Armee-Chef Blattmann spottet über Zivildienstler

  • Publiziert: 11.09.2009, Aktualisiert: 13.01.2012
  • Von Roman Neumann

ZÜRICH – Der Chef der Armee ist mächtig sauer. Grund: Die steigende Zahl der Militärdienstverweigerer. Doch Nationalrat Josef Lang schiesst zurück.

Seit der Abschaffung der Gewissenspflicht ist die Anzahl der Zivildienst-Gesuche rasant gestiegen. Für das laufende Jahr wurde mit total 2500 Militärdienstverweigerern gerechnet. Aber schon Ende August waren es bereits über 4200.

Das macht André Blattmann, dem Chef der Armee offenbar Sorgen. So teilt er in einem Interview mit der «Mittelland Zeitung» mächtig gegen den Zivildienst aus. Da der Zivi am Wochenende nicht freihabe und oft nur erst ab 9 Uhr arbeiten müsse, sagt er: «Das ist eine Verhöhnung der Wehrdienstleistenden.»

«Überholtes Massenheer»

Die Abschaffung der Gewissensprüfung sei ein Betriebsunfall, so der Korpskommandant. «Es gehen uns eindeutig zu viele Soldaten verloren.» Dem widerspricht Nationalrat Josef Lang gegenüber Blick.ch vehement: «Die Gewissensprüfung an sich war ein Betriebsunfall!» Das Gewissen könne man schliesslich nicht prüfen.

Lang vermutet aber nebst der Angst von Blattmann, einen anderen Grund für die scharfe Tirade: «Für Militärköpfe hatte das Zivile schon immer weniger Würde als das Militärische.» Er könne zwar aus Sicht eines überholten Massenheers Blattmanns Äusserungen nachvollziehen. «Verständnis dafür aufbringen aber kann ich nicht.»

André Blattmann fordert nun gemäss dem Interview wieder neue Regeln im Dienst. So solle nicht mehr möglich sein, während dem Wehrdienst ein Gesuch für den Zivildienst zu stellen. Ausserdem müsse die Form des Zivildienstes hinterfragt werden. «Ein Museum einrichten oder bei archäologischen Ausgrabungen helfen, das können auch Private.»

Josef Lang muss über diese Äusserungen schmunzeln. «Das ist die typische Karikatur des Zivildienstes, die Hauptaufgabe der Zivis ist immer noch im Sozialwesen, in Alters- und Pflegeheimen.»

«Armee in der Sinnkrise»

Auch Lang kann austeilen: «Statt der Haltung der jungen Menschen sollte Blattmann vielleicht sein Massenheer in Frage stellen.» Doch es zeige sich, dass die Armee in einer Sinnkrise stecke. Der strukturelle Wandel in der Wirtschaft trage ebenfalls dazu bei.

«Früher waren Kaderfunktionen automatisch mit einem hohen Rang im Militär verknüpft. Heute ist das ganz anders. Wie soll ein aufstrebender Mensch, der Karriere machen will, obligatorische Auslanderfahrung sammeln, wenn ihm die ganze Zeit der Militärdienst dazwischenfunkt? Dafür zeigen viele Firmen kein Verständnis mehr.»

Ueli Maurer: Entwicklung im Auge behalten

Unterstützung erhält Armeechef André Blattmann von Verteidigungsminister Ueli Mauer: Er bezeichnete in einem Interview mit der Sendung «10vor10» die steigende Anzahl von Zivildienst-Gesuchen als «dramatisch». «Wir verlieren viel zu viele an den Zivildienst», so der SVP-Bundesrat. Man müsse die Weiterentwicklung sorgfältig im Auge behalten. «Wenn der Trend anhält, braucht es dringend und rasche Korrekturen», sagte Maurer. (SDA)

Zivildienst-Leiter: Zu früh für ein Urteil

Auch Samuel Werenfels, der Leiter der Vollzugsstelle für den Zivildienst, hat sich gegenüber Blick.ch zum Streit um die Zivis geäussert: «Wir brauchen ein Lösung des Problems, die auf Fakten und Analyen beruht. Fünf Monate seit der Einführung sind dafür viel zu kurz. Auf der Basis von einzelnen Vorkommnissen das System in Frage zu stellen, ist nicht statthaft. Lösungen für Probleme müssen erarbeitet werden, aber nur auf der Basis von Fakten und Analysen. Betonen möchte ich: Zivildienstleistende erfüllen ihre verfassungsmässige Dienstpflicht.»

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