Vereint in Trauer Zwei Mütter kämpfen gegen Jugendgewalt

  • Publiziert: 10.36 Uhr, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Viktor Dammann
play Yvonne Hoheisel (r.) zeigt Dominik und seiner Mutter das Album mit den Fotos ihres verstorbenen Nicky. (Blick / Toini Lindroos)

SUHR AG – Für einen Moment kann Yvonne Hoheisel (46) lachen. Als sie Dominik (19) und seiner Mutter Rosemarie Bein (54) das Fotoalbum von ihrem toten Nicky zeigt.

Gemeinsames Schicksal verbindet. Yvonne Hoheisels Sohn Nicky wurde von Schlägern zu Tode geprügelt. Der Sohn von Rosemarie Bein wird sein Leben lang behindert sein, nachdem Rechtsradikale ihn zusammenschlugen.

BLICK brachte die beiden Frauen zusammen. Und es ist fast, als ob sie sich schon ewig kennen würden. «Ich bin Yvonne», begrüsst Yvonne Hoheisel Rosmarie Bein und den schwer behinderten Dominik (19) mit einem Kuss.

Dann ist sie ganz gerührt. Dominik hat ihr für Nicky einen Porzellan-Engel mitgebracht. An einem Stuhl hängt ein Wimpel des FC Aarau. Darauf prangt die Unterschrift von Italiens Fussballidol Francesco Totti. Mutter Hoheisel bekam ihn vom FC Aarau. Nicky war ein glühender FCA-Fan.

«Wie geht es dir, Dominik», will Yvonne Hoheisel wissen. «Gut», antwortet der Bursche. Wie immer trägt er ein Kopftuch in den jamaikanischen Farben.

«Ja, Dominik hat sehr grosse Fortschritte gemacht», sagt Rosmarie. «Er geht viel sicherer, spricht deutlicher.»

Yvonne Hoheisel schaut Domnik nachdenklich an. «Oft geht es mir sehr schlecht», sagt sie leise. «Ob beim Posten oder beim Kochen. Nicky ist immer präsent.»

Rosemarie Bein nickt verständnisvoll. Dann sagt sie: «Er wird dir immer fehlen. Einen solchen Verlust kann man nicht ersetzen.»

Wie hat Rosemarie Bein damals die Tat erlebt, will Yvonne Hoheisel wissen. Dominiks Mutter schaut ihren Sohn an: «Er war halbseitig gelähmt. Aber er hat alles realisiert und wollte nicht mehr leben. Dann lernte er mit den Augen sprechen.»

Dominik erinnert sich an diese Zeit. Und an die Tat? «Daran nicht», sagt Dominik. Und jetzt? «Jetzt ist er einfach ein anderer Dominik», sagt seine Mutter.

«Ich weiss nicht, ob mein Sohn eine solche Behinderung hätte akzeptieren können», sagt Yvonne Hoheisel. «Er war doch so ungeduldig.»

Die Mütter kommen auf die Täter zu sprechen. «Das Problem liegt in den Familien. Die Kinder lernen nicht mehr zu kommunizieren und über Probleme zu sprechen», ist Mutter Hoheisel überzeugt. Dann würden Probleme eben mit Gewalt gelöst.

Zudem sei Gruppendruck für so schreckliche Taten verantwortlich. Die Mütter sind sich einig: Die Täter gehören hart bestraft. «Wer einem Menschen, der schon am Boden liegt, Schläge gegen den Kopf versetzt, muss mit dessen Tod rechnen.»

Die beiden starken Frauen möchten gegen die Jugendgewalt kämpfen. «Dominik und ich haben auch schon einige Male vor Jugendlichen über sein Schicksal gesprochen», erzählt Mutter Bein.

Yvonne Hoheisel hat das Projekt «Nicky gegen Jugendgewalt» gestartet und ein Konto eingerichtet (Valiant Bank Aarau, Konto: 169.685.484.07). «Es ist schon viel Geld drauf. Ich bin nun daran, die sinnvollsten Verwendungsmöglichkeiten abzuklären.»

Nicky – zu Tode geprügelt

Nicky Hoheisel (19) wird am 22. Juli vor der Aarauer Disco «Kettenbrücke» von drei Gleichaltrigen ins Koma geprügelt. Als er schon am Boden liegt, treten und schlagen die Täter noch auf ihn ein. Zwei Monate später stirbt der FC-Aarau-Fan an seinen schweren Schädel-Hirn-Verletzungen. Die drei Thai-Boxer wandern für eine Woche in U-Haft. Gegenüber BLICK erklärt einer der Verdächtigen: «Ich gebe zu, dass es mit einer Ohrfeige begonnen hat, die ich einem Typ gegeben habe.» Die Strafuntersuchung ist noch im Gange.

Dominik – zum Behinderten geprügelt

Dominik Bein fällt im April 2003 in Frauenfeld einer rechtsextremen Bande in die Hände. Der damals 15-Jährige ist mit einem Freund auf dem Weg an ein Konzert. Er trägt wie immer eine farbige Jamaica-Mütze. Das macht ihn zum Ziel für seine Peiniger. Die Neonazis prügeln den Jungen beinahe zu Tode. Dominik wird zeitlebens behindert bleiben. Sechs der Täter werden wegen versuchter eventualvorsätzlicher Tötung zu Strafen zwischen fünf und sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Der siebte Schläger nimmt sich in der U-Haft das Leben.

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