Bielersee-Drama DNA-Jagd auf der Todesschraube

  • Publiziert: 05.09.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Lorenz Honegger
play Das beschlagnahmte Boot des Hauptverdächtigen in den Hallen der Seepolizei in Twann BE. (Peter Gerber)

BIEL - BE - Im Labor will die Berner Kapo den Hauptverdächtigen überführen. Mit winzigen Mengen Erbmaterial.

Der Hauptverdächtige im Bielersee-Drama (74) beteuert hartnäckig seine Unschuld. Die Berner Kantonspolizei glaubt dem gut situierten Unternehmer offenbar kein Wort: «Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht weiterhin der 74-Jährige», bestätigt eine Kapo-Sprecherin, alles andere sei «geheim».

SonntagsBlick weiss aus guter Quelle: Gerichtsmediziner analysieren zurzeit kleinste Blut- und Gewebespuren, die die Ermittler am Boot des Unternehmers gefunden haben sollen. Aufwendige DNA-Analysen dieses Materials sollen die Wahrheit ans Licht bringen. Klar ist bis heute dies:

  • Ein Schnellboot überfährt am Abend des 11. Juli die 24-jährige Aargauerin Angela A.*
  • Die Motorschraube zerfetzt die Beine der Frau. Dabei müssen kleinste Hautfetzen und Blut am Rumpf und an der Schraube kleben geblieben sein. Der Bootsführer flüchtet. A. verblutet.
  • Der Hauptverdächtige besitzt ein Boot der Luxusmarke Boesch mit einem Rumpf aus edlem Mahagoni-Holz.
  • Der Hauptverdächtige leidet zum Zeitpunkt des Dramas am grauen Star, einer Augenkrankheit, die zu Sehschwäche führt.
  • Der Hauptverdächtige bestreitet nicht, am Tag der Tragödie mit seiner Gattin und seiner Schwägerin auf dem See unterwegs gewesen zu sein. Mit dem Unfall will er allerdings nichts zu tun haben. Und erst recht nicht mit Fahrerflucht.

Sagt er die Wahrheit? Lügt er?

Am Institut für Rechtsmedizin in Bern vergleichen Wissenschaftler das Erbgut der toten Angela A. mit den Spuren am beschlagnahmten Boot. Sind die DNA-Profile identisch, ist die Schuld des 74-Jährigen bewiesen.

Die Expertisen im Fall Bielersee dauern ungewöhnlich lange: «Mindestens ein bis zwei Monate», sagt eine gut informierte Person. Zudem sei das Unterfangen «wahnsinnig kostspielig». Beide Aussagen deuten darauf hin, dass die Qualität der Blut- und Gewebeproben gering ist.

Denn nach dem Drama fuhr das Boot weiter, wertvolle Spuren gingen im Wasser verloren. Alles Beweismaterial muss deshalb nicht weg sein, erklärt Beate Balitzki (41), Leiterin der Forensischen Genetik an der Universität Basel. «Ausschlaggebend ist unter anderem die Oberfläche, auf der mögliche Spuren haften.» Auf Holz und in den Ritzen von Metall bleiben immer Blut- und Gewebereste hängen.

Selbst mit kleinsten DNA-Mengen können Forensiker vor Gericht verwertbare Ergebnisse produzieren. Im Idealfall liefert die Polizei dem Labor «0,5 Nanogramm DNA-Material, das entspricht etwa

70 Körperzellen», sagt Balitzki. Man könne auch «mit viel weniger Erbmaterial» verlässliche Teilprofile erstellen. Im Extremfall seien dazu «bis zu vier Monate» intensiver Laborarbeit notwendig. «Das kann sehr teuer werden.»

Die Berner Kapo will den Fund von verwertbaren DNA-Spuren «so nicht bestätigen».

Hauptverdächtiger zurück

Als die Kantonspolizei Ende Juli ihren Tatverdacht gegen den 74-jährigen Unternehmer aus Sutz BE bekannt machte, tauchte dieser wenige Tage danach mit seiner Ehefrau unter. Ruhe vor unangenehmen Fragen sucht er bei Verwandten in Österreich. Inzwischen scheint das Ehepaar gemäss Aussagen von Nachbarn aus dem Ausland zurückgekehrt zu sein. Seinen Telefonanschluss nahm es vor kurzem in Betrieb. Die Kapo Bern will nichts zum Aufenthaltsort des Hauptverdächtigen sagen. Es lägen aber weiterhin «keine Haftgründe» gegen den Mann vor, er befinde sich «auf freiem Fuss».  
play Am 11. Juli tötete eine solche Bootsschraube die 24-jährige Angela A.* (Peter Gerber)

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