Krankenkassen verlieren die Nerven: Frontalangriff auf Berset «Zunehmend totalitär»

Krankenkassen-Boss Heinz Locher sieht rot wegen der Pläne von Gesundheitsminister Alain Berset.

  • Publiziert: 18.10.2012, Aktualisiert: 19.10.2012
  • Von Henry Habegger
play Krankenkassen-Boss Heinz Lochers Vorwurf an Berset: «Grober Unfug». (Peter Gerber )
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Bundesrat Alain Berset handelt.

(EQ Images)

Heinz Locher (69) ist nicht irgendwer. Er ist Präsident der Allianz Schweizer Krankenversicherer, der Helsana, Sanitas und Groupe Mutuel angehören. Mächtige Kassen also.

In der «Handelszeitung» wettert der Gesundheitsökonom über «schleichende Verstaatlichung» im Gesundheitswesen, «zunehmenden Totalitarismus», der eine «akute Gefahr» sei. Den Kassen drohe Enteignung, so Locher, und zog einen Vergleich mit «Hugo Chávez in Venezuela», dem Marxisten.

Lochers Feind Nummer 1, das wird deutlich, ist für ihn Gesundheitsminister Alain Berset (40, SP). Der von Berset ge­prägte bundesrätliche Gegenvorschlag zur Einheitskasse sei eine «gefährliche Mogelpackung». Die Idee darin, für Hochkostenfälle eine Rückversicherung zu schaffen, sei «die Vorhölle». Die Trennung von Grund- und Zusatzversicherung sei «grober Unfug», schimpft Locher.

Gesundheitspolitiker und SP-Nationalrat Jean-François Steiert, ein Vertrauter Bersets, reibt sich die Augen. «Das ist hochgradig unseriös. Wer so unter der Gürtellinie attackiert, den kann man in der politischen Diskussion nicht mehr ernst nehmen», sagt Steiert. «Auch von Versicherern darf erwartet werden, dass sie konstruktiv zu Lösungen beitragen.»

Aber Lochers Tirade zeigt, dass sich Berset im Kampf für  tiefere Prämien besser ganz warm anzieht: Für die Kassen geht es ums Eingemachte.

Lochers Vergleiche entsprächen «nicht unbedingt meinen Geschmack», sagt Christoph Meier, Direktor von Santésuisse, dem anderen Kassenverband. Aber auch er kritisiert: «Die Rückversicherung und Trennung von Grund- und Zusatzversicherung haben nur Nachteile: Sie machen alles komplizierter, teurer und rauben den Versicherten die Wahlfreiheit.»

Für Patientenvertreter Steiert ist dagegen klar: «Die Kassen sind auf Polarisierung aus. Dass sie die Trennung von Grund- und Zusatzversicherung so vehement bekämpfen, zeigt ihre finanziellen Interessen: Sie wollen weiterhin intransparent zwischen den zwei Geschäftsbereichen hin- und heroperieren.»

Beliebteste Kommentare

  • Winfried  Schulte
    Da die Bürger von Gesetz wegen zu einer Grundversicherung verpflichtet sind, wäre die Schaffung einer öffentlichen Einheitskrankenkasse für eben diese Grundversicherung nur konsequent. Meiner Meinung nach sollten Krankenversicherungen ausschliesslich nach dem Kostendeckungsprinzip wirtschaften. Gewinne sollten als Rücklagen für Versicherungsleistungen verwendet werden, ohne dass Kapitaleigner, Top-Manager und Versicherungsrepräsentanten die Möglichkeit haben mit überzogenen Bezügen auf Kosten der Versicherten abzukassieren. Die wütenden Reaktionen einiger Krankenkassen-Bosse zeigen doch nur, dass sie ihre Profitinteressen gefährdet sehen und ihnen im Falle einer Reformierung des Gesundheitswesens die Felle davon schwimmen.
  • Hermann  Dornauer , Bishkek
    Jetzt wird klar dass die Krankenkassen am zahlenden Bürger vorbei politisieren um ihre Pfründe zu schützen.

