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Gerti und Joachim auf Exstasia

Nina Hermann | Aktualisiert um 12:32 | 17.05.2007
Nach 45 Ehejahren besuchen sie ihre erste Erotikmesse. Gerti und Joachim S. sind gespannt, was sie von den Jungen lernen können. Denn eines wissen sie ganz sicher: Hätten alle Menschen ein erfülltes Liebesleben, wäre es auf dieser Welt viel schöner.

Text: Nina Hermann
Fotos: Pascal Mora


Joachim S. hatte das Plakat in der Bahnunterführung seines Dorfes gesehen. Ein schwarzhaariges Lack-Luder und die Ankündigung von «Extasia 06». Joachim S. hatte zu seiner Gerti gesagt: «Einmal im Leben sollten wir uns so etwas anschauen.» Gerti stimmte zu, weil sie wusste, ihr Joachim würde in dieser Sache nicht locker lassen. Sie sind 45 Jahre verheiratet.

Am letzten Sonntag zelebrierten der Architekt und seine Frau in ihrem Haus bei Luzern nach dem Erwachen, und wie jeden Morgen zwischen acht und neun, ihre erotische Stunde. Nach einem Spaziergang am See fuhren sie nach Zürich-Oerlikon.

Gerti trägt noch die Trekkingschuhe und eine Wildlederjacke, der grauhaarige Gatte hat für die Erotikmesse ein Jackett angezogen. Arm in Arm schlendert das Pärchen durch den harten Technobeat in Halle 2 einer Strip-Bühne entgegen, als die Reporter sie ansprechen, eigentlich anschreien, wegen der lauten Musik.

Gerti und Joachim stellen sich sofort für eine Reportage von der «Extasia» zur Verfügung. «Da haben Sie sich genau die Richtigen ausgesucht», ruft Gerti. Warum, ist schnell klar: Von einigen Intimitäten, die Gerti uns bei einem gemeinsamen Rundgang erzählt, bekommen wir rote Ohren.

Kurz gesagt: Gerti, 66, und ihr Joachim, 77, berichten von sensationeller Erotik, die sie tief verbindet. «Aber», erzählt Joachim, «ich habe zu meiner Gerti gesagt: Wir sollten uns trotzdem anschauen, was es neben der üblichen Erotik sonst noch gibt. Man sollte im Leben nichts unversucht lassen.»

Nun stehen sie also da und beäugen junge Paare an einem Stand mit rosa Dildos. Die riesigen rosa Plastik-Penisse werden von den Damen ehrfürchtig inspiziert. Die männlichen Begleiter stehen kleinlaut daneben. «Wir brauchen keine Hilfsmittel», stellt Gerti klar. «Nein, unsere Gefühle sind stark genug», bestätigt Joachim, drückt sie noch fester an sich. «Wenn wir uns mit den Händen berühren, ist das magisch.» Dann gehen sie aber doch an den Stand, um sich näher zu informieren.
«Plastik, was ist daran erotisch?», fragt Gerti, doch der Gatte hat die Augen ganz woanders. Mit aufgesetzten Teufelshörnchen, Peitsche und engem Lederkorsett stöckelt eine tschechische Grazie vorüber – in der Schweizer Szene hat sie sich als «Porno-Heidi» einen Namen gemacht. «Porno-Heidi» lächelt Joachim an und Joachim lächelt auch noch, als sie wieder weg ist. «Ich bin mit den Jahren viel toleranter geworden», sagt Gerti.

Was allerdings die Menschen um sie herum angeht, haben die beiden eine traurige Feststellung gemacht: «Wir kennen viele Leute, die aus Mangel an Erotik depressiv oder gewalttätig geworden sind. Ganz schlimm.» Sie wollen ein motivierendes Vorbild abgeben, auch mit der Veröffentlichung dieses Artikels. «Unsere Welt wäre von vielen Problemen erlöst, wenn alle Menschen ein erfülltes Liebesleben hätten», ist sich Joachim sicher.

Irre Blicke auf den Monitor, Zoom zwischen die Beine

Ist die Extasia eine Lösung? Tausende Schweizer haben ihren Sonntagsausflug in die zwei grossen Messehallen verlegt. 45 Franken kostet der Eintritt, die SBB bietet den «Erotik-Trip» als RailAway-Angebot an. Sex fürs Volk. Überall Geschlechtsteile und lutschende Münder, dem ist nicht auszuweichen, fast jeder Aussteller hat einen Porno eingelegt. Gerti und Joachim belassen es bei kurzen Blicken, andere Besucher bleiben glotzend vor den Mattscheiben stehen.

«Es ist interessant zu sehen, wie die Jungen sich verhalten», sagt Joachim. «Ich sehe niemanden, der sich wegen etwas schämt», gibt Gerti eine erste Lageeinschätzung ab. Sie findet es zu laut, die Musik vibriert in ihren Gliedern. «Wenn die Jugend das braucht, scheint mir das recht abgestumpft. Für mich gehört zur Erotik auch Sinnlichkeit, etwas, wofür es hier viel zu laut ist.»

