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Um 6.54 Uhr unterschreibt Bundesrat Pascal Couchepin in seinem Büro das Rücktritts- schreiben. (Peter Gerber)
BLICK: Herr Bundesrat, ich habe die falschen Fragen vorbereitet!
Pascal Couchepin: (Lacht) Wir können zusammen neue formulieren!
Ich hatte besonders zwei Fragen. Die erste: Wie stark steigen die Prämien wirklich? Und gegen Schluss wollte ich fragen: Wie lange bleiben Sie noch Bundesrat?
Drehen Sie die Reihenfolge einfach um. Zuerst fragen Sie: Wie lange noch? Und ich antworte: Bis Ende Oktober!
Warum geben Sie Ihren Rücktritt gerade jetzt bekannt?
Ich habe einmal etwas über den Tod des Papstes gelesen. Es ist besser, wenn man selbst entscheidet, als wenn andere das tun.
Viele dachten, Sie würden Ihren Rücktritt nach der IV-Abstimmung im September ankündigen.
Es ist, glaube ich, richtig, jetzt Klarheit zu schaffen. Jetzt kommt der Sommer, und die Leute haben Zeit, in Ruhe über die Nachfolge nachzudenken. Und wir stehen am Schluss einer guten Session des Parlaments, mit einer guten Debatte über das unangenehme Problem der Krankenversicherung. Die Überzeugung hat sich durchgesetzt, dass es langfristige Massnahmen braucht. Aber auch kurzfristige, und die kann man noch beschliessen, bevor ich gehe.
Wann haben Sie entschieden, zurückzutreten?
Dass ich dieses Jahr gehe, habe ich letztes Jahr beschlossen. Das genaue Rücktrittsdatum, also den 31. Oktober 2009, habe ich im Februar dieses Jahres festgelegt.
Sie haben mir vorhin draussen auf der Strasse erzählt, dass Sie bereits letztes Jahr begonnen haben, Ihre Wohnung im Berner Von-Wattenwil-Haus zu räumen.
Ja. Ich habe im Dezember begonnen, meine Bücher von Bern nach Martigny zu zügeln.
Und es hat niemand gemerkt, dass sich Ihr Rücktritt abzeichnet?
Doch. Meine Frau. Und der Fahrer, und ...
... Pfarrer oder Fahrer?
(Lacht) Der Fahrer! Der Chauffeur. Und wahrscheinlich die Putzfrau. Und alle meine engen Mitarbeiter wissen schon länger, dass ich mich entschieden habe.
Seit wann?
(Fragt seinen Pressechef Jean-Marc Crevoisier:) Seit wann weisst du es? (Crevoisier: «Seit Anfang Jahr. Wie die anderen.»)
Es ist ungewöhnlich, dass ein Bundesrat sein Umfeld so früh über seinen Rücktritt informiert. Und dass nichts gegen aussen sickert.
Für mich ist das nicht ungewöhnlich. Ich wusste, dass ich meinen Leuten vertrauen kann.
Wie hat Ihre Frau reagiert?
Sie wartet seit langem auf meinen Rücktritt. Seit Jahren. Weil unser gemeinsames Leben zu kurz kam. Das will ich jetzt ändern.
Ist es schwierig, aufzuhören – nach so langer Zeit als Politiker?
Ach, nicht besonders. Es ist jetzt Zeit, etwas anderes zu machen. Ich bin seit 41 Jahren in Regierungsämtern. Einmal ist genug.
Ist Ihre politische Laufbahn jetzt beendet?
Erst Ende Oktober!
Hatten Sie zuletzt das Gefühl, Sie könnten nicht mehr viel erreichen in der Politik?
Nein. Ich machte mir nie Illusionen über die politische Auseinandersetzung. Die Politik ist härter geworden in letzter Zeit, weil die Zersplitterung der politischen Kräfte zunimmt. Wir gehen langsam, aber sicher Verhältnissen entgegen, wie sie in Israel herrschen. Diese Zersplitterung macht es schwieriger, Lösungen zu finden.
Hören Sie darum jetzt auf?
Nein! Das meine ich überhaupt nicht. Wissen Sie: Ich bin jetzt 67. Für mich war es fast Ehrensache, wenigstens bis 67 zu bleiben. Ich selbst habe ja einmal den Vorschlag in die Diskussion gebracht, man sollte bis 67 arbeiten. Das kam unterschiedlich an, aber ich dachte mir, es soll wenigstens für mich gelten.
Ist das Ihre Botschaft: Irgendwann kommt das Rentenalter 67?
Nein, nein, nein! Das ist nur ein Nebenaspekt. Nur ein kleines Augenzwinkern an die Leute, die mich wegen des Rentenalters 67 immer wieder aufgezogen haben.
Wie haben Ihre Kollegen im Bundesrat eigentlich den Rücktritt aufgenommen?
Oh, sie wissen es noch nicht alle.
Ich dachte, Sie hätten sie gestern informiert?
Nein. Ich werde sie nachher gleich anrufen.
Sie wollen noch die IV-Abstimmung im September gewinnen. Wie wichtig ist die für Sie?
