Retter sahen Fabians Leiche aus der Luft Er kauerte tot im tiefen Schnee

  • Publiziert: 26.03.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Hannes Heldstab

GRINDELWALD BE – Fünf Meter. So nah heran kamen gestern in einem verzweifelten letzten Versuch die Retter mit dem Heli. Doch da waren die beiden jungen Bergsteiger bereits tot.

Früh am Morgen ist klar: Die Rettung ist gescheitert. «Ich hing am 20-Meter-Seil unter dem Heli», erzählt Bergretter und Polizist Adi Deuscher (53), «nur fünf Meter über den zwei im tiefen Schnee kauernden Gestalten.»

Neben Deuscher hängt SAC-Arzt Bruno Durrer. «Wir waren uns schnell einig», sagt der Polizist: «Die Männer waren tot.» Polizist und Arzt sind die letzten Retter, die noch einmal zu den beiden seit Montag vermissten Bergsteigern vorzustossen versuchen. Hinauf zu den Eigerjöchern auf gut 3800 m.

«Aber näher kamen wir nicht heran», sagt Deuscher Stunden später – an der Pressekonferenz in Interlaken BE. «Immer wieder verdeckte uns Nebel die Sicht. Und der Heli war in den Böen kaum zu halten. Wir mussten wieder runter.»

Eiger-Tour im RS-Urlaub

Das Bild der erstarrten Männer werden die Retter nicht vergessen. Einer der beiden erfrorenen Bergsteiger ist Fabian E.* (22). Die Berge sind die grosse Leidenschaft des Luzerners (siehe Portrait in der Zeitung BLICK). Tatsächlich ist er derzeit eigentlich noch in der Hochgebirgs-RS.

Am Sonntagmorgen, in seinem RS-Urlaub, bricht er mit seinem 21-jährigen Kameraden auf. Die Wetterbedingungen sind gut, als sie in die Eigernordwand einsteigen. Beim «Bügeleisen» biwakieren sie am Abend. Danach gibt es von ihnen keine Meldung mehr.

Wetter gegen die Retter

Der Grindelwaldner Rettungschef Kurt Amacher (60): «Am Montag um 22.10 Uhr alarmierten Angehörige die Alpine Rettung Schweiz. Doch in der Nacht konnten wir nichts machen. Es schneite, stürmte, hatte dichten Nebel.»

Miserabel ist das Wetter auch am Dienstag. Und noch weiss keiner, wo die zwei genau sind. Handy-Ortungsversuche der Swisscom ergeben nichts Brauchbares.

Handy-Kontakt mit Vater

Immerhin: Am Dienstagmorgen kommt Hoffnung auf: Der Vater eines Vermissten – ob von Fabian oder von seinem Kollegen, sagt die Polizei nicht – hat um 08.30 Uhr plötzlich einen kurzen Handy-Kontakt. Endlich! Die Retter wissen: die zwei stecken fest bei den sogenannten Eigerjöchern.

Aber man weiss jetzt auch: Einer der beiden hat Erfrierungen an Füssen und Händen. Und alle weiteren Kontaktversuche scheitern.

12 Bergführer geben auf

Zwölf Bergführer, unter ihnen auch SAC-Arzt Durrer, fahren aufs Jungfraujoch. «Von da liessen wir uns von einem Pistenfahrzeug auf unseren Skiern zur Mönchsjochhütte ziehen», so Marc Ziegler (43), Retter-Chef am Berg. «Es stürmte derart, dass wir bisweilen das Zugfahrzeug nicht mehr sahen.»

Von der Mönchshütte bricht ein Trupp von drei Bergführern auf. Doch in der Hölle am Eiger kommen sie nicht voran. Ihr Atem gefriert zu Eis. Wer im tiefen Schnee einsinkt, kann sich nur mit Hilfe der Kameraden befreien.

«Für zehn Meter brauchten die Leute ein halbe Stunde», schildert Ziegler. «Ein weiterer Trupp von drei Mann mussten die Zwölfer-Gruppe nach zwei Stunden wieder zurückholen. Alle waren wir angezogen, als wären wir in Alaska.»

Schlechte Aussicht auf Bergung

Kein Wunder: Es ist minus 22 Grad. «Im Sturm mit 80 Stundenkilometern fühlt sich das an wie minus 40 Grad.» Am Dienstagnachmittag brechen sie ab. Das Risiko für die Retter selbst ist zu gross.

Gestern früh. Letzter Versuch. Diesmal per Heli. Denn der Wetterbericht sagt ein kleines Wetterfenster voraus. Von der Kleinen Scheidegg aus fliegt um 6.30 Uhr ein Air-Glacier-Lama los. Doch es ist zu spät. Polizist Deuscher und Arzt Durrer können nur noch den Tod der beiden Vermissten feststellen.

Rettungschef Amacher: «Es tut uns weh, dass wir sie nicht retten konnten. Wenn wir sie wenigstens bald bergen könnten. Aber die Prognose sieht noch lange mies aus.»

*Name der Redaktion bekannt

Lesen Sie im BLICK

Die Berge, Fabians Welt
play Fabian war ein sehr guter und erfahrener Bergsteiger. (ZVG)

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