Polizeipsychologe zum Drama in Rehetobel «Bei so grosser Verzweiflung hilft alles Verhandeln nichts mehr»

Als Polizeipsychologe und ehemaliger Beamter weiss Christian Weidkuhn, wie Verhandlungen mit gefährlichen Tätern wie Roger S. (†33) ablaufen. Im Interview mit BLICK gibt er Einblick in die Strategie der Verhandler.

Hier wohnte der Schütze von Rehetobel AR. Nach einem stundenlangen Nervenkrieg setzte er seinem Leben vor dem Haus ein Ende. play
Hier wohnte der Schütze von Rehetobel AR. Nach einem stundenlangen Nervenkrieg setzte er seinem Leben vor dem Haus ein Ende. Toini Lindroos

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Mehrere Stunden verhandelten die Polizisten gestern mit dem in die Enge getriebenen Roger S. Der 33-jährige Appenzeller hatte sich in seiner Wohnung verschanzt und drohte damit, Sprengmittel zu zünden. Als die Polizisten gegen 17 Uhr schliesslich einen Diensthund ins Haus schickten, erschoss sich der Täter selbst.

Bei den Ermittlern, die mit S. in Kontakt standen, handelte es sich um Experten der Kantonspolizei St. Gallen. Die sogenannte Verhandlungsgruppe bestand aus mehreren Beamten, bestätigt die Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden. Über die genaue Taktik des Einsatzes gibt sie keine Auskunft.

Es gibt nur wenige Polizeikorps in der Schweiz, die über speziell geschulte Verhandlungsgruppen verfügen. Sie bestehen in der Regel aus einem Verhandlungsführer, einem bis mehreren Coaches, die diesen unterstützen, sowie einem Entscheider und einem Protokollführer. In Krisensituationen werden zudem meist Polizeipsychologen beigezogen.

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Als solcher tätig ist Christian Weidkuhn. Der 51-Jährige arbeitete 20 Jahre bei der Kantonspolizei Graubünden, bevor er sich selbständig machte und nun als freischaffender Polizeipsychologe und -ausbildner im In- und Ausland tätig ist. Im Gespräch mit BLICK erklärt der Experte, welche Strategie die Verhandler in einer Notlage wie gestern in Rehetobel verfolgen.

Herr Weidkuhn, mehrere Stunden verhandelten die Polizisten gestern mit Roger S.* Wie muss man sich den Verlauf einer solchen Verhandlung vorstellen?

Ganz wichtig ist in einer ersten Phase, das Vertrauen des Täters zu gewinnen. In der Regel hilft beispielsweise, wenn der Verhandlungsführer Themen anspricht, welche beide Personen gemeinsam haben – zum Beispiel Hobbys. Denn je besser ich die Bezugsperson kenne, desto grösser ist die Hemmschwelle, dass ich mir oder anderen Personen etwas antue.

Und wie geht es weiter, wenn das Vertrauen gewonnen scheint? 
Dann geht es darum, herauszufinden, in welchem emotionalen Zustand sich die Person befindet. Gewöhnlich ist sie hochemotional geladen. Der Verhandlungsführer versucht, die Person erst einmal runterzuholen, damit sie wieder objektiv und rational denken kann. Eine bewährte Taktik dafür ist, den Kontakt zu Vertrauenspersonen herzustellen, wie das durch das Telefonat mit dem Vater in Rehetobel auch geschah. Es kann sich dabei aber auch um die Freundin, einen guten Kollegen oder einen Vertrauensarzt handeln. Oder man holt ein geliebtes Haustier des Täters. Dafür ist es nötig, dass man laufend möglichst viele Informationen über die Person einholt, auch über ihre Vergangenheit und ihre gesundheitliche Situation.

Wie bringt man den Täter schliesslich dazu, sich zu stellen?
Je nach Situation kann der Person in einem nächsten Schritt aufgezeigt werden, was geschieht, wenn sie sich stellt. Dabei geht es nicht darum zu drohen, aber es soll eine Perspektive für den Täter aufgezeigt werden. Hierfür wird im Hintergrund meistens auch die Staatsanwaltschaft beigezogen.

