Das Schicksal von Lilli, dem Kälbchen mit sechs Beinen, bewegte die Schweiz. Nach seiner Operation ist es in einem Gnadenhof untergekommen – und hat sich verliebt.
Kaum ist die Leine gelöst, springt Lilli los. Von links nach rechts hopst das Jungrind über die Weide, springt hoch, schlägt mit den Hinterläufen aus. Fröhlich lässt es ein lautes «Muuuh» über den Hof schallen. Nichts deutet auf die bewegten Monate hin, die das Tier hinter sich hat.
Im Februar kam Lilli im bernischen Weissenburg zur Welt. Bei ihrer Geburt staunte nicht nur der Bauer: Die Kleine hatte sechs Beine, ein Paar baumelte vom Rücken herunter. Sofort wurde das Simmentaler Kälbchen zur Berühmtheit, die Schweizer schlossen es ins Herz. Tierschützerin Edith Zellweger (57) kaufte Lilli dem Bauern ab, sorgte dafür, dass die Missbildungen am Unispital Bern wegoperiert wurden. «Danach habe ich einen Platz für sie gesucht und wurde in Österreich fündig. Ich bin sicher, sie hat es toll auf dem Gut Aiderbichl», sagt Zellweger.
Lilli hat sich inzwischen ausgetobt. Jetzt hält sie gebannt Ausschau nach Liliput (4), dem kleinwüchsigen Stier. «Er ist der erste Mann in Lillis Leben. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, denn er gibt ihr Sicherheit», erklärt Michael Aufhauser. Der Österreicher hat Gut Aiderbichl vor 20 Jahren aufgebaut. Damals hatte der Produkteentwickler gemerkt, dass ihn Geld allein nicht glücklich macht. Er hängte seinen Job an den Nagel und gründete Gut Aiderbichl. Heute beherbergt der Gnadenhof östlich von Salzburg 4000 Tiere. Er lebt von Spenden.
Alle Tiere haben etwas gemeinsam. «Sie wurden von Menschen ausgemustert und hätten keine Zukunft mehr gehabt», sagt Aufhauser. Dazu gehören neben Kalb Lilli auch die ehemaligen Jahrmarktpferde Toni und Zenzi sowie Strassenhund Aik, der in der Türkei als Fussball missbraucht wurde (siehe oben).
Stolz betritt nun auf kurzen Beinen Stier Liliput die Weide. Unter den Augen von Dutzenden von Besuchern grasen er und Lilli friedlich nebeneinander. «Sie hat sich in ihrer ersten Woche gut eingelebt und fühlt sich wohl. Das Publikum stört sie nicht», sagt Aufhauser. «Lilli ist eine typische Schweizer Dame: ruhig und würdevoll. Und Liliput ist ihr österreichischer Kraftprotz.»
Das Paar ist ein Publikumsmagnet. «Wahrscheinlich hätten wir noch mehr Besucher, hätten wir Lilli die sechs Beine gelassen», sagt Aufhauser. Aber darum geht es nicht. Sie soll bei uns einfach ein glückliches Leben führen.» Nach einer Stunde ist das Dinner von Lilli und Liliput vorbei. Ihre Lieblingsspeisen: Kraftfutter, Apfelstücke, Gras. Sehnsüchtig schaut Lilli ihrem neu gewonnenen Freund nach: «Zu lange dürfen sie nicht zusammen sein. Sie ist noch zu jung, er soll sie noch nicht decken.»
Dafür darf nun Kälbchen Pippilotta, Lillis beste Freundin, auf die Weide. Aufhauser: «Eine Schweizer Schulklasse hat sich für sie eingesetzt und dafür gesorgt, dass sie nicht geschlachtet wird.»
Bald sind die Tiere müde vom Herumtollen und legen sich an einem schattigen Plätzchen nieder. Aufhauser schaut glückselig zu: «Sie sind völlig verschieden und verstehen sich doch so gut. Wir Menschen können noch so viel von den Tieren lernen.
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