900 000 Menschen sind betroffen Armut in der reichen Schweiz

VISP - VS - Mitten in der reichen Schweiz kämpft Susanne Pfammatter (35) täglich dafür, ihre Familie durchzubringen. Sie ist eine von 900 000 Armen im Land.

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Es ist Heiligabend. Susanne Pfammatter will ihrer Familie ein schönes Festessen zubereiten. Doch bis auf zwei Cervelats ist der Kühlschrank leer. Geld ist keines mehr da. «Da bin ich losgegangen und habe mit einer Bekannten getauscht – meine Bluse gegen ein paar Kartoffeln und Bratensauce», erzählt die zweifache Mutter. Eine Szene, die nicht in die wohlhabende Schweiz passt.

Und doch ist Familie Pfammatter kein Einzelfall. Laut Caritas leben derzeit rund 900 000 Schweizer unter dem Existenzminimum, 260 000 davon sind Kinder. «Dagegen müssen wir etwas unternehmen», sagt Carlo Knöpfel, Bereichsleiter Inland.

Er weiss: «Besonders gefährdet sind Alleinerziehende mit mehreren Kindern. Kommt dann noch ein tiefer Lohn hinzu, reicht es meist nicht, die Kinder problemlos durchzubringen.» Als arm gelten Eltern mit zwei Kindern, die weniger als 4600 Franken im Monat zur Verfügung haben.

Susanne Pfammatter erzieht Leon (9) und Nina (7) alleine, arbeitet nebenbei 30 Prozent als Putzfrau. Länger arbeiten geht wegen der Kinder nicht. Eine Kita ist zu teuer. «3000 Franken erhalte ich im Monat, inklusive Sozialhilfe und Alimente.

Es bleiben nur 700 Franken

Aber wenn ich Miete, Versicherungen und alle anderen Rechnungen bezahlt habe, bleiben nur 700 Franken. Davon kaufe ich dann Essen, Kleider und was bei zwei Kindern sonst noch anfällt», rechnet Susanne Pfammatter vor.

Rechnen, das kann sie gut: «Jeden Abend gehe ich im Bett die Zahlen durch. Aus Angst, dass wir plötzlich im Minus sind.» Auch wenn sie in ihrem Wohnort Visp VS in den Discounter geht, ist der Taschenrechner dabei. «Ich überprüfe, wie ich am meisten für mein Geld bekomme.» Dass sie neugierige Blicke auf sich zieht, stört Susanne nicht. «Ich schäme mich nicht, arm zu sein. Viele urteilen, ohne mich zu kennen – sollen sie doch.»

In der reichen Schweiz ist Armut immer noch ein Tabu. Betroffene gelten oft als Versager und werden gemieden. «Diese Ausgrenzung ist wohl das Schlimmste an der Armut. Ohne Sozialleben rutschen Betroffene immer tiefer ins Elend hinein», sagt Experte Knöpfel.

«Nach zehn Mal hast du einen halben Franken»


Über die Jahre hat Susanne Pfammatter Techniken entwickelt, um möglichst wenig Geld auszugeben. «Die Wäsche mache ich erst nach 22 Uhr, da ist der Strom billiger. Das sind nur ein paar Rappen, aber nach zehn Mal hast du einen halben Franken.» Dass die Zahnpastatube aufgeschnitten wird, ist selbstverständlich. Und Flecken werden sofort aufgewischt, «sonst trocknen sie, und ich muss teures Putzmittel kaufen».

Trotzdem bleibt das Geld am Ende des Monats knapp. Schon eine Handcreme ist Luxus. Auf den Tisch kommen Kartoffeln oder Nudeln, jeden dritten Tag gibt es etwas Fleisch dazu. Getrunken wird Wasser oder Milch. «Morgen hat Nina Geburtstag, da spendiere ich eine Flasche Cola.»

Es sind die kleinen Dinge, die das Leben der Familie lebenswert machen. «Wenn wie heute die Sonne scheint und der Rosenbusch erste Knospen trägt, ist das ein guter Tag», sagt die Mutter.

Susanne Pfammatters grösster Stolz sind ihre Kinder. Um ihnen ein Schullager zu finanzieren, fastet sie schon mal eine Woche durch. Das merken die beiden. «Ich weiss, dass wir weniger haben als andere», sagt Leon, «aber das ist mir egal. Ich finde, wir sind eine gute Familie.» Was er einmal werden will? «Lokführer vielleicht.»

Der Weg hinaus führt über die Bildung

Carlo Knöpfel von der Caritas kennt die Sorgen von Kindern armer Familien: «Sie haben es schwer, aus ihrer Situation zu entkommen. Die Voraussetzung dafür ist gute Bildung. Können sich Eltern diese nicht leisten, wird es schwierig.»

Leons Mutter bleibt zuversichtlich. Sie hofft, dass bei Leon nicht das Geld zählen wird, sondern seine Leistungen. «Überhaupt ist Geld nicht alles. Mir ist es lieber, ich habe meine Kinder gut erzogen.»

Nach dem Mittagessen will Nina mit ihrem Bruder spielen. «Mami, ich habe fertig gegessen», sagt sie. Ihre Mutter prüft den Teller. Ein wenig Rüeblisalat liegt noch drin. «Iss das noch auf, wir werfen nichts weg.» Keine Widerrede

Publiziert am 21.01.2012 | Aktualisiert am 28.01.2012
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