengewalt» will jetzt dafür sorgen, dass die Waffen verschwinden. Kommt die Initiative zustande, soll sie bis spätestens Anfang Februar eingereicht werden. Sie verlangt, dass die Gewehre der aktiven Soldaten aus dem Schrank genommen und im Zeughaus gelagert werden. Weitere überflüssige Waffen, die heute noch in Estrichen und Kellerabteilen herum­liegen, sollen eingesammelt werden. Nicht betroffen sind Sportschützen und Jäger.

Die Initiative hat beim Volk im Moment gute Chancen. Das zeigt eine Umfrage des VBS. Die Frage, ob es gut oder schlecht sei, dass «in der Schweiz fast jeder Soldat eine Waffe zu Hause hat», beantwortete 1989 noch eine Mehrheit von 57 Prozent positiv, im Mai 2008 waren es gerade noch 38 Prozent. Ein noch deutlicheres ­Resultat ergab im letzten Jahr eine Umfrage von SonntagsBlick: ­Damals forderten 66 Prozent, dass die persönliche Armeewaffe samt Munition künftig im Zeughaus deponiert werden müsse.

Der Tod seines Neffen Pascal löste bei Christoph Blocher Bestürzung aus. (Keystone)
Der Tod seines Neffen Pascal löste bei Christoph Blocher Bestürzung aus. (Keystone)
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