BERN – Das Minarett-Verbot hat eine hitzige Debatte über die direkte Demokratie entfacht. Anita Fetz (SP) und Christoph Blocher (SVP) streiten deshalb jetzt sogar über Hitlers Machtaufstieg.
Die Basler Ständerätin Fetz und ihre Mitstreiter wollen nach ihrem Fiasko bei der Minarett-Abstimmung heikle Volksinitiativen rechtlich prüfen lassen, bevor sie ins
Parlament kommen.«Demokratie hört auf, wenn sie rechtsstaatliche Grenzen verletzt», sagt Fetz in der «Basler Zeitung» (BaZ). Und argumentiert mit einem spektakulären Beispiel aus der Geschichte: Auch Hitler sei mit einer demokratischen Mehrheit an die Macht gewählt worden.Damit ist Christoph Blocher ganz und gar nicht einverstanden. In der BaZ kontert er: «Das deutsche Volk hat Hitler nie zur Mehrheit verholfen. Es war die damalige classe politique, die Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler machte.»Das lässt Fetz nicht gelten: Natürlich sei Hitler nicht direkt vom Volk gewählt worden. Aber indirekt. Via demokratisch gewähltes Parlament. Und so sei «die Ernennung zum Reichskanzler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg nach den deutschen Verfassungsgrundsätzen völlig legal und demokratisch geschehen.»Beide haben recht, aber ...Rein verfassungsrechtlich gesehen hat Anita Fetz recht: Hindenburg, vom Parlament gewählt, durfte Hitler im Januar 1933 sehr wohl als Reichkanzler einsetzen.Doch auch Blocher liegt richtig, wenn er der «classe politique» eine Mitverantwortung an Hitlers Aufstieg gibt. Tatsächlich setzten rechte Lobbyistenverbände Reichspräsident Paul von Hindenburg wochenlang unter Druck, bis er Hitler zum Reichskanzler ernannte.Und doch ist der Streit der beiden wenig erhellend in Bezug auf die heutige Debatte um Volksiniativen. Das System der Parlamentarischen Demokratie war lange vor 1933 ausgehöhlt worden (nämlich seit der damalige Reichskanzler Heinrich Brüning 1930 mangels parlamentarischer Mehrheit mit Notverordnungen zu regieren begonnen hatte). Die Frage, ob Hitler in dieser Krise der Demokratie 1933 «völlig legal und demokratisch zum Kanzler gewählt wurde», erübrigt sich damit.Demokratie: zwei AuslegungenWas von der Debatte zwischen Fetz und Blocher über Hitler bleibt: Beide verstehen unter «Demokratie» etwas anderes, wie die «BaZ» treffend schreibt. Für Fetz ist auch eine parlamentarische Demokratie ein demokratisches System, in dem das Volk indirekt, aber dennoch eindeutig das Sagen hat.Für Blocher dagegen ist nur wirklich demokratisch, was vom Volk direkt entschieden wird.Eine Ironie, dass Blocher als
Bundesrat nicht direkt, sondern durch das Parlament gewählt (und abgewählt) worden ist. Blocher würde aber sicher nicht soweit gehen, von einer undemokratischen Wahl zu sprechen. (gux)