Kinderspital rüstet sich für Massen-Besäufnis Alarmstufe Blau

  • Publiziert: 21.08.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Thomas Ley

Sie sind erst 14 oder 15. Aber sie saufen schon wie die Grossen. Bis ins Koma. Und landen wieder bei den Kleinen.

Wenn die jugendlichen Botellón-Fans loslegen, kippen sie wohl reihenweise um. Gerade die unter 16-Jährigen. Und deshalb ist man vor allem in einem Zürcher Spital auf das Massen-Besäufnis vorbereitet – im Uni-Kinderspital.

«Bei uns steht das Katastrophendispositiv bereit», sagt Georg Staubli, Leitender Arzt der Notfallstelle. «Inzwischen haben wir zwar jedes Wochenende einen bis vier betrunkene Jugendliche bei uns. Aber wir richten uns auf mehr ein, wie schon an Euro und Street Parade.»

Damals standen noch die Zelte der Präventionsstellen bereit. «Sie nahmen uns viele Fälle ab», sagt Staubli. «Zu uns kamen nur die Alkoholvergiftungen.»

Jetzt sind die Zelte weg – auch wenn sich 5000 Kids am 29. August auf der Zürcher Chinawiese gemeinsam volllaufen lassen.

Zwar hat sich inzwischen der Organisator zurückgezogen. Jan Fröhlich (17) hatte die Zürcher Botellón nach spanischem Vorbild auf der Webseite Facebook angerissen. An seine Stelle sind jetzt andere getreten (siehe rechts).

Plötzlich will die Schweizer Jugend massenhaft trinken: In Genf versammelten sich vor einem Monat tausend Jugendliche zur Botellón. Sie hinterliessen Abfall und
Alkoholleichen – und planen morgen Freitag eine Fortsetzung.

Die Berner möchten sie noch übertreffen, und zwar ebenfalls am 29. August. Die Sauferei wird einen Tag vorverschoben – ausgerechnet wegen des Symphoniekonzerts auf dem Bundesplatz. Die Bieler sagten ihre Sause wieder ab. Vorerst.

In Zürich meldete sich gestern die Regierung. Mit viel Empörung und wenig Massnahmen. Man wolle «negative Auswirkungen» reduzieren: Dreck, Schäden, Lärm, Gewalt, Gesundheitsschäden. Polizei und Präventionsstellen hätten «entsprechende Aufträge» erteilt. Die Sanitätskosten sollten die Verursacher zahlen. Stadtpräsident Elmar Ledergerber präzisiert: «Wir fordern darum die Krankenkassen auf, allfällige Sanitätseinsätze nicht nachträglich noch zu vergüten.»

Doch in Zürich ärgert sich noch einer: der Soziologieprofessor Kurt Imhof. Aber nicht etwa über die komasaufende Jugend – sondern über jene, die das Saufen kritisieren:

«Das Problem ist nicht das Massenbesäufnis, sondern
die Empörungsgemeinschaft der Massenbesäufnis-Skandalisierer», sagte er dem «Tages-Anzeiger» (siehe Box). Erwachsene mit ihren feuchtfröhlichen Festen und Chilbis seien bloss Moralisierer. Imhof rät den Jungen: «Macht Massenbesäufnisse! Ihr könntet Dümmeres tun.»

Wirklich? «Was gibt es schon Dümmeres als solche Besäufnisse», fragt Hermann Fahrenkrug von der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme. «Diese 5000 Jugendlichen würden ja sonst nicht marodierend herumziehen.» Für Fahrenkrug ist gerade das Trinken in der Masse gefährlich: «Die Jungen trinken mehr und heftiger. Es kommt eher zu Gewalt. Ausserdem sind all diese Jugendlichen ja nicht von nebenan – viele sind mit dem Auto da und versuchen dann damit heimzufahren.»

Falls sie nicht mal mehr stehen können, kommen sie ins Spital. Die Jüngsten ins Kinderspital – und sie werden immer mehr: «In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Minderjährigen mit Alkoholvergiftung mehr als verdoppelt», sagt Arzt Staubli.

Doch manchen Jung-Trinkern ist der Brummschädel keine Lehre. Sie kommen auf den Geschmack: «Je früher man mit Trinken anfängt, desto eher bleibt man später dabei», sagt Experte Fahrenkrug.

Eine muntere Party ist das dann aber nicht mehr.

Gibt es wirklich Dümmeres als Massenbesäufnisse? Diskutieren Sie mit!

«Ja, kipp dir eins!»

Wer sich empöre, sei selber schuld: «Empörung provoziert Massenbesäufnisse. (...) Zunächst waren sie in Spanien eine Reaktion auf teurere Getränkepreise. (...) Eine hochpragmatische Lösung.» Nicht schlimmer als ein Firmenfest: «Da muss man ängstliche Eltern schon fragen: Was ärgert ihr euch über eine Jugend, die zur konventionellsten aller Drogen greift? Kontrollierte Massenbesäufnisse sind die harmloseste Form.» Zudem gehe es den Jungen gar nicht nur ums Trinken: «Die Absicht aller klar denkenden Jugendlichen ist doch: andere Jugendliche zu begrabschen. Um was geht es sonst in dem Alter?» Und seiner Tochter würde er raten, hinzugehen: «Besser, wenn du zum Massenbesäufnis gehst, als wenn du in Kleinzirkeln das Leid der Welt beklagst, Pubertätsdepressionen schiebst, dir Selbstverletzungen zufügst, mit zwei, drei Kollegen herumsäufst oder dich krank hungerst. Ja, kipp dir eins hinter die Binde!»
play Katastrophendispositiv: Georg Staubli, Leitender Arzt im Zürcher Uni-Kinderspital, und sein Team sind auf den 29. August vorbereitet, wenn die jüngsten Komatrinker eingeliefert werden. (Stefan Bohrer)