Auf Spurensuche im Mafia-Mekka Frauenfeld: BLICK besucht die Mafia

FRAUENFELD - TG - Organisierte Kriminalität zwischen Gartenzwergen und Blumentöpfen: Die mutmasslichen Mafiosi der Frauenfelder Zelle lebten zurückgezogen und ohne Aufsehen zu erregen – wohl ganz bewusst. Fette Villen und italienische Sportwagen? Fehlanzeige – bis auf eine Ausnahme. Eine Spurensuche im Thurgauer Mafia-Netzwerk.

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In Frauenfeld (25'000 Einwohner) sagen sich die Menschen noch «Grüezi» auf der Strasse. Jeder kennt jeden und weiss, was der Nachbar so treibt. Würde man meinen.

Doch die 'Ndrangheta, die kalabrische Mafia, hat hier völlig unbemerkt eine Zelle installiert – bereits vor Jahrzehnten. Die Mostindien-Mafiosi legten Wert auf Unauffälligkeit: normale Jobs, bescheidene Wohnungen und Ehefrauen, die sich für die Kirche engagieren. BLICK hat bei den Mafia-Nestern angeklopft.

Der Capo aus dem Arbeiterblock

Demonstrativ unauffällig ist die Unterkunft von B.N.* (49), dem mutmasslichen «Capo locale»: Der Chef der Frauenfelder Zelle der mächtigen 'Ndrangheta wohnt in einem mausgrauen Arbeiterblock – sogar noch bescheidener als seine Untergebenen. Veloständer, 30er-Zone, Agglo-Hecken: Hier herrscht Rasenmäher-Idylle statt «Der Pate»-Mafiafilm-Romantik.

Die Idylle ist dahin, als BLICK beim «Capo» klingelt: «Du kannst gleich wieder abhauen! Was soll ich schon dazu sagen?», raunzt ein wütender Mann, wohl der Sohn, über die Gegensprechanlage.

Einer, der seine bürgerliche Fassade ebenfalls perfektioniert hat, ist F.L.* (43) aus Weinfelden TG. Der ehemalige «Regionalleiter Vertrieb» einer grossen Versicherungsgesellschaft wohnt direkt neben einer Kirche – und lächelte vertrauenserweckend von der Homepage.

Und hat mit seinen Nachbarn dieselben Probleme wie jeder Durchschnittsschweizer. «Der ist immer so laut, typisch Italo. Das hat schon genervt. Aber Mafia?! Das kann ich fast nicht glauben», so eine Bewohnerin des Mehrfamilienhauses.

Angehörige fürchten die harten italienischen Gesetze

F.L. soll wie seine Mafia-Kumpels nach Italien ausgeliefert werden. Für die Angehörigen ein grosses Problem: «Dort sind die Gesetze viel härter als hier.» Weitere Informationen gibt es von der Familie nicht: «Wir sind noch nicht in der Lage, darüber zu sprechen.» 

Auffällig: Mit G.N.* (48) arbeitet noch ein zweiter Verhafteter bei einer anderen grossen Versicherung. Der mutmassliche 'Ndrangheta-Mann hat seine Kunden bei der Vorsorgeberatung unterstützt. Beruflich erfolgreich ist auch C.L. (56). Er arbeitet als Rohstoffhändler – und posiert im Internet gerne mit grossen Kanonen.

«Es fühlt sich unheimlich an, neben einem Mafioso zu wohnen»

Nur ein nach BLICK-Informationen «pensionierter» Mafioso zeigt seinen Reichtum freimütig: Der mutmassliche Ex-Capo M.R.* (53) wohnt in einer stattlichen Villa mit Weitblick in Sirnach TG. Im Quartier fahren Kinder mit Velos herum. Am Eingang grüssen Engel-Figuren, der Garten ist pingelig gepflegt.

Nur die vergitterten Fenster zeigen: Der Mann hat ein höheres Sicherheitsbedürfnis als seine Nachbarn. Die sagen: «Mafia-Gerüchte gingen schon länger um. Es fühlt sich schon unheimlich an, direkt neben einem Mafioso zu wohnen.»

Seinen Namen in der Zeitung lesen will hier niemand. Auch in der Schweiz löst der Begriff «Mafia» Ängste aus. Und: Probleme mit den unkonventionellen Nachbarn habe man nie gehabt.

Frauenfelderin Olga Nuja. play
Frauenfelderin Olga Nuja. Michael Sahli

In Frauenfeld kennt man sie vom Sehen

Auf den Strassen von Frauenfeld führte die Verhaftungswelle zu Verunsicherung. Man kennt die Mafiosi zumindest vom Sehen. Ein älterer Italiener sagt: «Die sind eine Schande für unser ganzes Land.» Auch er will nicht namentlich zitiert werden, «man weiss ja nie ...»

Auch Olga Nuja (35) hat Angst: «Ich bin erschrocken, als ich von der Mafia-Zelle erfahren habe.»

Kurt Zangger (60) relativiert: «Die Hells Angels sind schlimmer – wir haben ja Jahrzehnte mit diesen italienischen Herren gelebt, ohne dass es Probleme gab.» Für seine Ehefrau Ruth Zangger (59) ist Frauenfeld schlicht das perfekte Mafia-Versteck: «Wer vermutet hier schon die 'Ndrangheta? Frauenfeld ist ein Kuhkaff!»

Frauenfeld ist das «perfekte Mafia-Versteck»: Ruth und Kurt Zangger. play
Frauenfeld ist das «perfekte Mafia-Versteck»: Ruth und Kurt Zangger. Michael Sahli

* Namen der Redaktion bekannt

Publiziert am 11.03.2016 | Aktualisiert am 17.03.2016
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Boccia-Club in Wängi: Hier hielten die Mafiosi ihre Treffen ab

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