Verzweifelter Appell von Osterwalders Freund: «Hör auf zu hungern!»

  • Publiziert: 23.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Urs Ellenberger

Sein Freund ruft René Osterwalder zur Beendigung des Hungerstreiks auf. Chronik eines aussichtslosen Kampfs.

Unruhig rutscht Marcel B.* (39) auf seinem Stuhl im Besuchszimmer der Berner Strafanstalt Thorberg hin und her, fahrig blättert er in einem Ordner voller Dokumente. Persönliche Briefe, Anwaltskorrespondenz, Behördenverfügungen. Alles aus den letzten zwei Monaten.

So lange sitzt Marcel B. jetzt schon im Thorberg. Hierher haben ihn Behörden versetzt, um ihn von seinem Freund, dem Babyquäler René Osterwalder (54), zu trennen. Zuvor sassen die beiden in der Zürcher Anstalt Pöschwies ein. Sie wollten ein Paar sein – und ihre Beziehung bei den Ämtern eintragen lassen. Die Behörden akzeptierten das nicht.


Seit der Trennung ist Osterwalder im Hungerstreik, letzten Donnerstag wurde er abgemagert und geschwächt ins Berner Inselspital überführt. Osterwalder ist nur noch Haut und Knochen.

«Ich mache mir grosse Sorgen um René», sagt Marcel B. «Hoffentlich sieht er ein, dass er mit der Aktion ausser der Selbstzerstörung nichts mehr erreichen kann.»

Hungern, nein, das bringe jetzt gar nichts mehr.

Ein Paar sind Osterwalder und Marcel B. seit diesem Frühjahr. Auf Lebzeiten verwahrt sassen die beiden in derselben Abteilung der Zürcher Strafanstalt Pöschwies: Osterwalder, nachdem er Anfang der 90er-Jahre zwei Kleinkinder bestialisch misshandelt und die Tat gefilmt hatte, und Marcel B., der an Weihnachten 1994 einen um zehn Jahre älteren Schwulen in dessen Basler Wohnung brutal ermordet hatte. In der Hackordnung der Gefängnisse stehen Täter wie sie ganz unten.

Bald habe das Aufsichtspersonal gemerkt, dass zwischen ihnen etwas laufe, erzählt Marcel B. Man habe sie gewähren lassen. Entgegen der Anstaltsordnung habe er zum Nachtessen bei Osterwalder bleiben dürfen und erst danach auf seine Zelle gehen müssen. «Es wäre noch heute so, wenn René nicht noch mehr gewollt hätte», sagt Marcel B.

Osterwalder drängte darauf, die Partnerschaft offiziell eintragen zu lassen, wie das seit 2007 möglich ist. «Weil er diese Beziehung, die ihm so wichtig ist, gesetzlich verankern wollte», sagt Marcel B. «Weil er wieder einmal die öffentliche Aufmerksamkeit suchte», glaubt ein hoher Zürcher Justizbeamter.

Das Ergebnis ihres schriftlichen Antrags war die umgehende Trennung durch die Justizbehörden. Diese machen unter anderem Sicherheitsgründe dafür geltend – schliesslich habe Marcel B. einen Homosexuellen ermordet.

«Diese Begründung ist perfid», sagt B. «Ich habe damals nicht aus Schwulenhass gehandelt!» Zusammen mit seinem Anwalt will er um seine Partnerschaft und für die Rückverlegung in die Anstalt Pöschwies kämpfen.

Dabei betreten sie juristisches Neuland. Der Umgang mit Homo-Ehen innerhalb von Strafanstalten ist nirgends geregelt. Doch ist Homosexua-lität in den Gefängnissen alltäglich. Er habe das Geld, um den Kampf gegen diese Doppelmoral zu führen, sagt B., Zeit habe er sowieso.

Seit 15 Jahren sitzt der 39-Jährige im Knast, seine Strafe hat er verbüsst, vor vier Jahren wurde er verwahrt. Inzwischen HIV-positiv, dürfte er den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Umso weniger könne er die Justizbehörden verstehen: «René und ich sind weggesperrt und keine Gefahr für die Gesellschaft», sagt er. Ihre Taten würden sie zutiefst bereuen, Gewalt lehnten sie ab. «Wieso kann man uns nicht einfach in Ruhe zusammen leben lassen?»

*Name der Redaktion bekannt

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