
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
play
Beim Aufwärmen: Nur BLICK-Reporterin Antonia Sell trägt keinen Schleier. (ZVG)
Es sind vier Frauen, die an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr in die Dorfschule Wabern BE kommen. Ihre Haare sind verschleiert, die Körper vollständig verhüllt. Nur eins ist heute Abend klar: Unter den Umhängen tragen sie ihre Sportsachen.
«Heute sind wir nicht so viele», sagt Daniela Rickli (20), Leiterin der islamischen Sportgruppe, entschuldigend. «Wir begannen erst letzte Woche mit dem Frauensport. Aber inzwischen sind bestimmt schon 20 Frauen angemeldet.»
Die Turnerinnen sind alle Mitglieder des Islamischen Zentralrates Schweiz (IZRS). Monatlich 15 Franken kostet sie der Sport in «sicherer» Umgebung. «In einem normalen Fitnessstudio Sport zu machen, ist nichts für mich», sagt Daniela. Sie ist Schweizerin, konvertiert zum Islam, und betont: «Mitmachen dürfen aber auch Nicht-Musliminnen.» Wie wir.
Die Mädchen ziehen ihre schwarzen Umhänge aus und die Turnschuhe an. Die Kopftücher bleiben auf, bis sie in der schützenden Sporthalle sind, und die Tür zu ist. Auch für die Fotos ziehen die Frauen ihre Schleier noch nicht aus. «Wir zeigen uns nur unseren Männern unverhüllt», sagt Amina (35). «Einen Diamanten hebt man ja auch im Safe auf. Dasselbe gilt im Islam für den weiblichen Körper. Er ist kostbar und wird verschleiert.»
Der Gemeinderat hat das Muslima-Turnen bewilligt. Trotzdem entbrannte eine Debatte darüber, ob es gesonderte Turnstunden für Musliminnen braucht – oder sie die Integration behindern.
«Hinter den hochgelegenen Fenstern sind wir vor den Blicken der Männer geschützt.» Ferah (17), eine der Initiantinnen des Frauensports, findet die Halle darum «optimal». Auch sie ist Konvertitin. Ihr Ehemann ist der IZRS-Generalsekretär Naim Cherni (18). Seit der Heirat vor ihren kurdischen Eltern.
Bevor es losgeht, knien die jungen Frauen nieder, Richtung Mekka. Und beten.
Um 20.45 Uhr beginnt das Aufwärmen. Erst als die Foto-Kamera von BLICK sicher verstaut ist, nehmen die Muslimas die Schleier ab. «Mit Kopftuch turnen ist nichts», gesteht Evian (20) lachend. «Das stört.» Hier, unter Frauen, sei das okay.
Ihre Gesichter, ihre Haare erscheinen. Sie wirken verändert, jünger. Auch in ihrem Verhalten. Plötzlich sind sie einfach junge Frauen, toben ausgelassen herum. Religion, Politik, Burka, Integration – alles ist weit weg.
Beim Basketball wird um jeden Korb gekämpft, jeder Treffer bejubelt. Lachen gellt durch die Halle. Offene Haare umspielen verschwitze Gesichter.
Es wird 22 Uhr. «Wir müssen jetzt gehen», sagt Daniela. Bevor die vier Frauen die Tür aufschliessen, verhüllen sie sich wieder. Eben noch ausgelassene Sportlerinnen sind sie wieder fromme Musliminnen. Zurückgezogen in ihrer eigenen Welt. Der Spass weicht Vorsicht und Distanz.