AlpTraum Wann wirds mal wieder richtig Winter?

Kameltouren auf der Alp, Skifahren im Kunstschnee, rundum braune Hänge: Zum Jahreswechsel geben die Berge ein seltsames Bild ab.

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Sterne funkeln am wolkenlosen Himmel. Es ist kalt, die Luft frisch, herrlich der Blick auf die schroffen Alpenfelsen.

Nur ein klirrendes Surren stört das Bergidyll. Es ist drei Uhr früh über der Lenzerheide GR. Schneekanonen jagen jede Sekunde neun Liter Wasser in die klare Nacht. Zu Boden rieselt, womit die Natur dieses Jahr knausert: Schnee. Oder zumindest etwas, was wie Schnee aussieht.

Das Bild passt zum Rekord, den die Skination Schweiz soeben aufgestellt hat: Seit Messbeginn 1864 lag an Heiligabend nie so wenig Schnee. Seit 1980 schrumpft die Schneedecke in Lagen unter 1300 Metern stark. In höheren Gebieten sinkt sie in der wichtigen Frühsaison deutlich.

Und doch kann man den schneearmen Winter auf zwei Arten sehen.

Für Alpen-Optimisten ist vieles wie eh und je. Freudig fahren sie Ski. Lehrer bringen den Kleinen erste Bögen auf den Brettern bei. Würste brutzeln auf Terrassen. Grimmig reichen Bauern die Liftbügel.

Pessimisten hingegen nennen den Anblick brauner Hänge «traurig».

Wochenlang fiel keine Flocke

Doch es stimmt: Skifahren ist möglich. Viele Pisten sind besser als letztes Jahr. Echter Schnee liegt aber nur weit oben. Wochenlang fiel keine Flocke. Was weiss neben braunem Gras liegt, sind kleine Kugeln: «technischer Schnee», wie Kunstschnee präziser und verharmlosend heisst.

Über 15'000 Lanzen und Kanonen produzieren ihn. Aus Wasser und Strom. Pistenbullys walzen ihn zu Bändern. Rechts wie links ist es braun. Kühe grasen, Biker blochen.

Eng wirds auf Pisten. Weil sie schmaler sind als sonst. Anfänger teilen die weissen Streifen mit Renn- und Tourenfahrern, Carvern und Snowboardern. Die Unfallgefahr steigt.

Auf der Tschentenalp über Adelboden BE trotten zwei Kamele den Wanderweg entlang. Die Sonne strahlt. Auf Trampeltieren hocken strahlende Kinder. Statt Schnee sind Wüstenschiffe die Attraktion. Auf der Alp mit der fantastischen Fernsicht lässt sich kein Kunstschnee zaubern. Das Bergrestaurant aber muss Löhne und offene Rechnungen zahlen. Deshalb holte der Wirt zwei Kamele auf den Berg.

«Bis am 2. Januar sind sie da», sagt Züchter Johann-Ulrich Grädel (63). «Dann kommt Schnee.» Er zupft an Farina, der 16-jährigen Stute mit buschigem Kopf. Hinter ihr steht Hengst Dahib (13). Kinder streicheln die Tiere. Erwachsene posieren für Selfies mit Kamelen.

«Schneit es nicht bald, ist die Wüste hier»

Einen Fünfliber kostet der Ritt. Ganz wohl ist Grädel dabei nicht. «Schneit es nicht bald, ist die Wüste hier.» Nächste Woche soll sich das Hoch verziehen, das den Niederschlag bisher verhindert.

Es ist kurz vor drei Uhr nachts. Ein steiler Weg führt zur Talstation Pedra Grossa in Lenzerheide. Schneeketten sind nicht nötig. Am Berg bewegen sich leuchtende Punkte: Bullys, die Pisten präparieren. Einen lenkt Bruno Muri (39), gelernter Bäcker-Konditor. 2003 wollte er etwas Neues erleben. Nun gebietet er über ein Hightech-Arsenal: Jede Kanone ist mit einer Wetterstation versehen. Ist es kalt und trocken, beschneien sie. Muri sitzt in der warmen Kabine, blickt auf den Bordcomputer, bewegt Raupen per Joystick. 500'000 Franken kostet das Gefährt, das der Luzerner jede Nacht lenkt. «Um Menschen ein Lachen auf die Lippen zu zaubern.»

Heute zerzaust Wind den neuen Wurf. Umso rascher präpariert ihn Muri. Stoisch kraxelt er über den Hang. 15 Fahrzeuge sind unterwegs. Sie verbrennen pro Nacht so viel Diesel wie ein Einfamilienhaus im Jahr. Ein Kilometer Piste koste eine Million Franken, so Muri. Gemäss Pro Natura wurden 2014 in der Schweiz 2730 Kilometer Piste beschneit.

