Beförderungs-Skandal im VBS Wusste Maurer, wen er da befördert?

Oberst Jürg S. (55) ist ein vorbestrafter Bombenleger. In den Militärakten steht über seine Taten nichts. Sagt das VBS.

  • Publiziert: 21.07.2010, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Thomas Ley, Gabriel Brönnimann und Hubert Mooser

Nach welchen Kriterien fördert die Armee ihre Offiziere? Zum Beispiel jemanden wie Jürg S.*, der seit 1. April stolzer Oberst ist.

Der Berner Oberländer Jürg S. täuschte 1987 bis 1988 rund ein Dutzend Anschläge auf sich selbst vor. Rammte sich «Jesusnägel» in die Hände. Verübte gar einen Sprengstoffanschlag aufs Haus seiner Ex-Freundin (BLICK berichtete). 1994 fasst Jürg S. zehn Monate Haft bedingt. Im Prozess bedroht er die Zeugen, die alles bloss erlogen hätten.

Psychologe Hans Ulrich Gresch sieht hier «Zeichen von Psychopathie»: Sprengstoffanschäge seien kein Kavaliersdelikt. «Und dass er jetzt ohne grosse Strafe wieder Karriere macht, erachte ich als gefährlich.»

Tatsächlich: Nach einem Wiedereinstieg über die Swisscoy im Kosovo ist Jürg S. im Militär heute höher denn je. Wieso?

Ganz einfach: Jürg S. wurde befördert «aufgrund seiner guten Leistungen», schreibt Heeres-Sprecher Christian Burri. Die böse Vorgeschichte spielte bereits 2004, beim Swisscoy-Eintritt von Jürg S., keine Rolle mehr. Wörtlich: «Da die zuständige Stelle innerhalb der Informations- und Objektsicherheit nach Einholen der notwendigen Daten über keine Informationen zur Straftat von 1987 verfügte, erliess sie eine positive Risikoverfügung.»

Zu deutsch: Die «zuständige Stelle» – niemand anderes als der Nachrichtendienst des Bundes – hatte die Attentatsserie nicht mehr in den Akten. Alles verjährt, heisst es heute. Auch dass Jürg S. die Taten teils im Militär verübte, teils mit Militärmaterial, steht offenbar in keiner Personalakte.

Und wer segnete die Beförderung im April ab? Je nach Kategorie der Offiziere die kantonale Militärbehörde oder VBS-Vorsteher Ueli Maurer (SVP) selbst. Bis gestern Abend konnte das VBS das nicht mehr abklären. Doch gemäss Insidern gehen Swisscoy-Beförderungen immer über das Pult des Departementschefs,.VBS-Sprecher Sebastian Hueber: «Bundesrat Maurer verlässt sich natürlich darauf, dass die empfehlenden Instanzen ihre Vorarbeit korrekt gemacht haben.»

Da sind auch militärtreue Parlamentarier nicht mehr so sicher: «Ich erlebte oft, dass Offiziere wegen minimster Fehler nicht befördert wurden», sagt Offizier und FDP-Nationalrat Walter Müller: «In Zivil in den Ausgang – das konnte einem die Beförderung kosten.» FDP-Kollege und Oberst im Generalstab, Peter Malama, will die Beförderungskriterien in der Sicherheitskommission besprechen: «Offiziere brauchen einen 1-A-Leumund. In diesem Fall hätte eine Beförderung nicht einmal in Betracht gezogen werden dürfen.»

*Name bekannt.

«Er experimentierte oft mit Sprengstoff. Er wusste, was er tat.»

Es ist Freitag, 9. Oktober 1987, kurz vor Sonnenaufgang. Ein VW Golf fährt ganz langsam durch das Berner Weissenbühlquartier: Der EMD-Beamte Jürg S.* (damals 32) will sicher gehen, dass sein Plan aufgeht. Dass seine Bombe explodiert, die er am Eingang eines Wohnblocks an der Seftigenstrasse angebracht hat, am Wohnhaus seiner Ex-Freundin.

Der Sprengsatz hat einen Zeitzünder, eingestellt auf 6.30 Uhr. Und einen zweiten Zünder: S. kann ihn per Funk aus seinem VW auslösen. Sein Plan B.

Otto Danner (62) verwaltetet den Wohnblock. «57 Scheiben gingen bei der Explosion kaputt. Es war Zufall, dass niemand auf dem Trottoir vorbeiging. Es hätte Tote gegeben», sagt der Berner Notar. «Er experimentierte beruflich oft mit Sprengstoff. Er wusste, was er tat.»

Jürg S. hinterlässt ein Bekennerschreiben, in dem er weitere Attentate ankündigt. «Ich fürchtete weitere Bomben», sagt Danner. «Drei Monate lang liess ich Securitas-Angestellte vor meinem Haus patrouillieren.» Dann wird S. gefasst.

Wegen des Sachschadens reicht Danner Privatklage gegen S. ein. Später zieht er sie zurück. «Aus Angst. Er kündigte an, alle zu töten, die sein Verfahren beschleunigen.» Adrian Schulthess

*Name bekannt.