Schweizer Gewalt-Expertin: «Stalking nimmt zu»

  • Publiziert: 14.05.2009, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Antonia Sell

BERN – 26 Tote pro Jahr. Das ist die erschreckende Bilanz einer neuen Studie über häusliche Gewalt. Doch was versteht man darunter genau? Experten klären auf.

Körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt – ausgeübt von Männern gegenüber ihren Frauen, von Frauen gegenüber ihren Männern, von Eltern gegenüber ihren Kindern oder von Kindern gegenüber ihren Eltern, Geschwistern oder in partnerschaftlichen Jugendbeziehungen. Die häusliche Gewalt hat viele unterschiedliche Facetten.

Gewalt hat viele Gesichter

«Welche Art von der Gewalt angedroht oder ausgeübt wird, ist konstellationsabhängig – so auch die entsprechende Gewaltdynamik», erklärt die Psychotherapeutin und Co-Leiterin der IST Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt des Kantons Zürich, Franziska Greber gegenüber Blick.ch. Männer neigen eher zu sexuellen und körperlichen Übergriffen. «Frauen dagegen üben eher psychische Gewalt aus. Stalking nimmt zu.»

Wiederum anders agieren Jugendliche gegenüber ihren Geschwistern oder in ihren partnerschaftlichen Jugendbeziehungen. Im Gegensatz zu Erwachsenen gehen Minderjährige bei Häuslicher Gewalt häufig auch in Gruppen vor. «Sie gehen ganz anders mit den Medien um. Das Verschicken von intimen Fotos über Handy und Internet als Form des Stalkings ist bei Jugendlichen eher verbreitet», sagt Greber. «Manchmal spannen sie sogar ihre Kollegen ein, um die Freundin oder die Schwester zu kontrollieren».


«Gewalt in erwachsenen Paarbeziehungen»

Die neue Studie des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) liefert erstmals einen Überblick zum aktuellen Wissensstand zu den Ursachen von Gewalt in Paarbeziehungen. «Die Gründe für diese Form von Gewalt sind vielfältig und auf verschiedenen Ebenen anzutreffen», so Dr. Ursula Thomet, Leiterin der Fachstelle gegen Gewalt des EBG gegenüber Blick.ch.

Auf der individuellen Ebene sind es Faktoren wie Gewalterfahrungen in der Kindheit, ein erhöhter Alkoholkonsum, kriminelles Verhalten ausserhalb der Beziehung, Arbeitslosigkeit und wenig Geld, die in direktem Zusammenhang mit häuslicher Gewalt stehen. «Kritische Lebensereignisse, in denen man sich in neue Rollen einfinden muss, erhöhen klar das Vorkommen von Gewalt.» Schwangerschaft und Geburt, Trennung und Scheidung sind solche konfliktreichen Phasen, erklärt Thomet.

Allerdings reagieren Männer und Frauen auch in diesen kritischen Situationen unterschiedlich, meint Franziska Greber. Bei Trennungen versuchen Männer oft die Kontrolle durch Gewalt wiederzuerlangen, Frauen eher durch Stalking.

«Mehr Studien nötig»

Sowohl Greber als auch Thomet sind sich einig, dass es deutliche Forschungslücken gibt. «So fehlen in der Schweiz Befragungen, die auch Aussagen über Frauen als Täterinnen beinhalten», sagt Thomet. Und Greber weist daraufhin, dass es immense kantonelle Unterschiede in der Gesetzgebung und in der Definition von häuslicher Gewalt gibt. Das mache vergleichbare Aussagen schwierig. Dazu kommt, dass nur ein Bruchteil der Fälle aktenkundig wird. Bei der Gewalt von Frauen gegenüber ihren Männern liegt die Dunkelziffer noch höher. « Männer schämen sich mehr nach erlebter Gewalt Hilfe zu holen», weiss Franziska Greber.

Prävention bereits in der Schule

Vorsorge tut Not. «Die Frühprävention an Schulen wäre sehr wichtig. Hier kann Kindern gezeigt werden, wie man Konflikte ohne Gewalt löst. Die Wahrscheinlichkeit, dass Knaben die häusliche Gewalt erleben, später einmal selbst Opfer oder Täter werden, ist extrem hoch», so Thomet.

Postvention genauso wichtig

Damit es nach kurzer Zeit nicht wieder zu Gewaltausbrüchen innerhalb der Familie kommt, ist es unumgänglich sowohl die Opfer, als auch die Täter nicht alleine zu lassen. Postvention nach Häuslicher Gewalt ist ein Konzept, bei dem Paare oder Familien weiter begleitet werden – es wird ihnen gezeigt, wie sie besser mit Stresssituationen umgehen können. Dies sei so wichtig, «da die meisten Familien nach einer Gewalttat in ihrer früheren Konstellation bestehen bleiben», so Greber.

Gesetzlich ist häusliche Gewalt bei Erwachsenen seit 2004 ein Offizialdelikt und wird damit von Amtes wegen verfolgt. Seit 2007 gilt zudem die neue Gewaltschutznorm im Zivilgesetzbuch. Die Polizei kann bei einer Intervention zum Beispiel ein Kontaktverbot, ein Betretverbot oder die Wegweisung einer Person veranlassen. Diese dauert zwei Wochen, mit der Möglichkeit einer Verlängerung auf maximal drei Monate, so Greber.

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