2,7 Milliarden Franken

Hochgerechnet lägen die Kosten für die künstliche weisse Pracht bei 2,7 Milliarden Franken. Eine horrende Summe, weiss Muri. Aber: «Es geht nicht anders: Bieten wir keine Pisten an, gehen die Gäste woanders hin.» Dann leiden alle. Die Bergbahnen. Lädeli. Hotels. Skivermieter. Der Alpenraum. Technischer Schnee stoppt den Aderlass in grossen Orten wie Lenzerheide, Laax, Adelboden, Zermatt. Tiefere Regionen darben.

Alte Winterworte verschwinden: Pulver gut und Tiefschneewedeln. Neue kommen: Speichersee und Schneelanze. Statt Lawinen- herrscht Waldbrandgefahr.

Künstlich beschneit wird in der Schweiz seit 40 Jahren. Oft belächelt, von Umweltschützern angefeindet war Savognin GR als Pionierin. Heute graben viele die Berge um, verlegen Wasser-, Strom- und Datenleitungen, setzen Kanonen und Lanzen. Die Hälfte der Schweizer Pisten kann beschneit werden. In Österreich sind es 80 Prozent, in Südtirol in Italien gar 95.

Kunstschnee schmeckt wie er heisst: technisch

Gegen 25'000 Kubikmeter Schnee können Muri und sein Team in 24 Stunden machen. «Allein aus Trinkwasser», sagt er. «Ein Naturprodukt.» Auf der Zunge zergeht es nicht so zart wie Neuschnee. Kunstschnee schmeckt wie er heisst: technisch.

Die Anlagen sind durstig. Laut Pro Natura verbrauchen sie jährlich 18 Millionen Kubikmeter Wasser, wie 140'000 Haushalte. Trotz dreier Speicherseen werde das Wasser in Lenzerheide knapp. Muri witzelt: «Wir sollten im Winter weniger duschen.»

Frisch geduscht sitzt Thomas Zumstein (54) im Sessellift. Der hebt ihn vom braunen Tal auf die weissen Bänder, die Muri in der Nacht zuvor präpariert hat. «Ein Kompliment an die Pistenleute», sagt er. «Im Dorf glaubt keiner, man könne Ski fahren.» Zumstein betreut Grosskunden für Ricola. Kunstschnee sei härter, nach drei Tagen schleife er die Kanten neu. «Aber es fährt sich gut.» Richtiger Winter sei das nicht mehr. «Ich habe mich aber ans Braun gewöhnt.»

Dabei ist nicht einmal Kunstschnee sicher. Dafür sind Minustemperaturen von 3,5 bis 4 Grad nötig. Ist die Luft sehr trocken, geht es auch bei knapp unter null. Klimaszena­rien für die Schweiz gehen von mittleren Temperaturerhöhungen im Winter um 1 Grad bis 2030 und 1,8 Grad bis 2050 aus. Das heisst weniger Beschneiungstage.

Längst tüfteln Techniker an temperaturunabhängiger Beschneiung. Und decken Gletscher im Sommer ab. Davos GR etwa lagert im Frühling übrigen Schnee unter Sägemehl.

Nach Mittag stellen viele die Ski in den Keller. Der Schnee ist zu eisig. Sie machen Fackelläufe statt Fackelabfahrten oder Yoga im Freien. Laax GR hat für Tubing-Gäste einen Wakeboard-Lift auf den Berg geschleppt. Für Wanderer bleibt am Caumasee extra der Kiosk geöffnet.

Lenzerheider Zauberwald

Der Lenzerheider Zauberwald lockt mit Weihnachtsmarkt und Kunst. Grosse wie Kleine reden mit Bäumen, bestaunen leuchtende Greifvögel, schlecken leuchtende Zuckerwatte, sitzen auf leuchtenden Schaukeln. Fotografiestudent Leonard Krättli (25) schlendert hier mit Freunden.

«Skifahren gehört ins 20. Jahrhundert, das ist vorbei.» Für ihn sind schneearme Tage «eine Chance, irrsinnige Projekte wie Olympische Spiele zu stoppen». Der Zauberwald? «Die Zukunft des Winters.» Klein, gesellig, schneeunabhängig.

Um 14.30 Uhr schwebt die Gondel vom famosen Crap Sogn Gion ins Tal nach Laax, über braune Flächen und grüne Tannen. Keine Wolke trübt das Blau des Himmels. Oben trägt die Welt ein weisses Kleid, ist voll fröhlicher Menschen. Unten ist sie grün, wirkt nackt. Dorthin gleitet Raffi Hutter (30): «Nachmittags ist es mir zu eisig», so der Recyclist aus Dietikon ZH. Er steht früh auf, fährt hoch zum Gletscher. «Kunstschnee ist gefährlicher, es hat zu wenig Platz.»

