Im Stress riskieren Bahnkunden Kopf und Kragen Bei Pannen verreisen Passagiere zu Fuss

  • Aktualisiert am 19.01.2012
  • Von Romina Lenzlinger
Riskant Bahnhof Stadelhofen, Zürich: Nebst S-Bahnen erscheinen auch Zugreisende...- Goran Basic

Vollgestopfte Züge, Verspätungen und Betriebsstörungen: Den SBB laufen die Passagiere davon – jetzt auch noch mitten im Tunnel.

Kurz nach sieben Uhr morgens. Stosszeit. Vor dem Zürcher Bahnhof Stadelhofen steckt die S-Bahn fest. Mitten im Tunnel. Schon seit 15 Minuten. Die Waggons sind knallvoll: Die Pendler hocken auf den Treppen und stehen in den Gängen. «Stellwerkstörung», meldet eine Stimme über den Lautsprecher. Da wird es einem Fahrgast zu bunt: Er will aussteigen, und zwar sofort. Er drückt auf den roten Not-Türöffnungsknopf. Schiebt die Wagentüren auseinander. Und schon ist er im Dunkel des Tunnels verschwunden.

Dieses unglaubliche Szenario spielt sich auf dem Schweizer Schienennetz immer öfter ab. «Heute passiert es alle paar Wochen, dass Pendler mitten in Tunnels aussteigen», sagt Hubert Giger (39), Präsident des Verbands Schweizer Lokomotivführer (VSLF), welcher 1400 Lokführer vertritt. Die zunehmenden Verspätungen der Bahnen verleiteten die Passagiere zu Dummheiten.

Solche Aktionen sind aus gutem Grund verboten. «Die Leute sind unglaublich fahrlässig – da donnern Züge mit Tempo 120 vorbei», sagt Giger. Meist gewinnen die Tunnelflitzer nicht mal Zeit, da sie die Distanzen unterschätzen. «Sie glauben, dass sie sich kurz vor der Haltestelle befinden. In Wahrheit sind sie noch zwei Kilometer davon entfernt und müssen 30 Minuten marschieren.»

Auch Stephan Gut (44), VSLF-Sektionspräsident Ostschweiz, hat das schon erlebt. Vom Führerstand aus sah er, wie plötzlich ein Dutzend Reisende aus seinem Zug sprangen: «Für uns Lokführer ist das eine unmögliche Situation, da wir den Zug zum Fahren bringen müssen und nicht noch den Leuten nachrennen können.» So entkämen diese Fahrgäste ungehindert.

Für die Zugführer doppelt ärgerlich: «Solange sich Personen in Tunnel aufhalten, dürfen wir nur nach Sicht und nicht nach Sig-nal weiterfahren», so Gut. Was wiederum zu weiteren Verspätungen führe. Die SBB spielen die Vorfälle herunter. «Es ist möglich, dass ein solcher Fall schon vorgekommen ist», sagt Sprecher Daniele Pallecchi. Man führe allerdings keine Statistik. Die Rechtslage sei jedoch eindeutig: Wer grundlos auf die Notöffnung drückt oder sich unerlaubt im Tunnel aufhält, wird verzeigt.

Dass Pendler mitten im Tunnel aus den Zügen steigen, ist auch Tony Lüchinger zu Ohren gekommen, dem Präsidenten des Informationsdienstes für den öffentlichen Verkehr (Litra). Für ihn liegt das Problem bei der schlechten Informationspolitik der SBB: «Man lässt die Passagiere warten, ohne ihnen zu sagen, wie lange es noch dauert. Klar, dass sie ungeduldig werden.»

SBB-Lounge für Erstklasskunden

Anfang Juni eröffnen die SBB im Zürcher Hauptbahnhof eine exklusive Lounge: Zutritt haben nur GA-Besitzer (1. Klasse) und Passagiere mit einem internationalen Billett. Diese dürfen sich auf Kosten der SBB den Bauch voll schlagen: Neben Snacks gibts auch Kaffee, Tee, Softdrinks und alkoholfreies Bier. Zudem liegen Zeitungen auf und die Reisenden haben gratis Zugang zum Internet.

«Kunden, die mehr für ihre Tickets bezahlen, sollen auch von einem besseren Service profitieren können», sagt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi zu SonntagsBlick. Je nach Besucherandrang sollen sich bis zu drei Angestellte um die Gäste kümmern. Wie viel Geld die Schweizerischen Bundesbahnen dafür ausgeben, wird nicht verraten. Ist das Konzept erfolgreich, soll es auch auf andere Hauptbahnhöfe ausgeweitet werden. 
...zu Fuss aus dem Tunnel, denen die Warterei im stehen gebliebenen Gefährt zu lange dauerte.- Keystone

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