Thomas K. steht mitten im Leben, hat eine Familie, einen guten Job – und Migräne. Diese treibt ihn zum selbsternannten Berner Heiler F. H., der ihn und 18 weitere Menschen mit HIV infiziert.
Bern, letzten Donnerstag, 9.30 Uhr. In einem Stadtcafé trifft SonntagsBlick Thomas K.* Ein gross gewachsener Mann Mitte 40, Familienvater, mitten im Berufsleben stehend. Er trägt Anzug, weisses Hemd und Krawatte, bestellt ein Mineral – und beginnt zu erzählen.
Seine Geschichte fängt irgendwann im Jahr 2003 an. Immer wieder zwangen Thomas K. Migräne-Attacken ins Bett. Die Schulmedizin kam dem lästigen Übel nicht bei. Eine gute Bekannte wusste Rat: Sie kenne einen Mann, den sie regelmässig aufsuche. Dieser verfüge über heilerische Fähigkeiten und könne ihm sicher helfen.
Und so sass Thomas K. wenig später zum ersten Mal dem Berner Heiler und Musiker F. H.* (51) gegenüber, jenem Scharlatan, der bis zu 19 Menschen mit dem Aids-Virus infiziert haben soll und gegen den die Berner Justiz ermittelt.
Seine Bekannte gab keine Ruhe
Bei diesem ersten Treffen war Thomas K. vom Heiler wenig beeindruckt, «eher belustigt ob der guten Ratschläge, die ich von ihm bekam». Zwar versprach F. H., die Migräne zu vertreiben. Wie er dies machen wollte und worauf sich sein Wissen stützte, das liess er im Dunkeln.
Thomas K. verabschiedete sich vom Heiler, ohne von ihm behandelt worden zu sein. «Für mich wars damit erledigt.»
Doch seine Bekannte gab keine Ruhe. Ob er nicht noch einmal zum Heiler F. H. gehen wolle. Ganz bestimmt würde es ihm danach besser gehen. Irgendwann gab er nach, «auch wenn ich nicht an irrationale Heilsversprechen glaube».
Im Frühling 2004 liess er sich von seiner Ehefrau bei F. H. anmelden, «um endgültig Ruhe zu haben», wie er sagt. An einem Maitag klingelte Thomas K. beim Heiler an dessen unscheinbarem Haus in einer Berner Quartierstrasse.
Dieser bat ihn in sein Wohnzimmer im Dachstock, wo trotz warmem Frühlingswetter ein Cheminéefeuer brannte. In einer Ecke standen ein paar ausgestopfte Vögel, so als würden sie dem Treiben in der Stube zusehen. Der Heiler wies seinen «Patienten» an, das Hemd auszuziehen und sich bäuchlings auf den alten Perserteppich zu legen. Mit dem Hinweis, er sei gleich zurück, verliess F. H. das Zimmer.
Als er wenig später zurückkehrte, trug er in der linken Hand einen Stein. Die rechte Hand verdeckte ein bräunliches Tuch. «In der Annahme, dass sich der Stein in diesem Tuch befunden hatte, schenkte ich der gut versteckten Hand nicht weiter Beachtung», erinnert sich Thomas K. Der Heiler legte den Stein auf den Boden. so dass ihn Thomas K. sehen konnte. Er solle sich nun auf den Stein konzentrieren, bat der Heiler den Patienten.
Was nun geschah, veränderte das Leben von Thomas K. für immer. Mit der Bemerkung, es werde nun einen kurzen, vielleicht leicht schmerzhaften Piks absetzen, «stach mir der Heiler eine Nadel oder etwas Ähnliches in die rechte Schultergegend». Inzwischen ist Thomas K. und mit ihm viele Ärzte am Inselspital überzeugt: Dies war der Moment, als ihm der Heiler verseuchtes Blut in den Rücken spritzte. Doppelt verseuchtes Blut sogar: mit HI-Viren und Hepatitis-C-Erregern.
10 Kilogramm Gewichtsverlust
Unmittelbar nach der Behandlung fühlte sich der Stich an, «als ob ich eine Impfung gehabt hätte», sagt Thomas K. Die Einstichstelle sei gut sichtbar gewesen. Er schlüpfte in sein Hemd und verliess das Haus mit der Bemerkung des Heilers, «er werde vielleicht in ein paar Wochen etwas geschwächt sein».
Zwei Wochen lang schenkte Thomas K. dem seltsamen Einstich keine Beachtung. Doch dann, Ende Mai 2004, wurde er schwer krank. Fieberanfälle schüttelten ihn, innerhalb weniger Tage verlor er zehn Kilogramm Gewicht. Ein Aids-Test im Juni zeigte das Unfassbare: Thomas K. war HIV-positiv. Seine Ehe drohte zu zerbrechen, weil der Verdacht aufkam, er habe ausserehelichen Sex gehabt. Er dagegen war überzeugt: Nur der Heiler konnte die Quelle der HIV-Infektion sein.
Spätestens Anfang 2005 zweifelte niemand mehr aus seinem Umfeld an dieser Version – seine Frau nicht und schon gar nicht die Ärzte am Inselspital. Sie stiessen beim Durchforsten der Akten auf immer mehr unerklärliche HIV-Infektionen. Alle hatten ein gemeinsames Merkmal: den Kontakt zum Heiler. Seit 2005 ermittelt die Justiz gegen ihn.
Die Ausreden des Heilers
Der Heiler, für den die Unschuldsvermutung gilt, weist alle Vorwürfe zurück. Einige seiner Schüler hätten okkulte Rituale praktiziert, darunter auch Blutsbrüderschaften, behauptet er. So sei es zu den HIV-Ansteckungen gekommen.
Thomas K. schüttelt den Kopf. «Das sind Ausreden», sagt er. Ausser zu seiner Bekannten, ebenfalls HIV-positiv und eines der mutmasslichen Opfer, habe er vor Beginn der Strafuntersuchungen «zu keinem der Opfer auch nur einmal Kontakt gehabt». Und dass nicht die Bekannte ihn mit HIV infiziert haben kann, ist durch ein virologisches Gutachten mittlerweile erwiesen.
Der Heiler versuche seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, indem er seine Schüler belaste und immer neue Geschichten auftische. Sein zentrales Motiv sei wohl so einfach wie naheliegend: Geld. Seine Bekannte habe den Heiler während Jahren regelmässig besucht. «Jeden Monat drückte sie 600 Franken ab», weiss Thomas K. Auch andere Opfer gaben bei den Behörden zu Protokoll, sie hätten F. H. für die Behandlungen bezahlen müssen oder ihm sogar ihr Geld anvertraut.
Mit seiner Doppelinfektion hat er inzwischen zu leben gelernt. Schlimmere Spuren als das von Medikamenten unterdrückte HI-Virus hat der Hepatitis-C-Erreger hinterlassen. «Die halbe Leber ist bereits zerstört», sagt Thomas K. In absehbarer Zeit wird er wohl starke Medikamente schlucken müssen, vielleicht wird ihm dann auch das dicke, gut frisierte Haar ausfallen.
Immerhin könnte es einen kleinen Trost geben: Untersuchungsrichter Hermann Fleischhackl will seine Ermittlungen gegen den Heiler nächstes Jahr abschliessen. Diesem drohen wegen mehrfacher vorsätzlicher schwerer Körperverletzung mehrere Jahre Gefängnis.
* Namen von der Redaktion geändert
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Der Aids-Heiler F.H.* holt die Polizei. Nur weil BLICK bei ihm klingelte.
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