Beim Kinderland Falera GR macht die dreijährige Tochter von Jürg (42) und Olivia Ackermann (33) erste Versuche im Schnee. «Für Kinder reicht Kunstschnee», sagt sie. «Wir ­Eltern picknicken in der Wiese.» Da bleiben die Hosenböden trocken. «Der Winterzauber aber ist weg.» Jürg Ackermann strikt: «Ich fahre nur auf Naturschnee.»

Skifahrer pendeln zum Schnee. Bauingenieur Robert Rettby (64) macht Ferien im fast schneefreien Rougemont VD. Täglich fährt er eine halbe Stunde nach Adelboden «zu den Kunstschneepisten». Es hat freie Parkplätze. Sonnt man aber auf Sillerenbühl und hört die Schneekanone, kommt Sehnsucht auf nach alten Schlagern – und echtem Schnee.

Vielleicht schneit es ja bald. Das würde die Optimisten bestätigen. Und die Pessimisten freuen.

Publiziert am 01.01.2017 | Aktualisiert am 05.01.2017
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20 Kommentare
  • daniel  schwab aus zürich
    01.01.2017
    Weiter machen mit 2,7 Milliarden Franken für Kunstschnee?? ODER: 5 Tage Naturschnee bei tollen Schneeverhältnissen und strahlender Sonne! So erlebt in der letzten Woche des Jahres 2016 auf Skitour und Schneeschuhlaufen im VAL MÜSTAIR.
  • Roger  Stahel 01.01.2017
    Die Menschen sind einfach ignoranten und machen sich kein bisschen Gedanken warum das dies so wurde aber es müsste eigentlich logisch sein bei unserem Raubbau an der Erde aber eben zu viele ignoranten die das noch runter reden!
  • Georg  Kuster 01.01.2017
    Die selben Kosten wie jedes Jahr. Es ist völlig egal ob natürlicher Schnee kommt oder nicht, sobald es genug kalt ist vor Weihnachten wird der Kunstschnee im selben Ausmass produziert. Dies um sicherzustellen, dass die Unterlage auch bei Neuschnee immer kompakt und hart ist und sich so auch bis Ostern hält.
  • Dani  Meier aus at home
    01.01.2017
    Für diejenigen, die es noch nicht bemerkt haben. Solche Winter gab es schon immer. Genauso wie es schneereiche Winter schon immer gab und wieder geben wird. Das hat weder mit dem Mensch noch mit seinen Handlungen zu tun. Die Natur lebt und bewegt sich. Klimaforschung hin oder her.
    • Lionel Werren,  der Klartexter 01.01.2017
      Das ist eine sehr ignorante Aussage! Das eine schliesst das andere nicht aus! Klar lebt und bewegt sich die Natur, aber nicht einfach so aus Lust und Laune sondern aufgrund von Gegebenheiten und dass der Mensch seit dem Industriezeitalter diese Gegebenheiten mitgestaltet ist unbestritten!
    • Dani  Meier aus at home
      01.01.2017
      @Lionel Werren: Und wie begründen Sie dann das Wegschmelzen der Eiszeit zwischen Baden und Zürich und den verbleibenden Fossilien? So daneben kann die Lust und Laune der Natur dann doch nicht sein.
    • Matthias  Gratwohl 01.01.2017
      Herr Meier, es geht hier auch um die Geschwindigkeit, mit der sich das Klima ändert. Und um die nachgewiesene Tatsache, dass der Mensch immer mehr und mehr CO2 in die Luft bläst. Wer das ignorieren will, ist schlicht einfach zu faul, um etwas dagegen zu tun. So sind wir Menschen leider.
    • Dani  Meier aus at home
      01.01.2017
      @Matthias Gratwohl, ihre Interpretation in Ehren. Sie vergessen, dass das Universum ab ca. 30 Kilometer ab Boden beginnt und dort oben mächtigere Dinge hausen, bzw. unser Klima zu beeinflussen mag. In ihren Augen scheint dort der liebe Gott zu wohnen, der uns bestraft und den Schnee vermutlich erst jetzt bringt. Und wenn wir etwas braver mit dem CO2 umgehen, kommt der Schnee auch an Heiligabend wieder. Gelle?
  • Christian   De Martin 01.01.2017
    Schiiferien machen wenn es Schnee hat.
    Die wenigsten gehen ins Freibad bei Kälte oder Regen.