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Die Krankenkassen-Lobbyisten im Parlament wollen alle jene Versicherten bestrafen, die nicht die Minimal-Franchise von 300 Franken wählen: Ab 2011 wären sie mit einem Knebelvertrag gebunden – drei Jahre lang, wenn es nach dem Nationalrat, «mindestens zwei Jahre», wenn es nach der vorberatenden Kommission des Ständerates geht. Selbst wenn eine Kasse die Prämien massiv anheben würde, wäre ein Wechsel verboten.
Vor allem die Linke läuft Sturm gegen diese Regelung, über die der Ständerat in der Wintersession beraten wird (Blick.ch berichtete). Und auch die 1700 Blick.ch-Leser, die sich am Voting beteiligten, können der Idee wenig abgewinnen: 87 Prozent lehnen den Knebelvertrag ab, nur 7 Prozent sind dafür. Leser Fritz Bachmann aus Emmenbrücke schreibt stellvertretend für viele, dass ihm ob der Kaltblütigkeit der Lobbyisten die Worte fehlten.
Hohe Franchise = weniger Arztbesuche
Vehement bekämpft wird der Mehrjahres-Zwang auch von Comparis.ch. Kein Wunder, denn es geht ums Eingemachte: Gäbe es weniger Krankenkassen-Wechsel, könnte der Internet-Vergleichsdienst weniger Vermittlungs-Gebühren einstreichen.
Mit einer Umfrage unter 1222 Personen in den verschiedenen Landesteilen will Comparis belegen, dass die Knebelverträge kontraproduktiv sind und letztlich zu höheren Kosten führen. Denn: wer eine hohe Franchise hat, nimmt tendenziell seltener eine ärztliche Leistung in Anspruch. Weil sämtliche Kosten bis zur selbstgewählten Grenze von 1500, 2000 oder 2500 Franken muss der Patient selbst berappen.
Kämen die Lobbyisten mit ihrem Vorschlag im Parlament durch, würden aber alle Franchisen ausser der tiefsten von 300 Franken unattraktiv. Denn nur diese würde einen Wechsel der Kasse jedes Jahr ermöglichen. 28 Prozent der für die Studie befragten Schweizer mit hoher Franchise gaben dementsprechend an, dass sie ihren Selbstbehalt auf 300 Franken senken würden, wenn der Knebelvertrag Tatsache würde.
250000 würden Arzt-Praxen stürmen
Diese «Franchisen-Hopper» müssten künftig viel höhere Monatsprämien bezahlen – und das wiederum verleitet dazu, häufiger zum Doktor zu gehen. «Man will ja was für sein Geld haben!», würden sich 26 Prozent denken – und mehr Gesundheitsdienste in Anspruch nehmen (siehe Grafik). Weil es sich dabei um immerhin 250000 Menschen handelt, ginge die Kostenexplosion im Gesundheitswesen unvermindert weiter.
Der mehrjährige Vertragszwang werde so vollends zum Eigengoal, schreibt Comparis-Chef Richard Eisler. Damit werde ein Verhalten gefördert, dass «mit Sicherheit zu höheren Gesundheitskosten führt», argumentiert er.
So weit muss es nicht kommen. Wie SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga gegenüber Blick.ch sagte, steht ein Kompromissvorschlag im Raum: Versicherer dürften demnach selber entscheiden, ob sie höhere Franchisen nur mit dem Zwang zu Mehrjahres-Verträgen anbieten.
Der Markt würde dann zugunsten jener Kassen spielen, die weiterhin auf Abschlüsse über bloss ein Jahr setzen. Denn eins ist klar: Die Knebelverträge sind höchst unpopulär bei den Kunden.
play
Schweizer Arztpraxen könnten bald von Patienten mit tiefer Franchise überschwemmt werden. (Keystone)