Andrea: Kein Unfall, trotzdem höhere Busse als der Fifa-Präsident «Ich möchte auch den Blatter-Rabatt»

Die Polizei - dein Freund und Helfer. Für Fifa-Boss Sepp Blatter gilt das selbst nach einem Frontalcrash. Andrea B.* (21) kann davon nur träumen.

  • Aktualisiert am 19.01.2012
  • Von Gabriela Battaglia
Empört Bei ihrem Überhol-Manöver ist nichts passiert, aber zahlen soll Andrea B. aus Büetigen mehr als Fifa-Boss Blatter.
- Peter Gerber

Andrea B. aus Büetigen BE ist richtig sauer: «Ich fühle mich total ungerecht behandelt.» Die KV-Angestellte soll für ein ähnliches Vergehen wie jenes von Sepp Blatter viel mehr bezahlen, obwohl bei ihr gar nichts passiert ist.

Das war so: «Ich fuhr auf einer Überlandstrasse. Vor mir war ein Lastwagen», erzählt Andrea, «dann habe ich überholt.»

Regelkonform: Die Sicherheitslinie ist durchbrochen und Andrea B. fährt nicht schneller als die erlaubten 80 Kilometer pro Stunde.
Nach dem Überholen schwenkt die junge Frau wieder auf ihre Fahrbahn ein. Doch Andrea B. hat Pech. Auf der Gegenfahrbahn ist eine Polizeipatrouille in Zivil unterwegs. Andrea: «Ich sah das Auto vor dem Überholen, es war noch weit entfernt.»

Die Polizisten zeigen Andrea wegen «grober Verletzung» der Verkehrsregeln an. Sie sagen, sie hätten wegen Andreas Überholmanöver auf null runterbremsen müssen. Zur Erinnerung: Es entsteht weder Sachschaden noch werden Personen verletzt.

Die Strafe wegen des «groben Verkehrsdelikts» fällt happig aus. Die Geldstrafe wird ja nach dem Einkommen der KV-Angestellten berechnet. Andrea verdient 3600 Franken im Monat. Das Untersuchungsrichteramt VI Berner Oberland in Thun verknurrt sie zu einer Busse von 1400 Franken. Der jungen Frau wird zudem für 3 Monate der Ausweis entzogen, Eintrag im Strafregister inklusiv.

Vor drei Wochen traute Andrea ihren Augen kaum. Sie liest im BLICK vom Urteil gegen Fifa-Boss Sepp Blatter (74). Blatter hatte wie Andrea ein Auto überholt. Im Gegensatz zu ihr touchierte aber der Fifa-Chef mit seinem 200 000 Franken teuren und 525 PS starken Mercedes dabei das Auto. Er verlor die Kontrolle, schleuderte auf die Gegenfahrbahn in einen Golf. Dessen Lenker wurde leicht verletzt.

Wegen «Persönlichkeitsschutz» schraubten die Polizisten nach dem Unfall letzten Oktober sofort die Nummernschilder von Blatters Luxus-Limousine ab.
Auch die Richter meinen es gut mit dem Fifa-Boss. Trotz 1 Million Franken Aufwandsentschädigung pro Jahr muss Blatter eine läppische Busse von 600 Franken zahlen. Die milde Strafe für das «leichte Verkehrsvergehen» verfügt ebenfalls das Untersuchungsrichteramt VI Berner Oberland. «Mir standen die Haare zu Berge», sagt Andrea.

Sie wehrt sich: «Ich bin empört, dass nicht alle gleich behandelt werden. Ich möchte auch den Blatter-Rabatt.» Doch das Untersuchungsrichteramt in Thun schaltet auf stur. Ein Brief ihres Vaters wird nicht beantwortet. Andrea hat sich nun selber schriftlich beschwert. Auf eine Antwort wartet sie noch.

*Name der Redaktion bekannt

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