Am Zürcher Weihnachtsmarkt gingen die Lichter aus «Wir lassen uns die Weihnachtsstimmung nicht verderben»

Ausgerechnet ein symbolbeladener Weihnachtsmarkt wurde in Berlin Ziel eines Terroranschlags. Nun wird Glühweintrinken zum stillen Protest.

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Für einen Monat wird der Weihnachtsmarkt zum geliebten Treffpunkt der Stadt: Dort will man den würzigen Duft von Glühwein einatmen, eintauchen in eine heimelige Wunderwelt, den Alltag für ein paar gemütliche Augenblicke vergessen.

 

Doch am Montagabend riss ein LKW auf einem Berliner Weihnachtsmarkt ein Dutzend Menschen in den Tod. Mitten in der heiligsten Zeit schlug der Terror zu an einem symbolisch überladenen Ort. Wie soll man an einem Weihnachtsmarkt noch besinnlich sein angesichts von so viel Besinnungslosigkeit?

Vielleicht, indem man jetzt erst recht zusammenkommt, so wie gestern im «Wienachtsdorf» auf dem Zürcher Sechseläutenplatz. Der Markt schien voller als sonst, die Menschen schoben sich dicht aneinander vorbei, standen lange Schlangen vor den Essensständen. Die Gesichter wirkten glücklich.

Um 20 Uhr verstummte das Gelächter und die Gespräche, Menschen zündeten Kerzen an, blieben reglos stehen. Die Beleuchtung des Weihnachtsbaums und des Opernhauses wurden in Gedenken an Berlin und «all den schlimmen Sachen, die dieses Jahr passiert sind», für zwei Minuten ausgeschaltet.

Die Besucher wollen sich die Weihnachtsstimmung nicht verderben lassen: «Es ist doch keine Lösung, sich jetzt zu Hause zu verkriechen», sagte Besucherin Daniela Fangi (31).

Patrouillen und Geschenke einkaufen, das passt nicht zusammen 

Schnell wurden nach der Tragödie am Montag wieder Rufe laut nach noch mehr Sicherheit, noch besser ausgerüsteten Polizisten, noch mehr Überwachung. Gestern Nachmittag schützte Basel seine Weihnachtsmärkte bereits mit Betonelementen. Doch will man wirklich Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag, die uns beim Glühwein-Trinken bewachen? Soll man die Freiheit opfern, sich der Öffentlichkeit auszusetzen? «Wäre der Weihnachtsmarkt umzäunt, würde ich nicht mehr hingehen», sagte Simone Mäder (57), eine andere Marktbesucherin.

Wie schnell sich der Versuch, den Schein der Sicherheit zu wahren, in eine bizarre Szenerie verwandelt, zeigt dieses Jahr Strassburg im Elsass. Die «Weihnachtshauptstadt» besuchen jeden Advent zwei Millionen Menschen. Hier verhinderte die Polizei im November einen Terroranschlag. Und hier befindet sich daher der am besten gesicherte Weihnachtsmarkt der Welt. Das historische Zentrum riegelt die Polizei an 15 Checkpoints ab. Autos dürfen keine hinein. Jeder Fussgänger, der auf den Markt will, wird durchsucht.

In den kitschig dekorierten Gassen patrouillieren 160 Soldaten mit Maschinengewehren. Doch anstatt dass man sich sicher fühlt, wird einem mulmig, wenn man die Waffen erblickt. Bewaffnete Patrouillen und Geschenke einkaufen, das passt kaum zusammen. Dass etwas nicht stimmt, dass eine diffuse Gefahr droht, daran wird man ständig erinnert. 

Ein Heissgetränk trinken wird zum Protest

Das Perfide am aktuellen Terror ist, dass er jederzeit, in jeder Form, an jedem Ort zuschlagen kann. Doch jeden öffentlichen Ort dagegen zu schützen, ist nahezu unmöglich. «Wir können Weihnachtsmärkte nicht zu Burgen ausbauen», sagte gestern der Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt. Ein Restrisiko werde immer bleiben.

