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Fabienne Fritsch* aus dem Aargau ist bei den Anonymen Alkoholikern und möchte unerkannt bleiben.
(ZVG)Teufel Alkohol. Ein hochprozentiges Schicksal.
Ohne Polizeistreife würde Fabienne Fritsch* noch immer trinken: Die Aargauerin ist auf dem Weg zurück von einem geselligen Abend. Sie sitzt am Steuer, hat zwei Freunde im Auto. Alle sind betrunken. Dann die Kontrolle. Sie muss blasen. Ergebnis: 1,5 Promille. «Ich war überzeugt, dass jetzt alles zerstört ist. Mein Leben, meine Familie», sagt Fritsch. Sie muss zur Blutabnahme. «Da wurde mir klar: Ich bin Alkoholikerin.»
Endlich! Sie zieht die Notbremse. Ruft bei den Anonymen Alkoholikern (AA) an. Geht zu einem Treffen der Selbsthilfegruppe. «Das hat mich gerettet.»
Fabienne Fritsch ist eine von rund 250 000 Alkoholabhängigen in der Schweiz (siehe Box). Sieben Jahre lang trank sie bis zu zwei Flaschen Wein am Abend. Niemand griff ein. Seit rund fünf Jahren ist sie nun trocken, aber: «Der Alkohol ist ein lebenslanges Thema.»
Früh ist Fritsch mit Alkohol konfrontiert: Auch ihr Vater war abhängig. «Tagsüber hat er funktioniert und gearbeitet, abends getrunken. Vielleicht habe ich mir das bei ihm abgeschaut.» Der Alkohol machte ihn depressiv: «Ich hatte Angst, dass er sich etwas antut.»
Fabienne ist ein unauffälliges Mädchen, gut in der Schule. Irgendwann, mit 17 oder 18, entdeckt sie den Alkohol. Wie viele in diesem Alter. Nur zweimal sei sie richtig abgestürzt: «Das hat mich eher abgeschreckt.»
Mit 20 heiratet sie, bringt zwei Töchter (heute 22 und 32) auf die Welt. Mit ihrem Mann baut sie eine Handelsfirma auf. Sie ist ehrgeizig, mag ihre Rolle als Geschäftsfrau. Das Paar verdient gut, leistet sich ein schönes Zuhause, Reisen. «Wir hatten es gut miteinander.» Oft gehen die beiden mit Freunden aus, trinken ein paar Glas Wein. «Jahrelang war der Alkohol mein Freund. Viele schöne Erlebnisse habe ich damit verknüpft.»
Doch als sie 42 Jahre alt ist, kippt die Situation. «Der ständige Stress im Job setzte mir zu. Ich arbeitete zwölf Stunden am Tag, irgendwann kam das Burn-out. Ich hatte keine Zeit für mich und Dinge, die mir Spass machen», erzählt Fritsch. Statt das auszusprechen, frisst sie ihre Probleme in sich hinein. «Ich hackte auf meinem Mann herum, dachte, er sei das Problem.» Die beiden entfernen sich voneinander.
Aus den paar Glas Wein im Ausgang werden viele Gläser daheim. «Ich konnte mich entspannen und mein Gedankenkarussell stoppen.» Weil die Töchter viel unterwegs sind und ihr Mann auf Geschäftsreise ist, kann Fritsch ihre Sucht leicht verstecken. Doch nach und nach rutscht die heute 53-Jährige in eine Depression. «Mein Hausarzt schickte mich zum Psychologen.» Drei Sitzungen, dann geht sie nicht mehr hin: «Ich war damals noch nicht bereit, Dinge zu ändern, die mich kaputt machten.»
Irgendwann trinkt sie zwei Flaschen Wein am Abend. Jeden Tag kauft Fritsch in einem anderen Supermarkt ein. «Ich wollte nicht, dass die Verkäufer mich schräg anschauen.» Manchmal legt sie zur Tarnung noch ein paar Kleinigkeiten in den Korb. Morgens trägt sie die leeren Flaschen in der Handtasche aus dem Haus.
