Amok-Schütze wieder wie vom Erdboden verschluckt Wie lange hält Kneubühl die Polizei noch zum Narren?

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • Von Gabriela Battaglia, Ralph Donghi und Sandro Inguscio
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BIEL - BE - Tag drei des Dramas von Biel. Die Polizei weiss noch immer nicht, wo der Bewaffnete ist.

Der Rentner Peter Kneubühl (67) wehrt sich gegen die Versteigerung seines Hauses. Er hat ein Gewehr, mit dem er in der Nacht auf Donnerstag einen Elitepolizisten schwer verletzt hat (BLICK berichtete). Bis Redaktionsschluss hatte die Polizei noch keine Spur des Rentners.

Die Chronologie am Tag 3

0.30 Uhr

Kneubühl dringt unbemerkt ins Bieler Linde-Quartier ein und schiesst aus grosser Distanz auf die Polizei. Einsatzleiter François Gaudy: «Wie erwiderten sofort das Feuer, allerdings ohne Kneubühl zu treffen.» Der Rentner flüchtet. Ein Superpuma der Armee kreist mit einer Wärmebildkamera bis 2.15 Uhr über dem Gebiet. Die Einsatzkräfte werden verstärkt.

6.40 Uhr
Mitglieder einer Sondereinheit nisten sich in der Nachbarschaft bei einem jungen Paar ein. Drei Polizisten stellen sich hinter das Haus des Amokschützen.

7.00 Uhr
Die Polizei sperrt das Gebiet wieder ab. Basler Spezialeinheiten lösen ihre Aargauer Kollegen ab. Die Sondereinheiten positionieren sich wieder auf dem Grundstück von Kneubühl.

7.30 Uhr
Besorgte Eltern kontaktieren die Schule Linde im Quartier. Der Unterricht fällt erneut aus.

10.00 Uhr
Die Polizei findet kein aktuelles Bild von Peter Kneubühl. Sie bearbeiten eines aus den 80ern.

11.00 Uhr
Pressekonferenz im Kongresshaus. Barbara Schwickert, Sicherheitschefin der Stadt Biel, dankt der Polizei für die «sehr kompetente Arbeit». François Gaudy, Chef Regionalpolizei Seeland, sagt: «Wir müssen unsere Massstäbe eventuell ändern. Wenn wir angegriffen werden, müssen wir uns verteidigen.» Und: «Wir müssen feststellen, dass Kneubühl kein alter Opa, sondern ein gewaltbereiter und fitter Mann ist.»

11.35 Uhr

Die Polizei bewacht sich jetzt auch selber, umstellt den Posten in Biel. Auch das Richteramtsgebäude steht unter Polizeischutz. Jemand meldet, dass der Amokschütze gesehen wurde. Mehrere Einheiten rücken aus.

12.30 Uhr
Spezialeinheiten suchen in der Region Leubringen-Magglingen, hoch über dem Bielersee, nach dem flüchtigen Rentner. Be-waffnete Polizisten kontrollieren den Eingang zur Seilbahn, die von Biel in die Nachbargemeinde hinauffährt. Ein Armee-Heli zieht seine Kreise.

16.35 Uhr
Spezialeinheiten dringen in das Haus an der Waldrainstrasse 14 ein. Sie liegt parallel zum Mon-Désir-Weg, Kneubühls Adresse.

17.00 Uhr
Die Polizisten verlassen das Haus an der Waldrainstrasse.

17.15 Uhr
Die Polizei beginnt, im Linde-Quartier Flugblätter zu verteilen. Darauf steht unter anderem: «Für Ihre Besorgnis über diese Situation haben wir Verständnis.» Und: «Wahren Sie Ihre Sicherheit und kontaktieren Sie Herrn Kneubühl nicht selber.»

18.13 Uhr
Die Polizei verschickt eine neue Medienmitteilung. Es bestehe «kaum unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung. Seine Wut und sein gewalttätiges Verhalten» richte sich primär gegen Verwaltungsstellen und vorab gegen die Polizei. «Trotzdem ist wegen seines unberechenbaren Verhaltens grosse Vorsicht angebracht.» Die Polizei setzt neu auch getarnte Einsatzkräfte ein.

