Bestechungs-Vorwürfe im Wallis: So wickelte Antonio M. Astra-Beamte um den Finger

Bauunternehmer Antonio M. warf mit Geld um sich, lud Beamte des Bundesamts für Strassen (Astra) grosszügig zum Essen ein. Dann stolperte er über ein zu gross geratenes Weihnachtsgeschenk.

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Donnerstag, 17. März: Antonio M.* (61) fährt mit seinem neuen Audi RS6 von seiner Villa in Piedimulera (I) Richtung Schweizer Grenze. So wie an jedem Wochentag pendelt er zu seiner Arbeitsstelle als Chef der Interalp Bau AG mit 70 Angestellten in Visp VS.

Doch etwas ist an diesem Tag anders: Diskret verfolgen Polizisten der Squadra Mobile von Verbania (I) den schwarzen Kombi bis nach Gondo-Zwischbergen VS.

Kurz vor der Grenze bleiben die Polizisten zurück. Sie wissen: Auf der anderen Seite warten die Schweizer Kollegen von der Bundespolizei. Um 10.10 Uhr schnappt die Falle zu: Zeugen beobachteten, wie Antonio M. auf der Schweizer Seite des Zolls verhaftet und in einem Wagen der Grenzwache weggefahren wird.

Zur gleichen Zeit durchsucht die Bundespolizei in Visp die Büros der Aussenstelle des Bundesamts für Strassen (Astra) sowie der Interalp Bau AG.

Auch M.s Villa in Piedimulera wird auf den Kopf gestellt. Seither sitzt er in Untersuchungshaft – vom Bauunternehmen wurde er inzwischen freigestellt. Die Kommunikationsagentur Furrer-Hugi aus Bern steht dem neuen Geschäftsführer Davide Lagana (42) beratend zur Seite. «Von den Bestechungsvorwürfen haben wir erst am Tag der Verhaftung erfahren», sagt dieser gegenüber SonntagsBlick.

Der orchestrierten Aktion vom 17. März gingen monatelange Ermittlungen voraus. Dabei wurden auch die Telefone von Antonio M. und den beiden Astra-Mitarbeitern F. G.* (47) und C. B.* abgehört. Der Verdacht: Antonio M. soll sie bestochen haben, um an Bauaufträge zu kommen. Die Beamten sollen sich der ungetreuen Geschäftsführung schuldig gemacht haben.

Im Zentrum der Untersuchung: Antonio M., genannt Giuliano. Er gilt als besonnener, zurückhaltender Mann – und als aussergewöhnlich grosszügig. Im Grenz-ort Gondo VS wundert man sich immer noch über das Barbarafest der Interalp vom letzten Dezember. Über 100 Personen waren zu der Feier geladen. «Allein die Dekoration für den Anlass kostete 8000 Franken», sagt ein Gondonesi, der Fotos vom Festsaal geschossen hat. Interalp engagierte Köche, acht Spanferkel und kistenweise Barolo wurden aufgetischt. Auch Astra-Vertreter waren geladen.

Man blieb über Nacht

Bauunternehmer M. lud die Beamten auch gerne zu grosszügigen Nachtessen in privatem Rahmen ein. Gruppen von fünf bis sieben Personen waren oft im Restaurant La Stella bei Domodossola zu Gast. Wirt Stefano Allegranza kennt M. gut.: «Diese Woche haben wir von der traurigen Nachricht seiner Verhaftung gehört», sagt er über seinen Stammgast. Grössere Gruppen soll M. auch schon mal in das mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurant Villa Crespi am Lago di Orta eingeladen haben – manchmal blieb die Gruppe auch über Nacht im Schloss mit Blick auf den See.

Und M. machte gerne Geschenke: Noch heute steht im Burgersaal der Gemeinde Gondo ein Gemälde des italienischen Malers Carlo Cressini im Wert von mehreren Tausend Franken. «Donato da Interalp Bau AG – Visp», steht auf der Messingplakette am Bildrahmen. «Das ist sehr grosszügig, denn die Firma Interalp hat von der Gemeinde keine Aufträge erhalten», sagt der Gemeindeschreiber Lukas Zenklusen.