    Dieser Prämienwahnsinn Danke Frau Dreifuss muss endlich aufhören. Klar ist auch dass die Leistungen kleiner werden müssen, dort wo man es sicherheitstechnisch verantworten kann.
    • 20.10.2012
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Alle Kommentare (36)

  • Hans  Häberli , via Facebook
    Die Tatsache ist, dass die Gesundheitskosten seit Jahren explodieren. Einerseits steigen die Prämien stetig in mittlerweile unerträgliche Bereiche, andererseits werden Leistungen abgebaut.
    Als weitere Akteure sind da noch die als Privatgesellschaft agierenden Krankenversicherungen, welche sich zusätzlich zu den hohen Prämienkosten noch ihre happigen und bewusst nicht offengelegten Provisionen vom Prämienkuchen für sich abzweigen und anscheinend ebenfalls nicht offengelegte Höchstlöhne an ihre CEOs bezahlen. Können und wollen wir uns so etwas überhaupt noch weiterhin leisten?
    • 20.10.2012
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  • Nick  Schaefer
    Herr Locher liegt voll daneben, im Ton wie in der Sache.
    Dem Stimmvieh wurde die gute - weil bestmögliche - Managed Care Vorlage schlecht gemacht.
    Nun kommen halt die nächstschlechteren, jedoch einfacheren Massnahmen, zum Zuge. Der Rückversicherungstopf ist nicht sehr sinnvoll, weil er sowohl zum Risiko animiert, als auch komplex ist. Aber die absolute Abtrennung der Zusatzversicherungen ist zwingend.
    Sodann muss halt doch bei der Grundversicherung die absolute Wahlfreiheit abgeschafft werden - ein unnützer Luxus, der weder die Qualität hebt, noch Kosten spart. Wer absolute Wahlfreiheit will, soll sich das gefälligst über eine Zusatzversicherung einkaufen. Man kann ja immer noch aus hunderten von Ärztenetzen auswählen, kann aber nicht mehr nach Belieben Kosten generieren, zu Lasten der einsichtigen Bürger.
    Weiterhin müssen alle Versicherten mit Anspruch auf Prämienreduktion zwingend jedes Jahr in die günstigsten drei HMO-Kassen von Amtes wegen gewechselt werden.Da liegt ein gewaltiges Einsparpotential für den Staat auf der Strasse. Wir sind selber in der Familie davon betroffen, und finden das trotzdem nur richtig.
    Das verhindert dann auch die Lockvogelpreis-Kassen, welche immer noch jährlich von den grossen Versicherern neu lanciert werden für die gesunden Jungen Risiken. Genau diese Kassen bekämen dann auch den wohl nicht mehr so knackigen Patientenmix der unteren Einkommen. Der Staat soll dann bei den Kassen der prämienreduzierten Versicherten auch massiv Qualitätskontrolle bei der Kasse und bei den Leistungserbringern betreiben, das würde allen mal richtig einheizen.
    Die müssten dann anstatt Werbung auch Leistung erbringen.
    • 20.10.2012
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  • Hermann  Dornauer , Bishkek
    Jetzt wird klar dass die Krankenkassen am zahlenden Bürger vorbei politisieren um ihre Pfründe zu schützen.

    Dieser Prämienwahnsinn Danke Frau Dreifuss muss endlich aufhören. Klar ist auch dass die Leistungen kleiner werden müssen, dort wo man es sicherheitstechnisch verantworten kann.
    • 20.10.2012
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  • Kurt  Mäschli
    So weit so klar, aber wie ist dann Herr Lochers Meinung zur Einheitskasse? Wäre in diesem Bericht auch noch interressant.
    • 19.10.2012
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  • Klaus  Müller
    Der Sozialismus kommt oder ist schon da - via Krankenkassenprämienverbilligung. Als Familie mit 4 Kindern kommt man sich schon blöd vor, wenn man keine Verbilligung erhält früher waren Kinder teilweise befreit. Wenn aber der Staat via Steuer alles zahlt, werden viele noch unverschämter in der Topf greifen.
    • 19.10.2012
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