Aufklärung war gestern Sex-Zensur im Wallis

  • Publiziert: 01.11.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Gabriela Battaglia und Myrte Müller

Staatsrat Roch fordert: Lehrer sollen im Schulbuch mit Tipp-Ex Hinweise auf Aufklärungs-Websites tilgen!

Tipp-Ex gegen Sex. Mit dem neuesten «Verhüterli» des kantonalen Departementes für Erziehung, Kultur und Sport marschieren Walliser Sekundarlehrer in die Sexualkundestunde. Ihr Auftrag: Das Lehrmittel «Schritte ins Leben» moralisch stutzen – und zwar mit dem Abdeckstift. Vor den Augen der 13- bis 15-jährigen Schüler.

Der Befehl kommt von ganz oben. In einem Brief an alle Schuldirektionen verfügt FDP-Staatsrat Claude Roch, «umgehend mit der notwendigen Subtilität dafür zu sorgen, dass die Internetadressen des Kapitels Liebe und Sexualität mittels Tipex oder anderer solider Klebematerialen eliminiert werden». Peinlich, finden viele. «Wir müssen den Kopf herhalten für ein lachhaftes Vorgehen mit lächerlichen Methoden», schimpft ein Lehrer aus dem Oberwallis.

Es geht um Links wie www.feelok.ch, www.tschau.ch, www.lilli.ch oder www.mysize.ch. Allesamt klären sie Jugendliche in Sachen Sex auf. Und mehr. Auf www.feelok.ch gibts Anleitungen zur vergnüglichen Selbstbefriedigung. Und auch www.lilli.ch dient mit sogenannten Erregungstechniken.

Reine Animation, Sex zu praktizieren, meint Claude Roch. «Das Lehrbuch an sich ist korrekt, der Inhalt der Links, die dort angeführt sind, passt nicht ins unser Konzept», erklärt der Departementsdirektor.

Adjunkt Marcel Blumenthal stösst ins gleiche Horn: «Das ist nicht die Sprache, die wir auf unseren Schulen wollen. Die Internetseiten sind viel zu offen, gehen zu sehr ins Detail.»

Das freilich haben Roch und Blumenthal nicht selbst herausgefunden, sondern die IG Sorgfalt. Ganz nach Namensmotto spürte die rechtsorientierte Bürgerinitiative die unsittlichen Passagen im Internet auf. «Die Kinder werden als sexuelle Menschen dargestellt. Dabei sind sie doch völlig überfordert damit und verstehen gar nicht, worum es geht», sagt Monika Bayard (54) von IG Sorgfalt. «Es ist schlimm, dass in einem Lehrmittel die Abtreibung als ‹Absaugen der Gebärmutter› erklärt wird». Die Hauswirtschaftslehrerin fordert: «Weg mit dem Lehrbuch, sonst machen wir in zehn Jahren Prävention für sexsüchtige Jugendliche.»

Doch das Buch ist an den Walliser Schulen bereits verteilt, das Kind in den Brunnen gefallen.

Jetzt hilft nur noch Tipp-Ex, meinen Walliser Staatsrat und Adjunkt. Oskar Freysinger, SVP-Politiker und selber Gymnasiallehrer im Unterwallis, hält die Nummer für einen Witz. «So etwas gehört in die Fasnachtszeitung.» Tipp-Ex könne man ganz leicht mit einem Messer oder einer Rasierklinge abkratzen. Ausserdem, ist sich der Nationalrat sicher, wisse die Jugend eh schon alles.

Eines scheint sicher: haben die Schüler die «schmutzigen» Links bislang nicht bemerkt, jetzt wird sie der Inhalt erst richtig interessieren.

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