Forscher rätseln: Liegts an den Reaktoren? AKW-Schock: Krebs-Risiko!

ZÜRICH – Schock für Familien im Umkreis von AKW: Kinder erkranken dort überdurchschnittlich häufig an Krebs. Weshalb?

  • Publiziert: 10.12.2007, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Karin Baltisberger und Gabriela Battaglia
play Städte Olten und Aarau: Das AKW Gösgen ist nur wenige Kilometer entfernt. (Keystone)

Die Studie ist brisant. Und sie kommt nicht etwa von Atom-Gegnern. In Auftrag gegeben hat sie das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz. Durchgeführt wurde sie von Forschern der Universität Mainz.

Die Resultate sind beunruhigend: Im Umkreis von fünf Kilometern rund um jedes der 16 deutschen AKW haben Kleinkinder ein «statistisch signifikant» höheres Risiko, an einem Tumor oder an Leukämie (Blutkrebs) zu erkranken.

Die Forscher werteten die Jahre von 1980 bis 2003 aus. Statistisch gesehen hätten in dieser Zeit in den 41 untersuchten Landkreisen «nur» 17 Kinder an Leukämie erkranken dürfen. Tatsächlich waren es aber mehr als doppelt so viele: 37 Kinder bekamen Blutkrebs oder einen Tumor.

Doch warum das so ist – die Forscher wissen es nicht. Liegts an den Reaktoren?

«Wir stehen vor einem Rätsel», sagt die Studienleiterin, Professorin Maria Blettner. Sie weiss nur: An der Strahlenbelastung durch die AKW kann es kaum liegen. Sie ist eigentlich zu niedrig, um die vielen Krebsfälle zu erklären.

In der Schweiz ist bisher keine vergleichbare Untersuchung gemacht worden. «Wir müssen die deutsche Studie zuerst genau anschauen», sagt Irene Schellenberg, Sprecherin von Swiss Nuclear.
Die deutsche Studie liefert AKW-Gegnern in der Schweiz neue Munition. «Sie bestätigt unsere Befürchtung, dass das Risiko eines AKWs zu wenig bekannt ist und unterschätzt wurde», erklärt Greenpeace-Sprecher Paul Scherer. Der direkte Zusammenhang sei zwar nicht erwiesen, doch könne dies ja kein Zufall sein.

Der grüne Nationalrat Geri Müller fordert in einer Motion ein nationales Krebsregister. Mit diesem könnte man feststellen, wo Krebs besonders häufig vorkommt. Ausgerechnet die AKW-Standortkantone haben keines. Müller: «In der Schweiz schaut man der Realität nicht ins Auge.

Man will offenbar nicht überall genau untersuchen, warum Kinder Krebs haben.» Denn so wüsste man, ob auch in der Schweiz das Krebsrisko rund um AKW erhöht ist. Eltern könnten entscheiden, ob sie ihre Kinder dieser Gefahr aussetzen wollen.

«Ich würde dort nicht leben wollen», sagt Reinhold Thiel von der internationalen Ärztevereinigung, die sich gegen Atomkraft stark macht. FDP-Nationalrätin Christine Egerszegi hat dagegen überhaupt kein Problem. Dabei wohnt sie sogar im Einzugsgebiet von gleich drei AKW. «Ich fühle mich sehr sicher», sagt sie. Die Strahlung werde regelmässig erfasst. Und: «Die Studie gibt ein falsches Bild. Rückschlüsse sind nicht möglich.»

Auch in Däniken SO, der Standortgemeinde des AKWs Gösgen, reagiert man gelassen. «Solche Studien sind bis heute nie wissenschaftlich erhärtet worden», sagt Gemeindepräsident Gery Meier.

Alt-FDP-Nationalrat Duri Bezzola setzt sich für ein neues AKW ein. Veranlasst ihn die Studie zum Umdenken? Bezzola: «Die Resultate muss man sicher ernst nehmen. Das heisst für mich aber noch nicht, dass man auf AKW verzichten muss. Kernkraft ist eine saubere, umweltfreundliche Energie

Mehr Krebs bei Kindern

ZÜRICH – Nicht nur in Deutschland. Fast weltweit haben rund um Atomanlagen mehr Kinder Krebs.
Am längsten forschen die Briten. Sie untersuchen seit Jahren die Häufung von Leukämiefällen bei Kindern in der Nähe von Atomanlagen. Unter anderem im Dorf Seascale bei der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield. Dann dehnten die britischen Wissenschaftler ihre Untersuchungen aufs ganze Land aus. Und stellten fest: Auch an anderen Orten gibt es eine rätselhafte Häufung von Krebs bei Kindern. Seltsam nur: Weit und breit hat es dort keine Atomanlagen. Auch Forscher in Frankreich, Kanada, Japan, Spanien und den USA haben das Thema untersucht. Eine US-Studie fasste im letzten August alle Ergebnisse zusammen.
Ihre vorläufige Schlussfolgerung: Für Kinder, die in der Nähe von Atomanlagen leben, könnte das Krebsrisiko bis zu einem Viertel höher liegen.