Fast-Feedback & Voting Bibel-Fundis wollen unsere Schulbücher umschreiben

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Lukas Füglister und Silvana Guanziroli

ZÜRICH – Am Anfang waren Adam und Eva. Sagen die Kreationisten. Und wollen, dass dies an Schweizer Schulen gelehrt wird.

Was die Kreationisten in einigen Staaten der USA bereits geschafft haben, will «Pro Genesis» auch in der Schweiz erreichen. Die biblische Schöpfungslehre soll in den Schulzimmern die Evolutionstheorie ablösen. Als wissenschaftlicher Fakt in den Biologiebüchern.

Jetzt bekommen die 600 Bibel-Fundis von «Pro Genesis» unverhofft Schützenhilfe aus der Türkei. Westschweizer Schulen erhielten laut Zeitung «Le matin» den «Atlas der Schöpfung» des türkischen Verlags «Global Publishing» zugestellt. Der Autor Harun Yahya agiert von Istanbul aus und hat bereits Schulen in ganz Frankreich und Deutschland beliefert.

Der Atlas ging auch an Journalisten und Wissenschaftler. Darin wird auf knapp 800 Seiten dargelegt, warum die Evolutionslehre des Naturforschers Charles Darwin nicht stimmen kann. Leben entwickle sich nicht, sondern werde von einem Schöpfer erschaffen.

Auch die Erde wurde von Gott erschaffen. Die Kreationisten kennen sogar ihr exaktes Geburtsdatum: der 23. Oktober 4004 vor Christus. Diesen Tag haben sie aus Angaben in der Bibel errechnet. Dinosaurier und Neandertaler sind für sie reine Erfindung. Die Knochenfunde – erlogen.

«Pro Genesis» hat ebenfalls ein Buch verlegt – «Das Schöpfungsmodell». Und an alle Schweizer Mittelschulen versandt. «Reaktionen der Schulen gab es darauf keine», sagt Gian Luca Carigiet von «Pro Genesis».

Das Ziel des Versands ist offensichtlich: Möglichst viele der Bücher sollen den Weg in eine Schulbibliothek finden oder gar in den Unterricht. Und damit in die Köpfe der Schüler.

«Kreationismus ist eine Form von christlichem Fundamentalismus», sagt Martin Scheidegger, Leiter der Beratungsstelle «Religiöse Sondergruppen&Sekten», gegenüber «kath.ch». Seit Jahren beschäftigt sich der reformierte Pfarrer mit der Bewegung. «Schon in den 70er-Jahren gab es die erste Welle.»

Heute feiern die Kreationisten Auferstehung. Doch Scheidegger glaubt: «Das Ansinnen, die biblische Schöpfungslehre auf den Stundenplan zu setzen, hat in der Schweiz keine Chance.» Hier herrsche ein anderes Verständnis von Religion und Staat. An Schulen ein religiöses Modell zu lehren sei undenkbar.

Wirklich? Das Wissenschaftsmagazin «Science» publizierte jüngst eine Studie. Befragt wurden in 34 Ländern Leute zur Evolutionstheorie. Da kam aus: Vier von zehn Schweizern glauben nicht an Darwins Lehre.

Für «Pro Genesis» eine Offenbarung. Sie will nun, dass die Schöpfungslehre wenigstens gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie gelehrt wird. Im Sommer schicken die Bibel-Fundis eine Broschüre an alle Schweizer Mittelschulen. Und beten, dass es diesmal klappt.

Kreationisten

Was ist der Kreationismus? Was glauben seine Anhänger? Kreationisten haben eine fundamentale Position. Sie vertreten eine wörtliche Auslegung der Bibel. Die Schöpfungsgeschichte interpretieren sie als Tatsachenschilderung. Demnach stammt der Mensch von Adam und Eva ab und die Erde ist von einem Schöpfergott innert sechs Tagen erschaffen worden. Eine Evolution, die Entwicklung der Arten, gab es dagegen nie. Die Forderung der Kreationisten: Anstelle der Evolutionstheorie soll die Schöpfungsgeschichte in die Schulbücher. Nicht im Religionsunterricht, sondern als Wissenschaft im Biologieunterricht.
Harun Yahya schrieb ein Schul-Lehrbuch über die biblische Schöpfungsgeschichte.- AFP

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Schöpfungslehre oder Evolutionstheorie – was sollte an Schweizer Schulen gelehrt werden?»