Auch sonst werden die feineren Sinne wenig bedient: Die Messehallen sind vom Ambiente her so sexy, wie es Stahl und Beton nun mal sind, die Luft ist stickig und der graue Bodenteppich so schmuddelig, dass dort mittlerweile schamlos die Zigaretten ausgetreten werden.

Joachim S. scheint all das weniger zu stören. Begeistert klatscht er in die Hände, als auf der Strip-Bühne eine Tänzerin zum Schluss ihrer Einlage den Slip fallen lässt. Vor ihm drängen sich zwei Dutzend Männer mit Fotoapparaten, Videokameras und gezückten Handys. Die Männer starren konzentriert, aber mit leicht irrem Blick auf ihre Monitore und zoomen ihrem Motiv zwischen die Beine. Diese Sorte Besucher war übrigens von den Reportern zunächst für einen Messe-Rundgang angefragt worden, was wiederholt auf wenig Begeisterung stiess. Aber dann kamen Gerti und Joachim, dieser ganzen falschen Show entrückt – wie ihre Zufriedenheit und Harmonie ausstrahlten.

«Für mich ist das eine Puppe, so unnatürlich», unterbreitet Gerti ihrem Joachim vor der Strip-Bühne. Der erklärt: «Aber es ist ästhetisch eine schöne Angelegenheit.» Von den vielen Pärchen filmt keines, zumindest nicht, wenn der Partner dabei ist. Gerti wandert selbstbewusst in die «Women Only Zone». Dort räkelt sich ein schwarzhäutiger Mann mit Cowboyhut auf der Bühne, greift sich mit verzerrtem Gesicht zwischen die Beine, fährt sich mit den Händen lasziv über den muskelbepackten Oberkörper und verfällt in zuckende Hüftbewegungen. Johlen im Publikum.

Vorne stehen Mädchen, die nur knapp die Altersbeschränkung von achtzehn Jahren überschritten haben können. Sie alle filmen mit ihrem Handy. Gerti schaut sich das aus der hinteren Reihe einige Minuten aufmerksam an. «Nicht mein Fall», kommentiert sie nüchtern, «ich mag schlanke grosse Männer», eben so wie Joachim. «Mir ist das auch zu unpersönlich und distanziert hier.»

Dann bringt sie etwas unvermittelt einen anderen Gedankengang ins Spiel: «Männer haben einen ganz anderen, viel stärkeren Drang. Nach all dem, was ich erlebt habe, glaube ich nicht mehr, dass Eva Adam verführt hat. Es muss umgekehrt gewesen sein.»

Trotzdem erzählt sie dann beglückt, wie sie sich nach jeder ihrer vier Schwangerschaften sexuell befreiter fühlte. «Wir sind heute erotisch viel aktiver als zu Beginn unserer Ehe.» Einen letzten Libido-Schub brachte die Entscheidung, in getrennten Zimmern zu nächtigen. «Wenn ich dann morgens um acht in sein Bett steige, ist das immer wieder aufregend.» Weiterer Ratschlag: Viel miteinander über Bedürfnisse und Vorlieben reden.

«Ich fand die Strip-Shows gut», informiert Joachim vor der Heimfahrt seine Frau. Dann drückt er sie fest an sich: «Aber gell, Gerti, zwischen uns wird sich nach diesem Besuch rein gar nichts ändern.»
(Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
Joachim S. hingegen bevorzugt den direkten Kontakt (l.). Seine Gerti nimmt die Begegnung mit der bemalten Nackten locker. (Foto: Pascal Mora)
Joachim S. hingegen bevorzugt den direkten Kontakt (l.). Seine Gerti nimmt die Begegnung mit der bemalten Nackten locker. (Foto: Pascal Mora)
Das blonde Teufelchen Valery, bekannt als «Heidi – Das Luder von der Alm», und ihre schnuckelige Kollegin verzücken den Architekten Joachim S. (Foto: Pascal Mora)
Das blonde Teufelchen Valery, bekannt als «Heidi – Das Luder von der Alm», und ihre schnuckelige Kollegin verzücken den Architekten Joachim S. (Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
Stundenlang stehen die Hobbyfotografen an der Strip-Bühne, um die schönen Ansichten festzuhalten. (Foto: Pascal Mora)
Stundenlang stehen die Hobbyfotografen an der Strip-Bühne, um die schönen Ansichten festzuhalten. (Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
Im Erotik-Talk kommen auch die zahlreichen Lack- und Leder-Freunde auf ihre Kosten. (Foto: Pascal Mora)
Im Erotik-Talk kommen auch die zahlreichen Lack- und Leder-Freunde auf ihre Kosten. (Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
(Foto: Pascal Mora)
Jede Menge Filme für jeden Geschmack. (Foto: Pascal Mora)
Jede Menge Filme für jeden Geschmack. (Foto: Pascal Mora)
Für das weibliche Geschlecht: Spielzeug in allen Grössen, Farben und Geschmacksrichtungen. (Foto: Pascal Mora)
Für das weibliche Geschlecht: Spielzeug in allen Grössen, Farben und Geschmacksrichtungen. (Foto: Pascal Mora)
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