Luftraum-Sperre Behörden fallen aus allen Wolken

  • Publiziert: 17.04.2010, Aktualisiert: 19.01.2012
play Bazl-Direktor Peter Müller (3. v. Rechts) informiert mit anderen Behörden-Vertretern über die Auswirkungen der Vulkan-Wolke. (Reuters)

BERN – Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) hat die Luftraumsperre über der Schweiz wegen der Aschewolke erneut verlängert. Die Sperre dauert bis morgen Sonntag 14.00 Uhr.

Wohl noch nie hat eine Naturgewalt Mensch und Maschinen so in die Schranken gewiesen: Die Wolke aus feinen Stein- und Glasteilchen aus Island dirigiert neben dem Luftverkehr auch Abläufe in Weltpolitik und Wirtschaft. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Der Schweizer Luftraum wurde am Freitag um Mitternacht geschlossen; die Sperrung sollte bis mindestens Sonntag 14 Uhr dauern. Der Flughafen Zürich machte am Freitag sogar schon um 21.30 Uhr dicht. Deutschland, Grossbritannien und andere Länder sprachen Flugverbote bis Sonntagmorgen aus; Frankreich und Italien gar bis Montagmorgen.

Die Aschewolke hängt wie eine gespreizte Zange über Skandinavien und Mitteleuropa. Nur über Litauen, Lettland und Weissrussland war noch eine Lücke. In 17 Ländern war der Luftraum gesperrt. Grösstenteils verschont blieb bislang der Süden des Kontinents. Für die Luftfahrt wie auch für Meteorologen und Behörden stellt die Wolke eine noch nie gekannte Herausforderung dar.

Hilflose Behörden

Vor den Medien in Bern zeigten sich die Behörden am Samstag hilflos. «Der Ausbruch (...) ist ein Ereignis, das in der Neuzeit in Europa noch nie passiert ist», sagte Marcel Haefliger, Chef des Flugwetterdienstes von MeteoSchweiz.

Es fehlten wissenschaftliche Daten zur idealen Verdünnung einer Vulkanaschewolke – und zwar weltweit, sagte der Vizedirektor des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (BAZL), Werner Bösch. Ohne genaue Kriterien seien genaue Prognosen unmöglich.

Drei Viertel aller Flüge gestrichen

Im europäischen Luftraum wurden gemäss Eurocontrol am Samstag nur drei Viertel aller 22000 Flüge bedient. Die deutsche Gesellschaft Lufthansa erklärte am Samstag, sie streiche bis Sonntag 14 Uhr sämtliche Flüge weltweit.

Auch in der Schweiz fielen am Freitag und heute Hunderte Flüge aus. Nachdem am Freitag nur der Europaverkehr betroffen war, ging heute auch auf der Langstrecke nichts mehr. Die Lufthansa-Tochter Swiss und die Billig-Airline Easyjet strichen für Samstag alle Flüge ab der Schweiz.

Schwerer Rückschlag für die Luftfahrt

Ob der Ausbruch die Erholung der Wirtschaft in Europa wieder abwürgen wird, war noch nicht absehbar. Schwer getroffen ist die Luftfahrt: Jeder Tag kostet die Branche laut Weltflugverband IATA etwa 200 Millionen Dollar. Schäden durch Naturgewalten sind zudem nicht versicherbar.

Die Frage ist, wie lange die Wolke Europa im Griff hat. Der Ausbruch des Gletscher-Vulkans Eyjafjalla schien abzuflauen, könnte aber noch über Tage und sogar Monate andauern. Sollte dies der Fall sein, würden unter anderem Lieferketten unterbrochen.

Für Eisenbahnen, Auto-Vermietungen, Taxi-Unternehmen und viele Hotels erwies sich das Chaos hingegen als Segen, weil viele Zehntausende umdisponieren mussten.

SBB erhöht Kapazität

Einen Ansturm erlebte auch die SBB. Sie setzte bei den internationalen Verbindungen so viele Züge auf die Schiene wie sie konnte. So wurden in Richtung Italien und Paris die Züge doppelt geführt.

Profitieren vom Grounding konnten auch die Hotels in der Nähe des grössten Schweizer Flughafens Zürich: Die meisten waren ausgebucht. Von Freitag auf Samstag mussten zudem etwa 300 Gestrandete im Flughafen übernachten. Sie wurden vom Zivilschutz versorgt.

Weniger Gäste bei Kaczynski-Trauerfeier

Wegen des Chaos schmilzt auch die Gästeliste für die Trauerfeier für Polens Präsident Lech Kaczynski vom Sonntag zusammen. Unter anderem Spaniens Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero sagte ab. Ob die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen kann, war offen.

Merkel gehört selbst zu den Gestrandeten: Für sie endete ihre Rückreise aus den USA zunächst in Lissabon. Am Samstag flog sie dann nach Rom, von wo sie per Bus nach Deutschland reisen wollte. Washington erklärte dagegen, US-Präsident Barack Obama wolle anreisen. (SDA)

Leuthard sagt Reise ab

Doris Leuthard hat ihre Reise nach Polen abgesagt. Wegen der Sperrung des Schweizer Flugraums kann die Bundespräsidentin nicht an der Trauerfeier für Polens Staatspräsidenten Lech Kaczynski teilnehmen. Sie ist nicht die einzige, die absagen muss: Den Trauerfeiern am Sonntag in Krakau werden Bundeskanzlerin Angela Merkel, der kanadische Regierungschef Stephen Harper, der britische Thronfolger Prinz Charles, König Carl XVI. Gustaf von Schweden und der schwedische Aussenminister Carl Bildt fernbleiben (SDA)
play (AP/Keystone/Reuters)