12 Prozent mehr Langzeit-Arbeitslose – Reto Colognati (47) ist einer von ihnen «Mit jedem Monat wird es schlimmer»

LOHN SH - Seit Anfang Jahr ist Reto Colognati arbeitslos. Er ist leicht gehbehindert. Und wird regelmässig als Erster entlassen. Nun wird das Geld beim vierfachen Vater knapp. Er ist verzweifelt.

Arbeitslosigkeit Schweiz: 12 Prozent mehr Langzeit-Arbeitslose play
Spritzgusstechniker und Familienvater: Reto Colognati mit einem Stapel Absagen auf Bewerbungen. Seine Gehbehinderung werde ihm zum Verhängnis, glaubt er. PHILIPPE ROSSIER

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Mehr als 140'000 Menschen sind in der Schweiz arbeitslos, das hat der Bund gestern mitgeteilt. Die Arbeitslosenquote betrug Ende September 3,2 Prozent, gleich viel wie im August. Beunruhigend ist die Entwicklung bei den Langzeitarbeits­losen. Im Vergleich zum Vorjahr stieg ihre Zahl um zwölf Prozent.

Hinter der Statistik stehen menschliche Schicksale. Wie jenes von Reto Colognati (47) aus Lohn SH. Der gelernte Elektrobauteilmonteur ist seit neun Monaten ohne Job. «Mit jedem Monat ohne Job wird es schlimmer. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft», sagt der Vater von vier Kindern.

Colognati hat sich auf eigene Kosten zum Spritzguss-Fachmann weitergebildet. Dennoch kassiert er bei Bewerbungen nur Absagen. In der ­Industrie ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch.

Doch bei Colognati kommt noch etwas dazu: Er ist körperlich leicht behindert. Bei der Geburt erhielt er zu wenig Sauerstoff. Erst mit drei Jahren konnte er laufen. Als Kind wurde er mehrfach an den Hüften operiert.

Ständig Absagen

Heute hinkt Colognati beim Gehen dank Spezialschuhen nur noch leicht. «Vor drei Wochen bin ich rund um den Greifensee gewandert. 23 Kilometer. Abends war ich müde. Aber fürs Selbstvertrauen war der Marsch Gold wert», sagt er.

Diese Selbstbestätigung kann Colognati gut gebrauchen. Denn bei Bewerbungsgesprächen kassiert er ständig Absagen: «Sobald der Chef sieht, dass ich leicht hinke, habe ich verloren.» Dabei hat der Schaffhauser bei Firmen wie Stadler Rail, Georg Fischer, IWC oder Rieter gearbeitet – und gezeigt, dass er es packt, wenn er die Chance dazu erhält.

Er ist teilinvalid, bekommt aber keine IV-Rente. Eine solche wird erst ab einem Behinderungsgrad von 40 Prozent ausgezahlt. Bei Colognati sind es nur 20 Prozent. «Ich will einfach nur arbeiten. Ich habe Stärken und Schwächen wie jeder andere ­Arbeiter auch. Ich bin nicht schwerstbehindert», sagt er.

Er sucht einen 100-Prozent-Job. Am liebsten wieder als Spritzguss-Techniker. «Aber ich bin offen für alles. Schichtdienst macht mir nichts aus. Auch am Wochenende steige ich in die Hosen, kein Problem», sagt er. «Ich würde auch meinen Wohnort wechseln.»

Denn: In Schaffhausen sei die Lage auf dem Stellenmarkt besonders angespannt. «Grenzgänger aus Deutschland arbeiten für 4000 Franken. Und leben damit zu Hause wie Könige.»

Das Ersparte ist aufgebraucht

Im Moment muss Colognati mit deutlich weniger auskommen: mit 3200 Franken monatlich. Grund dafür ist der tiefe Lohn des letzten Arbeitgebers. «Ich habe dort für 4000 Franken gearbeitet, weil ich froh war, dass ich einen Job hatte.»

Die lange Arbeitslosigkeit hat Folgen. Das Ersparte ist aufgebraucht – auch wenn Gattin Eva (36) Teilzeit im Verkauf arbeitet und 3000 Franken verdient. Beim Vermieter steht er mit 2300 Franken in der Kreide – für die Nebenkosten 2015.

«Wir prüfen deshalb den Gang aufs Sozialamt. Wenn sie uns wenigstens ein paar Monate lang bei der Miete unterstützen würden, hätten wir etwas Luft.» Zum Glück könne er im nahen Deutschland einkaufen. «So sparen wir monatlich ein paar Hundert Franken.»

«Behinderte trifft es immer zuerst, wenn irgendwo der Rotstift angesetzt wird»

Colognati ist nicht zum ersten Mal ohne Job. «Behinderte trifft es immer zuerst, wenn irgendwo der Rotstift angesetzt wird», sagt er. Die Vorurteile seien enorm. «Man denkt, dass ich Hilfe brauche oder mehr fehle als andere. Dabei war ich in all den Jahren nur ein Mal krank. Ich hatte eine Grippe, wie sie jeder haben kann.»

