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Blick.ch: Reto Iseli wiegt 250 Kilo, bekommt aber keine IV.
Heinrich von Grünigen: Das ist ein ungelöstes Problem. Zum Teil ist die Handhabung auch von Kanton zu Kanton verschieden. Ich kenne einen vergleichbaren Fall, in dem ein Adipositas-Kranker die IV schon bezogen hatte. Als er dann aber in den Kanton Luzern zog, verlor er seinen Anspruch.
Was sagen Sie zur Begründung des Verwaltungsgerichts, dass ein Anspruch auf IV nur besteht, wenn Adipositas körperliche und seelische Schäden verursacht?
So ist es eben. Liegt kein so genannter krankheitswerter Befund vor, wird nicht bezahlt. Das heisst, die vielen Kilos müssen sich beschädigend auf den Körper auswirken, auf die Gelenke oder den Kreislauf. Bei Reto Iseli sollte der Fall aber klar sein. Bei 200 Kilo und mehr gibt es praktisch immer Folge-Erscheinungen.
Das stellt ein Vertrauensarzt der Krankenkasse fest?
Ja. Oft kommt es in solchen Situationen auch auf das Verhältnis zwischen dem einweisenden Arzt und dem Vertrauensarzt der Krankenkasse an. Vertraut der eine dem anderen, dann werden die Kosten eher übernommen.
Viele Blick.ch-Leser finden, Iseli ist selber schuld an seiner Situation.
Das ist das Grundthema. Alle sagen, Dicke sind selber schuld. Es gibt tatsächlich Menschen, die es mit Selbstdisziplin schaffen, das Gewicht langfristig zu reduzieren. Doch 85 Prozent nehmen wieder zu.
Warum?
Dahinter steckt die Genetik. Rund zwei Drittel der Menschen können, von ihrer Erbanlage her, Fettreserven bilden, ein Drittel bleibt schlank, egal wie viel sie essen. Diese sind dann übrigens oft die intolerantesten Zeitgenossen in Sachen Adipositas. Von den stark Übergewichtigen haben rund 3 Prozent einen komplexen Gendefekt. Diesen Menschen fehlt dann zum Beispiel das Sättigungsgefühl.
Andere Leser finden, Iseli soll sich doch einfach ein Magenband einsetzen lassen.
Das ist eine Möglichkeit. Magenchirurgie ist bislang das einzige, auf Dauer wirkende Mittel bei Adipositas. Allerdings kann auch das ausgetrickst werden. Wenn der Operierte zum Beispiel geschmolzene Schokolade zu sich nimmt, bringen ein Magenband oder andere Eingriffe wie Magen-Bypass oder Schlauchmagen nicht den erhofften Effekt. Eine Ernährungsumstellung braucht es also in jedem Fall.
Sollen Dicke mehr Krankenkasse-Prämie bezahlen müssen?
Das ist eine ewige Diskussion: Dann müsste doch auch jeder Bergsteiger mehr bezahlen. Wenn der abstürzt verursacht er auch mehr Kosten. Ebenso ein Tiefseetaucher oder ein Velofahrer. Jemand, der immer zu Hause bleibt, muss der dann gar keine Prämie mehr bezahlen? Die Krankenversicherung ist aber ein solidarisches Werk.
Was würden Sie Reto Iseli raten?
«Jeder Ratschlag ist ein Schlag.» Das Sprichwort beschreibt die Situation nicht schlecht. Es ist schwierig, Tipps zu gehen, ohne den Fall und seine Vorgeschichte genauer zu kennen, weil ein stark Übergewichtiger meistens schon alles Mögliche ausprobiert hat und immer wieder die bittere Wahrheit erfahren musste. Als konkreter Vorschlag für Reto Iseli: Im Berner Inselspital gibt es eine spezielle Praxis mit einem Programm für beratungsresistente Patienten.