Terroristen wollen Angst und Schrecken verbreiten. Ihnen muss man daher mit Besonnenheit, Empathie und noch mehr Zusammenhalt entgegentreten. Warum nicht auf einem Weihnachtsmarkt? Rufen Sie Ihre Freunde an, treffen Sie sich auf einen Kafi Lutz oder Glühwein. Auf dem Christkindlimarkt gemeinsam Heissgetränke zu trinken, wird in diesen Zeiten zum Protest.

Publiziert am 21.12.2016 | Aktualisiert am 21.12.2016
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8 Kommentare
  • Jean Pierre  Stocker 21.12.2016
    Man muss einfach den Tatsachen ins Gesicht sehen. Heute käme auch kein Mensch auf die Idee Autos ohne Tempolimits in der Gegend herumfahren zu lassen nur "um die freie Welt" zu erhalten. Wir müssen sehen, Terror wird uns begleiten auch in Zukunft. Wenn wir uns nicht schützen wird er irgendwann überhand nehmen. Jetzt fragt sich was haben wir lieber. Die Idylle ungeschützt und naiv mit Dutzenden von Toten oder Polizei die mit MPs (nicht MGs wie geschrieben) patroulliert. Zeiten ändern sich.
  • Boris  Kerzenmacher 21.12.2016
    Das perfide an der ganzen Geschichte: die Terror-Organisationen wissen, dass es auch im "Westen" genug radikale Muslime gibt die zum Töten für "ihre Sache" bereit sind. Wenn man nun auf Anschläge mit einem Kraftfahrzeug zurückgreifen kann, ist keine grosse Kommukation nötig, die von den Sicherheitsbehörden entdeckt werden könnte. Die Fähigkeit zu lenken und Gas zu geben reicht schon aus.
    Vor einer solchen Hinterhältigkeit und Mordlust wird man nie sicher sein.
  • Anna  Rusch 21.12.2016
    Hier verstehen es wohl einige falsch, wenn man sagt, dass man sich die Feierlichkeiten nicht vermiesen lässt! Dass hat nichts mit Konsumdenken zu tun, sondern damit, dass uns eine Situation aufgedrängt wurde, von unseren Politikern, die viele Gefahren für Leib und Leben mit sich bringt! Wir sind gezwungen uns zu verstecken oder Stirn zu bieten, wir tun das jetzt und werden dafür wohl noch mehr auf die Strasse gehen müssen um ein Zeichen zu setzen!! Mut statt Angst!
  • timo  schenker 21.12.2016
    Richtig, lassen wir nicht. Wir ignorieren es einfach und machen so weiter wie bisher. Warten wir erst ab bis es in der Schweiz zu 3-4 solchen Anschlägen kommt, dann können wir ja mit diskutieren anfangen, unsere Stärke.
  • Lionel Werren,  der Klartexter 21.12.2016
    Wir lassen uns die Stimmung nicht verderben? Das ist die Floskel von jenen Leuten, die ihr Verhalten nicht hinterfragen und sich keine Gedanken über die Situation machen wollen! Erbärmlich! Für die muss sich das Rad der Spass- und Konsumgesellschaft einfach weiter drehen, etwas anderes bringt sie aus ihrem oberflächlichen, sinnleeren Alltagstrott. Aber gerade diese Menschen hätten es nötig, über ihr Verhalten nach zu denken!
    • Joel  Meier 21.12.2016
      Glauben Sie mir, ich denke über mein Verhalten nach. Mit einem 1-jährigen Sohn vielleicht noch etwas mehr als andere. Und doch lasse ich mir die Stimmung nicht verderben. Und doch mache ich weiter wie bisher und besuche die wenigen Weihnachtsmärkte, die ich sowieso besucht hätte und bewege mich mit meiner Familie dort, wo wir das immer getan haben. Sei es trotz oder wegen all dem, was passisert ist.