BERN – Noch bestimmt die Minarett-Abstimmung die Schlagzeilen – doch bald dürfte die Burka ins Visier der Islam-Gegner geraten. Die Aussenministerin laviert in dieser Frage.
Micheline Calmy-Rey entsetzte im letzten März ihre Gegner, als sie beim Besuch in
Teheran ein Kopftuch trug. Sie würde es wieder tun, sagte sie danach trotzig. Doch weitergehende Konzessionen an fundamentalistische Moslems würde die Feministin nie machen: Das Tragen einer Burka ist für sie tabu.Im Interview mit der Zeitung «Le matin» von heute erklärt sie: «Das erste Gefühl, das in mir aufkommt, wenn ich eine Burka sehe, ist Wut.» Zum Glück sehe man aber nicht viele Frauen in Burka bei uns. «Die einzigen, die ich wahrgenommen habe, waren Touristinnen am Genfer Stadtfest.»Nach einer ersten emotionalen Reaktion auf die Burka meldete sich bei Calmy-Rey aber wieder der liberale Geist: «Dann habe ich mir gesagt: Unsere Demokratien sind auf dem Prinzip der Freiheit erbaut worden – dem Recht auf freie Meinungsäusserung und auch der Religionsfreiheit», erzählt sie.Deshalb mag sie sich nicht so klar wie ihre Kollegin Eveline Widmer-Schlumpf für ein Burkaverbot aussprechen. Die Frage sei sehr delikat, betont Calmy-Rey. «Ich weiss nicht, wie viele Frauen unter einer Burka wirklich ihr Recht auf freie Meinungsäusserung ausüben. Das Gesetz muss garantieren, dass sie die volle Freiheit haben zu entscheiden, was sie wollen.»Calmy-Rey glaubt an Nein zur Minarett-InitiativeMit dem Kopftuch, das nur das Haar, aber nicht das Gesicht bedeckt, hat die Aussenministerin keine Probleme – wie sie ja auch bei ihrem Ahmadinedschad-Besuch bewies. Die Ausländer, die in der Schweiz leben, müssten zwar unsere Gesetze und Normen respektieren, sagt sie. «Doch es wäre eine grosse Anmassung, einer Frau, die ein Kopftuch trägt, religiösen Fanatismus oder Unterwerfung andichten zu wollen.»Calmy-Rey zeigt sich in dem Interview optimistisch, dass das Schweizer Volk am Sonntag die Minarett-Initiative klar ablehnt. Die Debatte, welche Schlüer und Co. ausgelöst haben, will sie aber nicht missen: «Es ist die Schönheit unseres Systems, dass es solche Diskussionen zulässt.»Das Thema Minarette spreche etwas Irrationales in uns an: «Wenn man den anderen nicht kennt, hat man Angst. Es ist nötig, dass die Bürger solche Befürchtungen, mit denen die
SVP spielt, ausdrücken können», betont sie. Und beruhigt all jene, die bei einem Gebetstürmchen ein mulmiges Gefühl bekommen: «Wenn jemand ein bonbonfarbiges Minarett bauen will, das mehrere hundert Meter in den Himmel ragt, können das die kantonalen Behörden aufgrund des Baurechts schon jetzt verhindern.» (hhs)