Die Situation setzt ihm zu. Zudem sei das Ganze auch eine Belastung für die Familie. «Die Kinder bekommen es mit, wenn der Papa Sorgen hat. Das tut mir weh.» Sohn Leandro (4) wolle im FC Fussball spielen. «Die 400 Franken Jahresbeitrag kann ich derzeit nicht bezahlen», sagt er. Er dürfe sich darum nicht gehen lassen: «Das bin ich den Kindern schuldig. Ich will ihnen ein Vorbild sein.»

Seine Hobbys lässt er sich aber nicht nehmen. Er spielt Dart bei den Sky Darters Schaffhausen. «Aber es ist frustrierend, wenn ich an ­einem Abend eine einzige Cola trinke. Und Kollegen locker für einen Hunderter konsumieren können.»

Zudem kontrolliert er an den Heimspielen des FC Schaffhausen die Tickets. «Das tut mir gut. Ich komme unter die Leute und vergesse den Job-Ärger.» Wenigstens bis zur nächsten Absage.

Publiziert am 11.10.2016 | Aktualisiert am 21.10.2016
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116 Kommentare
  • Rolf  Hess 12.10.2016
    Vor der Abstimmung über die PFZ wurde uns redlich angesagt, dass da dann höchsten um die 8000 Leute pro Jahr einwandern werden. Die jetzigen Zahlen sind 10 Mal höher und wir müssen diese schlucken, weil man die liebe EU nicht böse machen will. Wir wurden damals brandschwarz angelogen, denn um das Zehnfache konnte man sich damals wirklich als fähige Politiker nicht irren. Im Moment wird aber gerade in der EU über die Einwanderung in die Sozialsysteme diskutiert. Hoffentlich lösen wir das Problem.
  • Max  Brüllhardt 11.10.2016
    willkommen in der Schweiz; das ist eben die andere unschöne und harte Schweiz und nicht die die unsere Politiker erleben und vertreten ... die Wirtschaftspolitik unseres Bundesrates versagt da auf der ganzen Linie. Andererseits jubilieren die shareholder fast täglich über neue Geschenke
  •   , via Facebook 11.10.2016
    Stellungnahme:
    Danke, für die positiven Mutmacher und für alle die wo nur das negativ rauspicken, kann ich nur ihre falsche Einstellung bedauern!
    Ausserdem es klingt mal viel Geld im ersten Moment, aber das die 3000 schon das Kindergeld enthält und brutto ist das sieht man nicht.
    Ebenso hat man noch andere Verpflichtungen wie Krankenkasse, Rate für 1 Auto damit ich zur Arbeit komm und noch Schulden Steuer und Kredit usw.
    dazu. Und mein Mann ist nicht das erste mal Arbeitslos!
  • Joseph  Gut 11.10.2016
    Nun, ich suche seit 18 Monaten. Bin 66, praktische keine PK, und kann mit der AHV meine Familie mit 3 schulpflichtigen Kindern nicht mehr ernähren. Meine Frau arbeitet und ist von 05.00 bis 20.30 Uhr ausser Haus, für knapp 2000.00 pro Monat. Ich bin gezwungen, ab Mitte Oktober nachDeutschland als Wochenaufenthalten zu emigrieren, um überhaupt eine Arbeit zu haben, da in der Schweiz überqualifiziert und aus administrativen Gründen nicht anstellbar. So ein schönes Land.
    • Marco  Weber 12.10.2016
      Das man sich tatsächlich wundert, dass man mit 66 nicht mehr angestellt wird, wenn man schon seit AHV alter ist...... Wiso man in diesem Alter noch 3 Schulpflichtige Kinder haben muss, welche man ja von beginn weg wohl kaum finanzieren konnte erschliesst sich mir auch nicht! Aber natürlich geben Sie ruhig den allen anderen Schuld für "Fehler" welche Sie machen!
  • E.  Huber aus Chur
    11.10.2016
    Kommt halt so, wenn man immer schön brav nach der Wirtschaft stimmt.
    Der Industrielle Thomas Schmidheiny habe es «unwiderstehlich» formuliert: «Warum soll ich für einen Schweizer Ingenieur 140000 Franken zahlen, wenn ein englischer nur 80000 und ein indischer nur 40000 Franken kostet?» Der langsame Entzug von Wissen und kritischer Intelligenz werde ausgeglichen durch den Import neuer Menschen, die leichter zu führen seien. Siehe Buch die "Schweiz im Herbst" von Klaus J. Stöhlker
    • Eugen  Inauen 12.10.2016
      Und die gut ausgebildeten brasilianischen Ingenieure
      sind froh wenn sie 12000 CHF als Online Project
      Manager im Jahr erhalten Die uebermitteln
      die Design und die Daten praezise von
      Rio aus in die Schweiz. Ja, es gibt
      Anfaenger die machen es
      noch billiger. Mit uns
      geht es nur noch
      bachab.