Für mich selbst ist die Abstimmung nicht wichtig. Ich bin ja nicht IV-Rentner. Aber für das Land und die Betroffenen ist sie wirklich sehr wichtig. Die Abstimmung wird nicht leicht zu gewinnen sein. Es braucht die Unterstützung der Parlamentarierinnen und Parlamentarier und aller Gesellschaftskräfte. Wenn die Abstimmung scheitert, dann haben wir ein grosses Problem in den nächsten Jahren.
Warum?
Weil es bedeuten würde, dass es unmöglich ist, noch eine Reform von Sozialversicherungen durchzuführen. Egal, ob man die Leistungen reduziert oder ob man die Einnahmen erhöht. Im Fall der IV machen wir beides: Mit der letzten Revision haben wir die Leistungen angepasst, und jetzt brauchen wir vorübergehend mehr Geld. Wenn das scheitert, ist es ungerecht. Nicht nur für die IV, sondern auch für die AHV.
Ist es kein Nachteil, dass Sie Ihren Rücktritt vor der Abstimmung ankündigen?
Das habe ich mich auch gefragt. Aber das Gegenteil ist richtig. Meine Person steht jetzt nicht im Mittelpunkt. Es geht um die Sache. Jetzt kann ich mich für die Vorlage einsetzen, ohne dass man sagen kann, er macht das für sich selbst. Man kann jetzt nicht sagen, ich möchte meine Karriere mit der Abstimmung verkürzen oder verlängern oder sonst etwas.
Man sagt aber: Wer aufhört, ist eine «lahme Ente». Sind Sie das?
Ich glaube, es hängt von einem selbst ab. Wenn man eine «lahme Ente» sein will, ist man eine. Wenn nicht, ist man keine. Sicher ist nur, dass man keine langfristigen Projekte mehr ausführen kann. Aber man kann noch einige kurzfristige Entscheide treffen und beeinflussen, die für die Zukunft wichtig sind.
Die FDP hätte lieber gehabt, wenn mit Ihnen noch andere Bundesräte zurücktreten würden.
Das war so nie ein Thema. Ich habe die FDP vor rund drei Monaten wissen lassen, dass mit dem Rücktritt zu rechnen ist.
Haben Sie versucht, mit anderen Bundesräten einen gemeinsamen Rücktritt abzusprechen?
Ich habe einmal versucht, mit einem guten langjährigen Kollegen zu reden. Aber es wurde nichts daraus.
Kommen harte Zeiten auf Ihren Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin zu?
Für alle Bundesratsmitglieder kommen harte Zeiten. Wegen der Krise, aber auch wegen der internationalen Stellung der Schweiz. Wenn man die Zeitungen liest, sieht man schnell, dass die Ausgangslage für uns nicht besonders günstig ist. Aber wir werden auch das überleben. Und wahrscheinlich, wenn es uns gelingt, das Richtige zu tun, werden wir in zwei, drei Jahren stärker sein als vorher.
So gesehen hätten Sie doch bleiben sollen. Sie gelten als überlegt und krisenfest.
Mag sein. Aber im Oktober, wenn ich gehe, werde ich näher bei 68 sein als bei 67. Und man darf nicht nur auf meine Generation zählen. Es braucht auch jüngere Kräfte. Gerade im Departement des Innern braucht es volle Kraft und volle Konzentration. Das konnte ich bis jetzt bieten, aber irgendwann ist genug.
Jetzt noch die Frage, die ich zuerst stellen wollte: Mit welcher Prämienerhöhung haben wir zu rechnen?
Das weiss ich nicht. Die Prämien werden von den Krankenkassen vorbereitet und vom Bundesamt für Gesundheit genehmigt.
Aber wird es unter den angekündigten 15 Prozent sein?
Ich selbst habe keine Zahl genannt. Das war eine Aussage des Vizedirektors des Bundesamts für Gesundheit. Ich fand die Aussage ein wenig unvorsichtig. Aber sie war auch mutig, und darum habe ich den Vizedirektor nicht gerügt.
Sie haben lieber mutige Leute als feige?
Ja. Wenn jemand etwas wagt, soll man ihn unterstützen und nicht kritisieren.
Haben Sie Wünsche, wie sich die Versicherten angesichts der steigenden Gesundheitskosten verhalten sollen?
Ich verlange von ihnen nichts. Ich wünsche mir aber, dass sie sich vernünftig verhalten. Dass sie sich für ihre Gesundheit interessieren, aber nicht übermässig. Es ist nicht gesund, nur an sich und seine Gesundheit zu denken.
Es gibt auch Ärzte, Apotheker, Pharmavertreter, die nur an sich denken!
Ja. Und es gibt auch Journalisten und Politiker, die nur an sich denken! Solche Leute gibt es in allen Kreisen.
Wie geht es in den nächsten Stunden und Tagen für Sie persönlich weiter?
Am Samstag wird der jüngste meiner drei Enkel getauft. Er heisst Nicolas und ist ein Jahr alt. Das ist ein schönes Ereignis, und ich freue mich auf den Tag mit meiner Familie. Und auch meine Familie freut sich, dass ich bald einmal mehr Zeit für sie habe. Wir haben ein enges Verhältnis. Sehen Sie selbst. (Er holt ein E-Mail hervor, das ihm seine Tochter am Donnerstagabend geschickt hat und in dem sie ihrem «Daddy» gute Nacht wünscht.)