Am Ende stolperte M. über das letzte Weihnachtsgeschenk an die beiden Astra-Beamten G. und B.: «Eine Kiste Wein und ein Geschenkkorb mit Salami, Käse, Risotto und Tartuffi sind der Hauptvorwurf der Bundesanwaltschaft gegen meinen Klienten», sagt dessen Anwalt Fernando Willisch gegenüber SonntagsBlick. Er bestätigt auch die Einladungen zu Essen: «Nach Abschluss eines Projekts und zur Barbarafeier wurden die Verantwortlichen des Astra eingeladen – das ist in der Branche durchaus üblich.»

Gemäss der Regionalausgabe der italienischen Tageszeitung «La Stampa» ist M. in Italien vorbestraft. Sein Anwalt Willisch sagt dazu, dass sein Klient in der Schweiz nicht vorbestraft sei. «Ob in Italien allenfalls eine Vorstrafe gegen ihn vorliegt, entzieht sich meiner Kenntnis.»

Zumindest die italienischen Steuerfahnder wurden nun auf Antonio M. aufmerksam: Obwohl er offenbar in Italien wohnte, war er in der Schweiz gemeldet und bezahlte dort Steuern. Auch das dürfte sich nun ändern.

*Namen der Redaktion bekannt

Publiziert am 27.03.2016 | Aktualisiert am 27.03.2016
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5 Kommentare
  • Fritzpeter  Friedli , via Facebook 28.03.2016
    Schweiz im internationalen Ranking meist auf den hinteren Plätzen.
    Doch keines der vielen Opfer ahnt, dass es Opfer geworden ist. Tut einem so Leid, darum Milde walten lassen. Anders als bei einem Handtaschenraub wird keine Anzeige erstattet, erklärt Lerch. Entsprechend hoch ist die Dunkelziffer in der Verwaltung und noch mehr in der Privatwirtschaft, wo nur wenige Fälle auffliegen. Geschieht dies, ist oft die Beweisführung schwierig. Bestechende und Bestochene hinterlassen meist wenig Spuren.
  • Jens  Goldmann 28.03.2016
    Bei Motorfahrzeugkontrollen zum Beispiel werden Experten regelmässig bestochen. Da gibt es Garagisten die bringen zu Weihnachten oder Ostern jedes Jahr Schinken oder Früchtenkörbe für die Experten. Warum sollte das im Bauwesen anders sein. Ausgebracht wurde es wahrscheinlich von einem der die Taschen nicht mitfüllen konnte.
    • Caspar Werner  Müller aus Ravoire
      28.03.2016
      Im Wallis gibt es im Baugewerbe Platzhirsche. Wehe dem der sich erlaubt einen verdrängen zu wollen. Zucker in Treibstofftanks der Maschinen und Fahrzeuge mit Reifen ohne Luft gehören Instrumentarium. Bei den Elektrikern ist die Situation noch extremer. Ungeschriebene Gesetze und Grenzen bestimmen den regionalen Markt. Diese Story ist für Kenner keine Überraschung.
  • Oliver  Schlottmann aus Estavayer-le-Lac
    28.03.2016
    Wenn der Anklagepunkt nur der Wein und die Fruechtekoerbe sind, wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Bestechung kann es ueberall geben. Und die, die jetzt auf die Beamten losgehen: In der Privatwirtschaft werden auch fleissig Geschenke gemacht. Bei den Beamten wie bei den privaten auch, sind die Auflagen und Handhabungen generell viel strenger geworden. Aber diese Schlagzeilen dienen natuerlich wieder, um Beamte etc alle in den gleichen Korb zu werfen.
  • Hubi  Müller aus Höchstetten
    28.03.2016
    Unsere lieben Beamten, die ja bekanntlich sonst schon finanziell unangemessen gut entschädigt werden. Vetterliwirtschaft hoch sieben. Bei Bauämtern, Armasuisse und im Beschaffungswesen generell. Wir haben einen riesigen Sündenpfuhl. Im Bau läuft überhaupt nichts ohne Geschäfte hinten herum. Warum soll z.B. das neue Kunsthaus ZH ohne jede Teuerung und nur wegen einer Verzögerung plötzlich 25 Prozent oder über 50 Millionen mehr kosten? Schlussendlich vielleicht sogar 150 Millionen? Kennt man doch!