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Grosser Kreis: An diesem Hang des Monte Lema sond noch Fussspuren der Familie im Schnee zu sehen. Kleiner Kreis: Die Flüchtlingsfamilie wird von der Rega-Besatzung im steilen Gelände gesehen und geborgen. (Blick / Franjo M.)
Es ist Mittag. Die Sonne strahlt aufs Luganese. Niemand ahnt, dass sich auf einem Berg ganz in der Nähe ein menschliches Drama abspielt. Eine Mutter (47) mit ihren fünf Kindern steckt seit drei Tagen im Schnee fest. Auf 1500 Meter Höhe. Der Familie droht der Tod durch Erfrieren. Dabei sind sie nur wenige Hundert Meter von der Bergstation des Sessellifts Bianca Bella entfernt.
Tochter Lydia (21) hat ein Walkie-Talkie dabei. Verzweifelt versucht sie jemanden zu erreichen.
Endlich – am Sonntagmittag – schnappt ein Italiener den Funkspruch auf, als er versucht, seine Kinder im Skigebiet über Funk zu erreichen. Er alarmiert die Polizei.
Doch das Signal verstummt. Ein Fall für Amateurfunker Claudio Tiziani. Der Techniker aus Caslano TI ist spezialisiert auf die Ortung versteckter Frequenzen. Die Polizei bittet ihn um Hilfe. Die Zeit drängt. Eine Bergung ist nur bei Tageslicht möglich.
«Bei 400 Megahertz höre ich plötzlich eine Mädchenstimme», beschreibt Claudio Tiziani den bewegenden Moment. «Sie ruft ‹Help, Help›. Ich frage auf Englisch: Hörst du mich? ‹Yes›. Welche Sprache sprichst du? ‹Russian›. Wir verständigen uns in gebrochenem Englisch. Ich heisse Claudio, and you? ‹Lydia›.»
Der Funkkontakt ist gut. Claudio weiss: Die Familie kann nicht weit sein. «Was seht ihr? ‹Yellow house›.» Ein gelbes Haus? Das könnte die Hütte am Monte Lema sein. Übers Handy gibt Tiziani die Info an den Rega-Heli weiter. 16 Uhr. Der Heli setzt einen SAC-Bergsteiger ab. Claudio Tiziani: «Ich sage Lydia: Schreit, so laut ihr könnt.» Dann hört er eine Männerstimme und weiss: Sie sind gerettet.
«Es war der schönste Moment in meiner 20-jährigen Laufbahn als Amateurfunker.» Die Rettung kommt im letzten Augenblick: «Die nächste Nacht hätten sie nicht überlebt», sagt Rega-Pilot Marion Agus-toni. 17 Uhr. Agustoni fliegt die Familie ins Tal. Das wirkliche Elend sieht Held Claudio nicht. Seine Schützlinge sind bitterarme Menschen aus der Ukraine. Nur spärlich bekleidet. Die drei Buben (10, 13, 15) und die beiden Mädchen (9 und 21) sind barfuss. Sie haben überall Frostbeulen.
Ganz schlecht gehts dem 10-jährigen Maxim. Noch am selben Abend wird er ins Kinderspital nach Zürich geflogen. Ihm droht die Amputation beider Füsse. Die Mutter ist bei ihm. Der Rest der Familie bleibt vorerst im Luganeser Spital Civico. Gestern die Entwarnung. «Der Bub kommt vielleicht sogar ohne Gewebeschäden davon», sagt Marco Stücheli vom Kinderspital. «Die Therapie hat gut angeschlagen.»
Die Familie hat eine siebenjährige Odyssee hinter sich. Im Jahr 2000 flieht sie aus der Ukraine nach Ungarn. Beantragt Asyl. Doch Budapest lehnt ab – nach Jahren im Flüchtlingsheim.
Schliesslich landet die Mutter mit ihren fünf Kindern in Italien. In der Schweizer Botschaft in Mailand versucht sie erneut ihr Glück. Wieder «njet».
Die Familie protestiert mit einem Sitzstreik. Carabinieri führen sie ab, stecken sie in ein Notaufnahmelager am Stadtrand. Die Mutter gibt nicht auf. Am 12. Januar packt sie ihre Kinder in den Schnellzug Mailand–Zürich. In Chiasso beantragt sie politisches Asyl. Absage, was sonst? Alle müssen zurück nach Mailand. Der Weg über den tief verschneiten Monte Lema ist der letzte Versuch, dem Elend zu entkommen.