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Verdächtig: Ein Schüler wird abgeführt. (Peter Gerber)
Die Anrufe gehen bei der Berner Polizei um 9.22 und um 10.14 Uhr ein. Ein Mann droht mit einem Anschlag auf die gewerblich-industrielle Berufsschule in Bern. «Die Polizei kann ein Blutbad verhindern.»
Minuten später sieht es vor der Schule aus wie nach einem Katastrophenalarm. Dutzende Polizeifahrzeuge, Sanitäts- und Feuerwehrautos. Polizisten mit Helm, Panzerwesten und Maschinenpistolen hetzen zu den Gebäuden.
1200 Schüler werden entweder vom Pausenplatz heimgeschickt oder müssen sich in ihren Schulzimmern verschanzen. Zugangswege werden abgeriegelt. Fernsehkameras, Fotoapparate zeichnen alles auf. Die ganze Schweiz schaut zu.
Melden sich Nachahmer?
Genau das ist Notfall-Psychologe Herbert Wyss ein Dorn im Auge: «Die Berner Polizei riskiert mit ihrem Grossaufgebot eine weitere Amokdrohung.» Er rechnet damit, dass sich noch vor Weihnachten ein Nachahmer meldet.
«Die Polizei hat die Situation vermutlich falsch eingeschätzt», sagt Wyss. Sie dachte, sie habe es mit einem Amoktäter zu tun. Dabei sei es ein anonymer Droher. «Dessen Ziel ist es, eben eine solche Grossaktion zu provozieren und Angst zu verbreiten. Aber er will nicht töten.»
Ein Amokläufer rufe in der Regel nicht vorher bei der Polizei an, um seine Tat anzukündigen. «Er will ja nicht, dass ihn die Polizei stoppt.» Amokläufer könne man im Voraus erkennen. Dies sei aber nicht Sache der Polizei, sondern des Umfelds und der Schule.
Schüler sind amüsiert
Die Polizeiaktion beobachten Schüler amüsiert aus dem Fenster. «Dass es bloss um eine Drohung ging, war uns bald klar», sagt eine Schülerin. Und regt sich auf, dass sie nichts zu Mittag essen konnte.
«Die Schüler ängstigen sich längst nicht mehr, sondern finden den Einsatz unterhaltend», erklärt der Notfall-Psychologe. Auch die Polizisten würden sich an die Drohungen gewöhnen. «Es besteht die Gefahr, dass es niemand mehr ernst nimmt, wenn es mal wirklich gefährlich wird.»
Die Polizei sollte bei Drohungen so operieren, dass möglichst niemand etwas merkt. «Ein verdecktes Vorgehen erhöht die Chancen, die Situation zu entschärfen. Und hilft vielleicht, den Täter zu finden.»
Die Polizei fand bis gestern Abend keine Hinweise auf einen Amoklauf. Zwei Schüler wurden kurzzeitig festgenommen.
Die Drohanrufe kamen vermutlich aus der Kabine am Viktoriarain. Dort nahm die Polizei eine Person fest. Auch sie aber nur kurz.
Doch weshalb droht jemand einer Schule mit einem Blutbad? Experte Wyss: «Es war vielleicht eine wichtige Prüfung angesagt.»