15'000 Wehrmänner werden aus der Armee entlassen Achtung! Abtreten! Und tschüss

15'000 Armeeangehörige werden jedes Jahr aus der Militärdienstpflicht entlassen. So auch unser Reporter Adrian Meyer (303 Diensttage). Was bleibt vom Dienst am Vaterland?

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An den Kampfstiefelsohlen kleben Konfetti, im Profil stecken Glasscherben von der letzten Party mit den Kameraden. Die stieg vor zehn Jahren. Seither verstaubten die Schuhe im Estrich.

Die Party war wild. Endlich hatten wir die zehn Monate im Tenue Grün bei der Mob Log Ber Kp 104 hinter uns – der Mobilen Logistik-Bereitschafts-Kompanie. Als Motorfahrer-Durchdiener leisteten wir den Militärdienst am Stück.

Während Monaten übernachteten wir in Schlafsäcken in feuchten Luftschutzbunkern. An guten Tagen fuhren wir Munition durchs Land. Meistens aber sassen wir rum, weil es nichts zu tun gab. Die volle Dröhnung der besten Armee der Welt. Das Hirn: auf Standby. Ich habe es gehasst.

Danach war ich Reservist. Das Sturmgewehr musste ich bloss einmal im Jahr in die Hand nehmen fürs Obligatorische. Rückten Kollegen in den WK ein, lachte ich sie aus.

«Entlassung aus der Militärdienstpflicht»

Am Freitag schlüpfte ich ein letztes Mal in die Uniform. Auf dem Marschbefehl stand «Entlassung aus der Militärdienstpflicht». Wie 15'000 andere Armeeangehörige jährlich werde ich bei einer offi­ziellen Feier zum Veteran. Soldat Meyer meldet sich zur Ausserbetriebsetzung!

Mit 400 anderen Uniformierten rücke ich in die Kaserne Reppischtal in Birmensdorf ZH ein. Die Zürcher Entlassungsfeier ist die grösste im Land.

Sturmgewehr für läppische 100 Stutz

Einige schlurfen in zerschlissenen Kampfstiefeln an, von ­denen sich die Sohlen lösen. Einige tragen keine Uniform, weil sie längst nicht mehr hineinpassen. Nur bei wenigen sitzt das Tenue korrekt. Es ist egal. Dabei schrie einen in der RS der Kadi vor versammelter Kompanie nieder, wenn man beim Rasieren ein Barthaar stehen liess.

Das Gewehr werfen wir in irgendeine Holzkiste. So wie die Hemden, Gnägi, Helme, Gasmasken, Bérets. Das meiste werden neue Rekruten erhalten. Wer will, darf sein Sturmgewehr für läppische 100 Stutz nach Hause nehmen. In Zürich machen das nur zwei Prozent, auf dem Land zehn.

Schwelgen in Erinnerungen

Danach stehen wir zusammen zum letzten Zwipf, einer Zwischenverpflegung also. Selten kommt man mit Wildfremden einfacher ins Gespräch. Sobald Männer Uniform tragen, verbrüdern sie sich. Wir schwelgen in Erinnerungen an abenteuerliche Aufträge (mit 30 Tonnen Munition auf der Lade­fläche über den Furkapass!), an sinnlose Aufträge (von Elgg ZH an den Genfersee fahren als Beschäftigungstherapie, 500 Kilometer retour!) und an idioti­sche Aufträge (Nachtwache mit Leseverbot!).

Letztere musste ich öfter übernehmen als andere. Aus mir wurde nie ein guter Soldat. Auf dem Leistungsausweis stand «genügend» und: «Trotz durchaus vorhandener Intelligenz konnte sich Soldat Meyer nicht für die Truppe motivieren.» Ich wollte etwas Rest­würde behalten im grössten Pfadilager der Welt und leistete passiv-aggressiven Widerstand. Das hielt ich damals für klug.

Ein letztes Mal treten wir in Formation. Polizeivorsteher Richard Wolff (untauglich) hält eine Rede, dann ruft Kreiskommandant Daniel Bosshard (Oberst) das Detachement in Achtungsstellung. Wir stehen stramm, ein paar Sekunden, dann endlich: «Abtreten!» Die Pflicht fürs Vaterland ist erfüllt und man selbst, wie merkwürdig, sogar ein wenig stolz.

Publiziert am 27.09.2016 | Aktualisiert am 27.09.2016
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18 Kommentare
  • Rodolfo  Giavelottino 27.09.2016
    In der Armeespitze tummelt sich auch die Wirtschaftsspitze. Dort werden nicht nur Freundschaften fürs Leben geschaffen,und Seilschaften gebildet, dort werden vor allem Geschäfte und Deals abgewickelt. Deshalb sind Geschäftsinteressen höher zu gewichten als die Sicherheit des Landes. Diesen enormen Vorteil geben doch die mit den steifen Hüten nicht freiwillig ab, die "dummen" Soldaten sind nur die Randfiguren, die man mit Warten hinhalten kann, während das grosse Business getätigt wird:Statisten!
    • Peter  Nüesch aus Balgach
      27.09.2016
      das stimmt leider, aber eine starke, brauchbare Armee braucht es trotzdem. oder haben Sie das Gefühl, unter den Chinesen oder wem auch immer hätte es der Normalbürger lustiger??
  • Sven  Jeker , via Facebook 27.09.2016
    Hatten wir nicht alle einen Meyer in der Einheit? Ich selber bin zwar auch schon Soldat a.D, aber die Freundschaften aus RS und WK sind heute noch im Dienst! Im gegensatz zu denen die sich diesen "Mist" nicht angetan haben, kenne ich Gegenden und Leute in der ganzen Schweiz, die ich ohne Armee nie kennengelernt hätte! Und da bekomm ich heute noch ein Kaffee oder ein Bier, inkl. Lustiger Anekdoten aus der Dienstzeit!
  • Orlando  P. aus Ins
    27.09.2016
    Es gibt Länder wie Andorra,Costa Rica,Island die keine Armee haben und das geht auch so, ohne jedes Jahr hunderte von Millionen zum Fenster hinaus zuwerfen.Man hätte dieser Unsinn schon lange abschaffen sollen.
  • Gautschi  Gregor , via Facebook 27.09.2016
    Weg geworfen Zeit die Armee Zeit.Und ja Ich habe diese Zeit auch mit gemacht,noch nie Meine Lebenszeit so verschwendet.
    Danke an die Politik das Ich mit 19 Jahren aus dem Arbeitsmarkt genommen wurde und in die Armee musste,das ein grosser teil der Soldaten während der RS unter dem Existenz Minimum leben müssen schreibe Ich jetzt auch nicht.
    Gruass us Chur Gregor
  • Fredi  Lang 27.09.2016
    Wenn man die ganzen WKs besser und straffer organisieren würde, wäre es den Leuten nicht langweilig, die ganze Rumsitzerei und Warterei würde entfallen und man könnte es zeitlich einen Drittel reduzieren. Was Kosten sparen würde.