Ex-Kommandant kritisiert Polizei «Wir haben zu viel Ordnung und zu wenig Sicherheit»

  • Publiziert: 01.10.2012

AARAU - Léon Borer, Ex-Chef der Kantonspolizei Aarau, nimmt kein Blatt vor den Mund: Zu viele Polizisten seien damit beschäftigt, die Kassen mit Bussengeldern zu füllen. Darunter leide die Sicherheit

Den Vorwurf, Polizisten verteilten zu viele Strafzettel und würden sich zu wenig um richtige Verbrecher kümmern, kennt man vom Stammtisch. Diesmal kommt er aber von jemandem, der zweifellos weiss, wovon er spricht: vom ehemaligen Kommandanten der Aargauer Kantonspolizei, Léon Borer.

«Wenn man sieht, dass heute ein Autofahrer, der nachts ein Rotlicht überfährt, zuweilen härter bestraft wird als ein Dieb, dann stimmen für den anständigen Bürger die Proportionen nicht mehr», sagt Borer laut «Aargauerzeitung.ch» in der Wahlzeitung der CVP Aargau.

«Bürger nicht schikanieren»

Borer war 30 Jahre lang Polizeichef. Vor vier Jahren wurde er pensioniert. Mit den aktiven Polizisten und den verantwortlichen Stellen in Verwaltung und Politik geht er hart ins Gericht: «Wir haben zu viel Ordnung und zu wenig Sicherheit. Zu viele Polizeistellen jagen den Bussen nach, um die Bussgeld-Vorgaben ihrer Behörden zu erfüllen.»

Das ist starker Tubak: Die Polizei schikaniert den braven Bürger wegen Bagatellen, anstatt sich um Kriminelle zu kümmern, so der Tenor von Borers Kollegenschelte. «Der Bürger ist der wichtigste Verbündete der Polizei. Man darf ihn nicht schikanieren», sagt Borer.

Der Ex-Polizeichef will jedoch nicht nur schwarzmalen und findet auch lobende Worte für seine Nachfolger und ehemaligen Kollegen: «Bei uns im Aargau ist die Polizei in 80 Prozent der Fälle nach einem Notruf in weniger als zehn Minuten an Ort und Stelle.» So müsse Sicherheitskultur gelebt werden. «Aber nicht im Erhalt von Ordnung, sondern im Schaffen von Sicherheit.»

Departements-Vorsteher kontert

Urs Hofmann, Vorsteher des Aargauer Polizeidepartements, lässt mit einer Antwort nicht lange auf sich warten und macht gegenüber Radio Argovia darauf aufmerksam, dass im Aargau keine fix installierten Radarfallen zum Einsatz kommen, um Bussengelder zu kassieren. Die Polizisten hätten keine Vorgaben, Ordnungsbussen zu einzubringen.

Betreffend Regionalpolizeien höre er zwar häufig die Kritik, sie verfolgten eine andere Linie, um Gemeindekassen zu füllen, muss Hofmann einräumen. «Diese Strategie verfolgt aber die Kantonspolizei ausdrücklich nicht», sagt Hofmann. Dies sei noch ein Vermächtnis von Ex-Kommandant Borer. (noo)

Beliebteste Kommentare

  • Leo  Erne
    Zu viel Ordnung und zu wenig Sicherheit, dem kann ich nur beipflichten. Keine ortsfesten Radarkontrollen? Dafür ist der Aargau verseucht von mobilen Kontrollen. Und zwar meistens nicht an gefährlichen Stellen, sondern dort wo die Bussenkasse am meisten klingelt. Dafür werden bei den Kleinkriminellen beide Augen zugedrückt. Léon Borer hat einmal mehr recht.
  • Havi  Alrub
    der spricht mir aus dem herzen, so ist es und nicht nur die sicherheit, das image der polizei auch

Alle Kommentare (69)

  • Fritz  Amsler
    Als ehemaliger aargauischer Kantonspolizist stelle ich Folgendes richtig! Unter Leon Borer gab es sehr wohl ein Jahresziel in Sachen Bussen! Auch die Behauptung, dass in 80 Prozent die Polizei nach einem Notruf innert zehn Minuten da ist, ist eine gewagte Behauptung! Nach einem Einbruch in meine Wohnung ‚durfte‘ ich drei Stunden auf die Polizei warten, natürlich ausserhalb der Wohnung, um die Täterspuren möglichst nicht zu unbrauchbar zu machen. Damals war der ‚ex-Comandante‘ noch im Amt. Es scheint mir, dass er schon sehr auf dem Pfad des Vergessens wandelt.....

  • Rolf  Hess , Münchenbuchsee
    Was hat denn der Herr Borer in seiner Dienstzeit dagegen unternommen? Er war ja Chef der Kantonspolizei.!
  • Dominik  Wermuth
    Scheinbar haben hier die meisten Kommentatoren keine Ahnung. Ein Automobilist, welcher in einem Tempo-30 Quartier mit 80 Sachen durch kinderreiche Wohnquartiere rast, handelt genauso fahrlässig, wie ein Kleinkrimineller, welcher zB. Autos knackt. Von mir aus dürfen massiv mehr Kontrollkästen aufgestellt und Geschwindigkeitsbussen verteilt werden. Rasen ist KEIN Kavaliersdelikt!
  • Renato  Bern , Bern
    Moderne Wegelagerer der Kantons und Gemeindevögte. Einer der sich traut zu sagen was Tatsache ist.
  • Hans  Lehmann
    Ich lasse grüssen,was da an Geld einkassiert wird und für diese Arbeit werden sie noch von unsern Steruergeldern auch noch bezahlt.
Seite 1 2 3 4 5 6 7 8 »
Seitenanfang

Top 3

1 Chauffeur häckselte gerade Holz Lastwagen in Schutt und Aschebullet
2 Brutale Pfingsten 25 Mal häusliche Gewalt – allein im Aargaubullet
3 Möhlin: Verdächtiger festgenommen Frau tot aufgefundenbullet

Schweiz