Roland Wüthrich, der Held vom Diemtigtal: «Dass wir fünf Leben retteten, ist ein Wunder!»

  • Publiziert: 09.01.2010, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Silvana Guanziroli

Sie lagen unter gewaltigen Schneemassen begraben – und es ging um Minuten. Fünf Menschen überlebten das Lawinenunglück im Diemtigtal.

Es waren die anstrengendsten 72 Stunden seines Lebens. Nur langsam kommt Roland Wüthrich zur Ruhe. Der 40-jährige Familienvater, zu Hause in Schwenden im Diemtigtal BE, spielt mit seiner Tochter Nadine (2), liest ihr aus einem Bilderbuch vor. Ein kleines Stück Normalität nach den belastenden Einsätzen in der vergangenen Woche.

Roland Wüthrich ist Obmann der SAC-Rettungsstation Erlenbach/Diemtigtal. Als am Sonntag im Tal gleich drei Lawinen niedergehen, hat er Dienst. Er muss die Hilfe für die Verschütteten organisieren.

«Dass wir fünf Leben retteten, ist ein Wunder», sagt Wüthrich. Man könnte auch sagen, er sei ein Held. Denn die Bedingungen waren schwierig: «Die Verschütteten lagen bis zu drei Meter tief unter dem Schnee, in einem Umkreis von 50 Metern.

Angefangen hatte der Einsatz routinemässig. Wüthrich erinnert sich: «Der Alarm ging kurz vor Mittag ein. Eine Person sei von einer Lawine verschüttet worden, hiess es.» Der Verschüttete war der Astrophysiker Joachim S.* (41), auf Skitour mit seiner Freundin Tracy E.* und zwei Kollegen.

Sofort starten zwei Helikopter. Im einen sitzt Wüthrich mit der Hundeführerin Margrit Bohren (52). Im anderen der Rega-Arzt Andreas A.* (39). Für ihn wird der Einsatz tödlich enden, die zweite Lawine erfasste ihn.

«Wir landeten rund 300 Meter vom Lawinenkegel entfernt», so Wüthrich. «Kaum waren wir angekommen, löste sich die zweite Lawine. Sie kam genau auf dem ersten Lawinenkegel zum Stehen.» Vor seinen Augen hatte die Lawine weitere Skitourenfahrer mitgerissen, die Helfer des Skiclubs Rubigen. Insgesamt zwölf Menschen liegen nun unter den Schneemassen. Roland Wüthrich reagiert sofort.

Per Funk bietet er Verstärkung auf und eilt selber den Verschütteten zu Hilfe. «Wir hofften, dass nicht zu viel Schnee runtergekommen sei. Schnell war aber klar: Das waren gewaltige Schneemassen.»

Das erste Lebenszeichen kam nach zehn Minuten. «Wir fanden den ersten Verschütteten und konnten ihn lebend bergen. Das war extrem motivierend.»

In den folgenden Stunden gaben Wüthrich und sein Team alles. Rund 80 Helfer waren im Einsatz. Der routinierte Retter: «Wir mussten viel Schnee wegschaufeln, um die Verschütteten freizulegen. Das war körperlich sehr anstrengend. Ein Teil der Überlebenden war immer noch ansprechbar. Bei anderen kamen wir wirklich in letzter Minute. Sie waren schon bewusstlos.»

Erfolge wie diesen zu erzielen, das war die Motivation, aus der heraus Roland Wüthrich vor 20 Jahren bei der SAC-Rettungsstation Erlenbach/Diemtigtal anfing: «Ich mache selber Ski- und Bergtouren. Ich will meinen Kameraden helfen, wenn sie in Not geraten. So, wie ich sicher sein kann, dass sie das auch für mich tun würden.»

Doch oft liegen Freud und Leid nah beieinander. Und manchmal kann auch der beste Retter nichts mehr tun. Sieben Menschen starben unter der Lawine im Diemtigtal. Drei von ihnen konnten wegen des schlechten Wetters erst am Dienstag geborgen werden.

Roland Wüthrich zu SonntagsBlick: «Dieser Einsatz war besonders schwer. Es war uns bewusst, dass wir die Vermissten nur noch tot finden. Die Bergung war aber wichtig, damit die Familien und Freunde der Opfer, aber auch wir Retter, abschliessen können.» 

*Name der Redaktion bekannt

Lawinengefahr war doch höher

Die Lawinengefahr im Diemtigtal war letzten Sonntag grösser als im Lawinenbulletin prognostiziert. Darin schrieben die Experten vom Schnee- und Lawinenforschungsinstitut (SLF) von einer «mässigen Lawinengefahr», das ist Stufe zwei von fünf.

In Realität war die Lawinengefahr in der Unglücksregion erheblich, also Stufe drei. Dies zeigt sich allein darin, dass nicht wie bisher bekannt nur zwei Lawinen niedergingen, sondern vier in der Region. Einen Prognosefehler sieht das SLF allerdings nicht: Lokale Unterschiede seien kaum fassbar, und jede Messstation habe 400 Quadratkilometer abzudecken.

Und selbst wenn es genauere Informationen gäbe, stelle sich die Frage, ob ein Prognostiker drei Viertel eines Gebiets zur nächst höheren Gefahrenstufe «verknurren» solle, bloss weil in einem kleinen Teilgebiet eine andere Situation herrsche.

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