Nach dem Sprung in den Berner Bärenpark Morddrohung gegen die Familie

  • Publiziert: 28.11.2009, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Silvana Guanziroli

Wie herzlos können Menschen sein? Spinner tyrannisieren die Familie des Bären-Opfers – das geht bis zu Morddrohungen.

Alex spürt seine Bisswunden überall: Der Rücken tut ihm weh, er hat Verletzungen am Kopf und sogar im Gesicht.

Immerhin: Der-25-Jährige befindet sich auf dem Weg der Besserung. Alex ist der junge Mann, der vor einer Woche mit seinem Sprung in den Bärenpark die Schweiz schockierte.

Dieses Wochenende konnte er das Inselspital in Bern verlassen. Zurück in sein Behinderten-Wohnheim darf er aber noch nicht. Er muss zuvor in die Rehabilitation, seine Mutter und sein Bruder begleiten ihn. Wohin genau, bleibt geheim: Die Familie taucht unter, versteckt sich. Bären-Spinner haben ihr mit dem Tod gedroht!

SonntagsBlick erreichte den Vater am Telefon. Er bestätigt: «Ja, wir haben Morddrohungen erhalten.» Traurig fügt der Mann hinzu: «Es ist schlimm, dass der Bär verletzt wurde. Aber was ist mit meinem Jungen? Ist sein Leben denn nichts wert?»

Dabei hat es die Familie schon schwer genug. Die Eltern leben seit fünf Jahren getrennt. Beide jüngeren Kinder, zwei Buben, sind geistig behindert, nur der älteste Bruder ist gesund. «Unsere Ehe hat diese schwierige Situation nicht überstanden», sagt der Vater.

Mit Alex, seinem jüngsten Kind, sei es noch nie einfach gewesen: «Er kann Dinge nur verzögert aufnehmen. Und er kann sich nur schwer ausdrücken.»

Beim Sprung in den Bärenpark war der junge Mann mit der Situation völlig überfordert. «Er hatte diesen Plastiksack bei sich. Darin war etwas, was ihm unglaublich viel bedeutete. Als der Sack ins Gehege fiel, wusste er nicht, was er tun sollte.»

Augenzeugen beobachteten, wie Alex einige Zeit unschlüssig auf der Mauer sass. Schliesslich sprang er. Der Vater weiss, was in diesem Sack so wichtig war: «Ein Foto seiner Freundin. Das wollte er unbedingt zurückhaben.»

Der Vater glaubt nicht, dass Alex abschätzen konnte, wie gefährlich ihm Finn, der Bär, werden könnte. «Er wollte sich nichts antun, wollte auch nicht mit dem Braunbären kuscheln. Alex wollte einfach nur dieses Foto. Aufgrund seiner Behinderung wusste er sich nicht anders zu helfen, als reinzuspringen.»

Die Polizei konnte Alex nur retten, indem sie auf das 250 Kilogramm schwere, dreijährige Tier schoss. Dabei erlitt der Braunbär schwere Verletzungen im Brustbereich. Anfang Woche war eine Weile unklar, ob Finn überleben würde. Die Bevölkerung litt mit, viele brachten Honig in den Bärenpark. Sogar der Polizeischütze habe Gewissensbisse, sagt ein Angestellter des Tierparks Dählhölzli.

Doch warum lösen gerade Bären immer wieder diesen Mitleidseffekt bei Menschen aus? Das war schon bei den Eisbären Knut und Flocke so, als sie in zwei deutschen Zoos von ihren Müttern verstossen wurden: Die ganze Welt litt mit.

«Es verwundert mich nicht, dass gerade der Teddy unser beliebtestes Kuscheltier ist», sagt Schweizer Bärenforscher David Bittner (32). «Bärenjunge mit flauschigem Fell, rundem Kopf und Knopfaugen berühren uns», sagt er. Doch Bittner, der in Alaska Bären erforscht, sagt klipp und klar: «Der Bär ist kein Kuscheltier, sondern ein Raubtier!»

Der Vater von Alex ist froh, dass es seinem Sohn besser geht. Doch ein Happy End gibt es für den Jungen nicht, noch nicht: «Der Plastiksack und das Bild sind verschwunden. Wir wissen nicht, wer die Sachen mitgenommen hat.»

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