Was geschieht, wenn das nichts nützt? Wann erfolgt ein Zugriff?
Da gibt es keine allgemeingültige Regel. Grundsätzlich ist es weniger heikel, einen Zugriff zu wagen, wenn der Täter alleine ist und es keine Bombendrohung oder Ähnliches gibt. Dass man im Fall Rehetobel erst einen Diensthund vorschickte, kann nebst der Sprengstoffgefahr den Grund haben, dass man so einen sozialen Kontakt aufbauen wollte. Eine mögliche Idee dahinter, neben anderen: Der Täter, der so lange alleine war, sieht plötzlich wieder ein Lebewesen – und kommt so vielleicht wieder zur Vernunft.

Im Fall von Roger S. eskalierte die Situation trotz allen Verhandlungsversuchen, der Zugriff hatte den Suizid des 33-Jährigen zur Folge. Weshalb kam es so weit?
Die konkreten Umstände kenne ich natürlich nicht. Oft ist es Hoffnungslosigkeit oder die Ausweglosigkeit, die dazu führen – wenn eine Person beispielsweise der festen Überzeugung ist, dass ihr Leben verpfuscht ist oder dass sie für mehrere Jahre ins Gefängnis muss. Bei so grosser Verzweiflung hilft manchmal alles Zureden oder Verhandeln nichts mehr.

 

*Name der Redaktion bekannt

Publiziert am 05.01.2017 | Aktualisiert am 05.01.2017
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6 Kommentare
  • Theo  Froideveaux 05.01.2017
    Ich weiss nicht, was das Theater soll. Man würde sich wohl besser fragen, wieso der Einsatz ohne Schutzwesten stattfand. Die Verantwortlichen dafür gehören entlassen. Nach den Schüssen auf die beiden Polizisten hätte es diese langen Verhandlungen nicht mehr gebraucht. Was will man so schiesswütige Wiederholungstäter noch durchfütten. Bei Gefahr in Verzug einen sauberen Schuss abgeben und der einsatz wäre beendet.
  • Karin  Schwegler 05.01.2017
    Wie man in Verzweiflung vertrauen in einen Staat wie die Schweiz schaffen soll ist mir ein Rätsel. Ein Staat welcher sich über die Bürger hinwegsetzt und doch immer der Bürger der Böse ist. Und ein Psychologe der glaubt den Menschen zu kennen, aber sich nicht mal an seinen Namen erinnern kann, noch grösser Hokus Pokus. Hört mal auf mit diesen Spezialisten die überhaupt nichts können.
    • Marco  Weber 05.01.2017
      Da haben Sie schon Recht Frau Schwegler! Wie soll man dem Staat Schweiz blos vertrauen! Ich denke es jeden Tag! Kaum funktionierende Infrastruktur, Essen gibt es auch zu wenig, Sauberes Wasser... fehlanzeige, Korrupte Polizisten soweit das Auge reicht, und die Kriminalitätsrate liegt fast bei 100 Prozent, vieleicht ist es aber auch gar nicht so schlimm........
    • Karin  Schwegler 05.01.2017
      @Marco Weber
      Ein Staat der nicht umsetzt was der Bürger bestummen hat - in einer direkten Demokratie ist etwas aktuelle. Was sie hier stammeln von Wasser und essen habe ich weder erwähnt noch angedeutet. Lesen kann bilden Hr. Weber, aber vielleicht auch schon zu spät?
  • Gautschi  Gregor , via Facebook 05.01.2017
    Was Mich nervt,stirbt ein Polizist bricht die ganze Schweiz zusammen.Aber tötet die Polizei jemand der eigentlich nicht getötet werden hätte müssen,dann wird alles unter denn Teppich gekehrt !
    Und was man sagen muss,in der Schweiz haben es die Polizisten gut,Wir Schweizer sind ein friedliches Volk.
    Gruass us Chur Gregor
  • Lucio Silva  Safnanno aus San Vito Lo Capo
    05.01.2017
    Er war 33, davon einige Jahre im Vollzug, hat neuerdings ein eigenes Geschäft, das eierte, 2 Mitarbeiter, die diese Woche neu anfangen sollten, trotzdem ein eigenes Haus, das er finanzierte oder besser gesagt, finanziert bekam, woher denn sonst hätte ers Geld gespart bekommen, wo andere jahrelang dafür arbeiten müssen und dieses ganze Szenario benötigt einen Businessplan, den er im Kopf hatte, nämlich die Hanfplantage, die jetzt flöten ging, jetzt sah er Rot, es bricht alles zusammen. Exit.