Jedes Jahr gibt es weniger Bauernhöfe Wie viele Bauern braucht die Schweiz?

  • Publiziert: 14.08.2012
  • Von Peter Brühwiler, Karin Müller und Christof Vuille
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Ein Bauer mit seinem Vieh (Symbolbild)

(Keystone)

Über tausend Bauernhöfe verschwanden im letzten Jahr. Tendenz weiter sinkend. Ist das bedauernswert oder im Gegenteil: Sogar gut für die Schweiz? Eine hitzige Debatte ist entbrannt.

Im Raum, in dem die nationalrätliche Wirtschaftskommission tagt, dürfte dicke Luft herrschen. Das vorberatende Gremium diskutiert die Agrarreform 2014-2017, für welche Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) für die vier Jahre knapp 14 Milliarden Franken ausgeben will. 133 Anträge wurden dazu eingereicht.

Fakt ist: In der Schweiz gibt es immer weniger Bauernhöfe. 57‘000 waren es Ende 2011, das sind 1400 weniger als ein Jahr zuvor. Tendenz weiter sinkend. Wie ist diese Entwicklung zu beurteilen?

Der Präsident des Bauernverbands, Hansjörg Walter (SVP), wünscht sich einen höheren Selbstversorgungsgrad in der Schweiz. Dieser sagt aus, wie viel Prozent der benötigten Produkte im Inland hergestellt werden.

In der Schweiz liegt der Wert bei etwa 54 Prozent. Der Nationalratspräsident möchte ihn auf 60 Prozent anheben, sagt aber auch: «Die Zahl der Bauernhöfe wird sich bei 50'000 einpendeln.» Seine Branche brauche das Geld dringend, sagt er.

Bodenmann: 20'000 Betriebe sind genug

Viel zu viele Bauern gibt es hingegen aus Sicht des ehemaligen SP-Präsidenten Peter Bodenmann (siehe Interview): «20'000 Betriebe reichen aus. Wie viele Bauern es am Schluss sein werden, soll der Markt entscheiden, nicht die Politik.»

Mittepolitiker wollen hohen Selbstversorgungsgrad

Auch in der politischen Mitte finden sich etliche bäuerliche Nationalräte. Sie alle betonen, dass der Selbstversorgungsgrad zumindest beibehalten werden sollte.

BDP-Fraktionschef Hansjörg Hassler etwa befürchtet weltweit Ernährungsengpässe: «Die Bevölkerung wächst weltweit rasant, die Anbauflächen für Nahrungsmittel aber können nicht ausgedehnt werden, im Gegenteil.» Deshalb sei jedes Land gut beraten, einen hohen Wert anzustreben, um besser für Krisenzeiten gerüstet zu sein.

Doch lässt sich der Grad der Selbstversorgung aufrechterhalten? Ja, glaubt FDP-Nationalrat Walter Müller. Die meisten jungen Bauern, denen er begegne, würden gerne «wachsen», also grössere Betriebe führen und somit die Produktivität steigern. Doch der St. Galler warnt: «Gut zusammenarbeitende Familienbetriebe sind die richtige Lösung, die Landwirtschaft sollte nicht zu einer Industrie verkommen.»

Stichtag 1. Januar 2014

Die Landwirtschaftsthematik wird die Schweiz in den nächsten Monaten weiter in Atem halten. Noch ist das Geschäft erst in der vorberatenden Kommission, danach kommt das Monster-Geschäft in den Nationalrat.

Das ambitionierte Ziel von Bundesrat Schneider-Ammann: Am 1. Januar 2014 sollen seine Agrarvisionen Gesetz sein.

Peter Bodenmann: «20'000 Betriebe reichen aus»

Herr Bodenmann, gehen die Reformpläne von Bundesrat Schneider-Ammann in die richtige Richtung? 

Pro Haushalt bezahlen Ihre Leser – verglichen mit Österreich – 3'000 Franken zu viel für landwirtschaftliche Produkte. Die hohen Preise und Zölle bestrafen Haushalte mit kleinem und mittlerem Einkommen. Im Tirol ist die Landschaft besser gepflegt als in der Schweiz, die Bauern sind beweglicher und glücklicher. Schneider-Ammann ist leider zu wenig mutig.

 

Das heisst, es gibt zu viele Bauern in der Schweiz?

Wir haben eine Million Hektar in der Schweiz. Diese müssen endlich ­effizient und umweltfreundlich bewirtschaftet werden. 4000 Franken Direktzahlungen im Durchschnitt sind genug. Das gibt für einen 50-Hektar-Betrieb 200'000 Franken pro Jahr. Nicht schlecht. 20'000 Betriebe reichen aus. Wie viele Bauern es am Schluss sein werden, soll der Markt entscheiden, nicht die Politik.