19.15 Uhr
Elitepolizisten umstellen erneut ein Haus in der Nähe des Mon-Désir-Wegs. Nach ein paar Minuten ziehen sie wieder ab. Ein Nachbar von Peter Kneubühl: «Ich habe keine Angst vor ihm. Ich kann mir aber vorstellen, dass er eine Geisel nimmt.»

20.00 Uhr
Vor dem Polizeiposten in Biel herrscht weiter reger Betrieb. Im Linde-Quartier sind Elite-Polizisten stationiert. Es herrscht eine unheimliche Stille.

Gerichtspräsident warnte schon 2006 vor Rentner Kneubühl

Peter Kneubühl ist ein Eigenbrötler, er lebte zurückgezogen und mied Menschen. In den letzten drei Jahren verliess er das Haus nur noch nachts. «Er ist krank, fühlt sich von der Polizei und der Gesellschaft verfolgt», erzählt eine gute Bekannte der Familie.

Ein Schreiben des Gerichtspräsidenten 2 von Biel-Nidau bestätigt das. Bernhard Stähli behandelt den Erbschaftsstreit zwischen Peter Kneubühl und seiner Schwester. Er veranlasste letztendlich auch die Versteigerung des Elternhauses im Bieler Linde-Quartier, gegen die sich der bewaffnete Rentner wehrt (Sie wollten ihm sein Eltern-Haus wegnehmen).

Der Brief ging im Juni 2006 an die Vormundschaftsbehörde in Biel. Der Gerichtspräsident schreibt darin, dass Kneubühl auf «Betreuung und Unterstützung angewiesen» sei und ordnet einen Beistand für ihn an.

Denn das Verhalten und die umfangreichen Briefe von Peter Kneubühl machten Stähli stutzig. «In seiner Schwester sieht er eine Betrügerin und Vernichterin. Sie gehöre einer bösartigen, reaktionären Sekte an und habe sich offenbar geschworen, möglichst viele Menschen zu vernichten», schreibt er. Und: «Herr Kneubühl wird nach seinen eigenen Aussagen ständig von der Polizei verfolgt.»

Vier Jahre später schiesst der Mann aus seinem Elternhaus auf Polizisten.

In einem Brief kündigte der Anwalt der Schwester an, dass sie das Erbe gerne teilen würde. Es ging um eine Summe von rund 500 000 Franken. Dieses Schreiben bezeichnete Kneubühl als «Todesurteil». «Wenn der Prozess nicht in seinem Sinne ausgehe, könne er sein Leben wegschmeissen», rapportiert der Gerichtspräsident.

Weiter warf Kneubühl dem Gericht Korruption vor und war überzeugt, dass die Justiz das «teuflische Bestreben» seiner Schwester unterstütze. Auch suchte er einen Anwalt – ohne Erfolg. Denn alle konsultierten Verteidiger hatten ganz andere Vorstellungen in der Sache als Kneubühl, oder hätten sich sogar auf die Seite der Schwester geschlagen. Deshalb beschloss der Rentner, sich selber zu verteidigen.

Zu vielen Verhandlungen erschien Kneubühl aber gar nicht erst, reagierte nicht auf Briefe und Fristen. Stattdessen verschickte er umfängliche Dossiers von bis zu 275 Seiten.

«Aus Furcht vor Verfolgung hat er sich schriftenpolizeilich nie angemeldet. Er geht seit Jahren keiner bezahlten Beschäftigung mehr nach und lebt sehr bescheiden von Teilen des Guthabens der Erbengemeinschaft», hält Gerichtspräsident Stähli weiter fest. Lediglich 500 Franken Lebenshaltungskosten benötige der Rentner.

Ob Peter Kneubühl tatsächlich einen Beistand erhielt, ist unklar. Die Vormundschaftsbehörde in Biel war zu einer Stellungnahme nicht bereit.

Von Karin Baltisberger

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