Samuel Widmer will mit Drogen zum Unterbewusstsein vordringen Die gefährliche Psychotherapie des Sex-Gurus

  • Publiziert: 21.09.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Monica Fahmy und Adrian Schulthess

Was er tut, ist nicht anerkannt. Aber auch nicht verboten. Darum tut er es weiter. Auch nachdem sein Jünger Garik R. in Berlin mit einem Drogenmix zwei Menschen umbrachte.

Er experimentiert mit Drogen, erkundet in Tantra-Kursen «neue Formen der Sexualität» und macht sich für den «ehrbaren Inzest» stark. Der Psychiater Samuel Widmer (60) polarisiert – um es nett auszudrücken.

In Nennigkofen SO ist der freizügige Lebensstil des Arztes manchen Dorfbewohnern ein Dorn im Auge. Der «Guru von Nennigkofen» lebt mit zwei Frauen in zwei benachbarten Einfamilienhäusern, geht oft im Morgenrock von einem Haus zum anderen. Mit der Ehefrau, einer früheren Patientin, hat Widmer fünf Kinder, mit der Lebenspartnerin vier.

Für Diskussionsstoff sorgt auch Widmers «Kirschblütengemeinschaft», eine Gruppierung von 75 erwachsenen Anhängern und 60 Kindern, die nach Nennigkofen und in die Nachbarsgemeinde Lüsslingen gezogen sind. «Uns alle bewegen die grossen Lebensfragen um Liebe, Nähe, Beziehung, Unverbrüchlichkeit, befreite Sexualität, Erziehung, Glücksfähigkeit und Erleuchtung», steht auf der Website der Gruppe.

Dorfbewohner machen sich Sorgen, dass die «Sekte» sich «das Dorf unter den Nagel reissen» will. Als Skandal gelten auch Widmers Äusserungen zum «ehrbaren Inzest». Wenn zwei Menschen füreinander bestimmt seien, sollen sie sich ohne Einschränkungen lieben können. «Vater und Tochter genauso wie Bruder und Schwester.»

Auch was Widmer beruflich treibt, trägt wenig zur Beruhigung der Gemüter bei. In seiner Praxis in Lüsslingen SO, dem «Hof zur Kirschblüte», lehrt der Sex-Guru Tantra-Rituale und experimentiert mit psychoaktiven Substanzen.

Psycholyse heisst die Therapie, bei der die Patienten «bewusstseinserweiternde Substanzen» kriegen, um psychische Blockaden zu lösen und ins Unterbewusstsein vorzudringen. Von 1988 bis 1993 besass Widmer vom Bundesamt für Gesundheit eine Bewilligung für die Psycholyse mit LSD und Ecstasy. Danach verwendete er «zwar weniger geeignete, aber legal im Medikamentenschrank eines Arztes vorhandene psychoaktive Substanzen»: Ketamin und Ephedrin (siehe Box rechts).

«Ich gebe die Substanzen als Trunk ab. Man kann sie aber auch spritzen, dann muss man sie nur halb so hoch dosieren», sagt Widmer zu BLICK. «Ich weiss nicht, was in Berlin falsch gelaufen ist. Entweder stimmte mit den Substanzen etwas nicht — oder mit der Dosis.»

2006 sendete das Schweizer Fernsehen eine Reportage über den «Sex-Guru». Der Solothurner Kantonsapotheker Marco Schärer prüfte damals sogar den Entzug von Widmers Praxisbewilligung. «Letztlich hatten wir aber nie etwas in den Händen», so Schärer.

Samuel Widmer bewegt sich in einer Grauzone: Die «Psycholyse» ist zwar nicht anerkannt, aber auch nicht verboten. An seinen Methoden zweifelt er nicht. «Ich will wissen, wie es zu den Todesfällen kommen konnte – aber meine Psycholysen wie gehabt fortsetzen.»

Wie die zwei Medikamente wirken

Ketamin ist ein rezeptpflichtiges Narkosemittel. Seine Einnahme führt zu Schmerzunempfindlichkeit und Koordinationsstörungen. Ketamin belastet
das Herz-Kreislauf-System. Konsumenten berichten von «Nahtoderfahrungen, Albtraum-Halluzinationen, Tunnel-Visionen, Blackouts und kurzen Phasen von Gedächtnisverlust», schreibt «saferparty.ch».
Ephedrin ist unter anderem in einigen Erkältungsmitteln enthalten. Es wirkt kreislaufstimulierend, antriebs- und leistungssteigernd sowie appetithemmend. Mögliche Nebenwirkungen sind erhöhter Blutdruck, Schwindel und Herzrhythmusstörungen bis hin zu Herzinfarkten. Bei Überdosierung können Verwirrung und
Verfolgungswahn auftreten.
play Zwei Frauen, neun Kinder: Samuel Widmer (Mitte), der Guru von Nennigkofen SO, zeigt 2006 einen Teil seiner Familie. (Screenshot: SF)

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