«Ich habe nur noch funktioniert. Habe gearbeitet, getrunken und geschlafen. Der Alkohol bestimmte mein Leben.» Aber: «Ich war immer fleissig und pflichtbewusst, wollte keine Schwäche zeigen. Ich konnte nicht sagen: ‹Ich kann nicht mehr.›» Immer tiefer rutscht sie in die Depression. «Probleme, die eigentlich lösbar sind, schienen mit dem Alkohol nicht mehr lösbar.» Selbstmordgedanken kommen: «Es gab Zeiten, da wollte ich mich im Auto von einer Brücke stürzen.»
Sie kapselt sich ab, verliert Freunde. «Ich wollte nicht, dass jemand meine Fahne riecht.» Ihre Töchter bemerken, dass sie oft weint. Auffällig benimmt sie sich nie. «Ich war
Pegeltrinkerin.» Täglich erreicht sie einen bestimmten Grad der Trunkenheit, immer mehr Alkohol ist dazu nötig. Einen Vollrausch erlebt sie selten. «Nur wer mich gut kennt, hätte merken können, dass ich getrunken hatte.» Sie will sich das Problem nicht eingestehen. Beim Alkohol-Selbsttest in einer Zeitschrift kreuzt sie absichtlich falsche Antworten an. «Ich belog mich.» Als ein Freund sie auf den Alkohol anspricht, bricht sie den Kontakt ab.
Irgendwann giesst sie sich schon bei der Arbeit ein Glas Wein ein. «Ich war abhängig. Der Zwang zu trinken, wurde immer stärker.» Ihr Zustand verschlechtert sich. «Ich habe mich gestossen, fiel hin. Mein Körper dünstete Alkohol aus.»
Dann der Tag der Polizeikontrolle. Fritsch entschliesst sich zum Entzug. Zu Hause. «Ich wollte in keine Klinik, schämte mich.» Eine harte Zeit! «Mein ganzer Körper tat weh.»
Drei Tage lang kann sie nicht essen, hat sie Schüttelfrost, Durchfall und Halluzinationen. Dank der Anonymen Alkoholiker findet Fritsch ins Leben zurück. «Ich merkte, dass ich nicht allein war mit den Problemen.»
Sie trennt sich von ihrem Mann, sucht eine neue Wohnung, einen neuen Job, neue Hobbys. «Während meiner Alkoholsucht schien alles grau. Heute ist alles farbiger, lebendiger.» Auch eine neue Liebe findet sie. Rückfällig ist Fritsch nie geworden. «Es kommen Momente, in denen man wieder ans Trinken denkt», sagt sie. Statt Bier nimmt sie dann Fruchtsaft. «Das lenkt mich gut ab. Ausserdem will ich gar nicht mehr trinken.» Mit ihrer Sucht geht sie offen um – trotz Vorurteilen. «Viele glauben, Alkoholiker seien willensschwacher Abschaum. Dabei ist das eine Krankheit.»
Heute ist Fabienne Fritsch dankbar, dass die Polizei sie damals stoppte. «Das Erlebnis hat mich vor der Katastrophe bewahrt.»
Die Gesundheitsstiftung Radix hat mit der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention (AT) und Sucht Schweiz ein neues Programm aufgelegt: 30 Gemeinden in sechs Kantonen wollen bis 2014 erstmals gemeinsam Alkohol- und Tabakprävention betreiben. Auch der Bund ist nicht untätig: Erst im Mai verlängerte der Bundesrat das 2008 verabschiedete Nationale Programm Alkohol um weitere vier Jahre.
In der Schweiz sind schätzungsweise 250 000 Menschen alkoholabhängig – rund zwei Drittel von ihnen sind Männer. Die Kosten des Missbrauchs sind hoch: rund 6,5 Milliarden Franken betragen Arztoder Spitalkosten wegen Unfall oder Krankheit, Sachschäden. Vorzeitige Todesfälle, Invalidität und Arbeitslosigkeit kommen hinzu. Jährlich sterben nach Angaben des Bundes etwa 2000 Betroffene, unter anderem an Leberzirrhose. Als «chronischer Konsum» mit hohem Gesundheitsrisiko gilt bei Frauen der Konsum von durchschnittlich 40 Gramm reinem Alkohol pro Tag (entspricht etwa vier 0,3-Liter-Gläsern Bier), bei Männern sind es 60 Gramm. Zeichen der Abhängigkeit sind u. a. starkes Verlangen nach Alkohol, verminderte Konsumkontrolle, Vernachlässigung anderer Interessen und der anhaltende Konsum trotz schädlicher Folgen.
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