 

Was wären die Folgen, wenn es so viele Bauern weniger geben würde?

Die Schweizer Landwirtschaft kann und muss produktiver werden. Wie alle anderen Sektoren auch. Ein Teil der meist gut ausgebildeten jungen Bäuerinnen und Bauern findet problemlos Arbeit auf dem Bau, in Büros, Altersheimen und Spitälern. Das würde die von der SVP befürchtete Zuwanderung etwas bremsen. Und wir hätten weniger unterbeschäftigte Bauern im Nationalrat. (vuc)

Beliebteste Kommentare

  • Lusti  Franz
    Ich freue mich immer wenn Herr Bodenmann als Hotelier etwas von sich gibt. Wenn man sagt die Bauern jammerten immer, dann kommt mir spontan die Tourismusindustrie in den Sinn, welche noch viel mehr Lärm macht. Nebenbei, hat sich Herr Bodenmann überlegt wieviel Arbeit 50 Hektaren in den Bergen geben? Wohl kaum, er liegt lieber in der Wellnessoase....
  • Wilhelm   Sigg , Oberrieden
    die Frage ist nicht wie viele, sondern wieviele gute!! also wieviele gute Bauern braucht unser Land? Antwort: Alle! Die Landwirtschaft ist ein Teil unserer Kultur und unseres Landes überhaupt!!

Alle Kommentare (27)

  • Hans  Häberli , via Facebook
    Es sollten genug Bauernhöfe erhalten bleiben, damit sich die Schweiz in Krisenzeiten selbst versorgen kann und wir nicht vom Ausland abhängig sind.
    • 15.08.2012
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  • benjamin  sommer
    Die unabhängige Selbstversorgung ist doch schon seit Jahren eine Illusion der Bauern um Subventionen abzuzocken. Oder glaubt hier irgendjemand, dass die schweizer Bauern unabhängig von Treibstoff, Futtermittel, Ersatzteilen, Fahrzeugen, Saisonarbeitern und Saatgut sind? Und wo kommt das wohl zu einem Gutteil her?
    • 15.08.2012
    • 11
    • 9
  • Esther  Bosshart , via Facebook
    Die Schweiz will unabhängig bleiben, dann sollte man auch schauen, dass wir unabhängig sind punkte Versorgung.
    • 15.08.2012
    • 20
    • 1
  • Otto  Lüscher , Zürich
    Sehr geehrte Damen und Herren:
    Die Landiwiese in Zürich wurde immer für Kartoffelanbau nach dem Krieg oder während dem Krieg vorgesehen. Heut glauben alle das wir keine Kriese mehr erleben werden. Sollte es doch mal anders sein hätten wir keine Vorsorge mit Lebensmittel mehr. Dafür die doppelten Einwohner. An das denkt kein Mensch mehr. Wir wären komplett auf das Ausland angewiesen. Stellt Euch das mal vor. Die warten dann sicher nicht auf die Schweiz im Ausland. Man kann sich das kaum Vorstellen. Wir brauchen den Bauernstand. Und wegen dem Verdienst wo immer allen Bauern vorgeworfen wird.Wer arbeitet vom morgens 5Uhr bis abends 21 Uhr. Kein Mensch auch sonntags dann sind 80000.Fr. noch zu wenig.Ich war Wirt und musste alle Tage auch 16-17 Stunden im Betrieb sein und weiss von was ich spreche. Hatte nur mehr im Sack weil ich keine Zeit hatte das Geld alle Tage zu brauchen. Jedre normale arbeitet 8 Stunden und dann Basta.OL
    • 15.08.2012
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    • Meyer  Hans
      Hört bitte mit dem Märchen der Selbstversorgung. Schon währen das 2. Weltkrieg konnte sich die Schweiz nich zu 100 Prozent versorgen. Und, mit die aktuelle Technik ist es möglich gleich viel Land wie vor 20 Jahren mit halb so viel Bauern zu Kultivieren. Und vom 05:00 bis 21:00 arbeiten ist schon lang vorbei, das macht die billige Arbeitskäfte aus dem Osten.
      • 15.08.2012
      • als Kommentar auf Otto  Lüscher , Zürich
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  • peter  vonlanthen
    Ich bin dann einverstanden, wenn alle Produzenten im Ausland von welchen die Schweizer landwirtwschftliche Produkte beziehen, ebenfalls eine vergleichbare Ausbildung aufweisen müssen und dies auch entsprechend belegen können. - Aber da sind dann wohl alle diesbezüglichen Produkte nicht mehr billiger als bei uns.....Ich denke jedenfalls, dass ein Viehlandwirt andere Voraussetzungen braucht als ein Gemüsebauer, aber richtig: Traktorfahren müssen beide können.
    • 15.08.2012
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