250'000 Killer-Enten im Anflug

  • Publiziert: 19.08.2005, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Reto Kohler

BERN – Jetzt wirds ernst! Die Vogelgrippe steht vor dem Ural und ist auf dem Vormarsch gegen die Schweiz. Das gefährliche Virus kann von zwei Tieren eingeflogen werden, die eigentlich ganz harmlos sind: die Tafelente und die Reiherente.

Im Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) hat letzte Woche in Bern-Liebefeld ein brisantes Treffen stattgefunden. Teilnehmer: Experten des BVET, des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und der Vogelwarte Sempach. Thema: Wie Zugvögel die Vogelgrippe verschleppen können.

Zuoberst auf der Traktandenliste der Spezialisten: zwei Vögel, die wir jeden Herbst sehnsüchtig zurückerwarten – Tafelente und Reiherente. Das alarmierende Fazit der Experten: Diese Wildvögel könnten bald zu Zeitbomben werden – zu Viren tragenden Killer-Enten.

Wie kommt es dazu? Jeden Winter fliegen 250000 dieser Enten in die Schweiz, um hier die kalte Jahreszeit zu verbringen. Die Vogelzüge beginnen in den nächsten Tagen! Im Oktober und November treffen Tafel- und Reiherenten in der Schweiz ein. Die grosse Mehrheit davon kommt aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Aus Sibirien und aus dem Ural, wo das Vogelgrippevirus wütet!

«Es ist möglich, dass die Enten das Virus in die Schweiz bringen», sagen die Experten. Denn: Wasservögel scheinen besonders anfällig zu sein für das Virus H5N1, das die Vogelgrippe auslöst. «Wir erwarten, dass das in Etappen geschehen wird», sagt Patrick Mathys vom BAG.

Ab September beginnen die Vögel, vom Osten in den Westen zu wandern. Auf ihrer Flugreise machen sie immer wieder Zwischenlandungen. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass es in der Schweiz – wie aus dem Nichts – zu einer Ansteckung kommt.

Vielmehr würden die ersten Fälle aus Osteuropa gemeldet, wo die Vögel durchziehen. Das würde uns Zeit geben, uns auf das Eintreffen der Killer-Enten vorzubereiten.

«Wie gross die Gefahr tatsächlich ist, die von den Enten ausgeht, können wir bis jetzt nicht sagen», sagt Marcel Falk vom BVET. Noch ist es nicht sicher, dass es ein infizierter Vogel überhaupt bis in die Schweiz schafft. Ausserdem sind Tafel- und Reiherenten eher scheu und halten sich von Menschen fern.

Besonders gefährlich wäre es, wenn die Enten Hühnerfutter fressen würden. Dann könnte das Virus auf das Haushuhn übertragen werden. Üblicherweise fressen Enten aber kein Hühnerfutter.

Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach bleibt trotzdem besorgt: «Es gibt noch dutzende andere Vogelarten, die aus Sibirien einfliegen.»

play Bringen Enten die Vogelgrippe bald zu uns? (AP)